Diplomarbeit, 2002
136 Seiten, Note: 1,0
Einleitung
Teil A: Reflexionen zur Teilhabe schwerstbehinderter Menschen am Arbeitsleben
1 Zum Personenkreis der Schwerstbehinderten
1.1 Zum Terminus
1.2 Definitionsversuche für Schwerstbehinderung
1.2.1 Am Normalitätsbegriff orientierte Definitionen
1.2.2 Am Hilfebedarf orientierte Definitionen
1.2.3 An sozialen Bedingungen orientierte Definitionen
1.3 Menschen mit schwerster Behinderung als ‚Minderproduktive’
2 Kritische Betrachtung der Werkstatt für behinderte Menschen
2.1 Zur Geschichte
2.2 Die heutige Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) als Einrichtung zur Teilhabe am Arbeitsleben
2.2.1 Zur Struktur der WfbM und ihrer Kostenträgerschaft
2.2.2 Zur Rechtsstellung behinderter Mitarbeiter der WfbM
2.2.3 Zum Stellenwert der Pädagogik in der WfbM
2.2.4 Zur ‚einheitlichen Werkstatt’ und ihrer Beschränkung
2.3 Beschäftigungsstätten unter dem verlängerten Dach der WfbM
3 Zur Bedeutung der Arbeit für den Menschen
3.1 Zum Arbeitsbegriff
3.2 Zur Bedeutung von Arbeit im gesellschaftlichem Kontext
3.2.1 Erwerbstätigkeit als ‚Kerndimension moderner Industriegesellschaften’
3.2.2 Soziales Bedrohtsein durch minderproduktive Arbeitsleistung
3.3 Zur Bedeutung der Erwerbstätigkeit für behinderte Menschen
3.3.1 Einfluss der Erwerbstätigkeit auf das Individuum
3.3.2 Tendenzen einer alternativen Anpassung von Arbeit an die ‚Bedürfnisse’ der Schwerstbehinderten
4 Ein neues Verständnis der Arbeitsrehabilitation?
4.1 Zum Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Realität und ‚normativer’ Utopie
4.2 Die ‚Utopie der Ganzheitlichkeit’ versus Entfremdung in der Erwerbstätigkeit
4.3 Die Forderung eines neuen Verständnisses der Arbeitsrehabilitation als Konsequenz des Sozialstaates
Teil B: Psychologisch-pädagogische Grundlagen und Überlegungen zur praktischen Gestaltung einer ‚Werkstatt für alle’
5 Zur Bedeutung von Tätigkeit für die Persönlichkeitsentwicklung
5.1 Zum Tätigkeitsbegriff der ‚Kulturhistorischen Schule’
5.1.1 Zur Struktur der Tätigkeit
5.1.2 Auseinandersetzung mit kritischen Stimmen zur Tätigkeitstheorie
5.2 Zur Tätigkeit als ästhetisches Spiel
6 Die Theorie der ‚Zone der nächsten Entwicklung’ als Instrumentarium einer entwicklungsgemäßen Persönlichkeitsförderung in der Werkstatt
6.1 Zur ‚Zone der nächsten Entwicklung’ (ZdnE)
6.2 Zur Tätigkeit auf verschiedenen Entwicklungsniveaus
6.3 Zur Bedeutung des sozialen Bezuges
7 Entwurf einer ‚Werkstatt für alle’ in Anlehnung an eine dänische Modelleinrichtung
7.1 Grundsätze der ‚Werkstatt für alle’
7.2 Exkurs: Die beschützte Werkstatt ‚Trekanten’ als Einrichtung des dänischen Sozialsystems
7.3 Umsetzungsmöglichkeiten eines ganzheitlich-tätigkeitsorientierten Werkstattkonzeptes in der Praxis
7.3.1 Integration in der Werkstatt
7.3.2 Das Angebot der Haupttätigkeiten
7.3.3 Die additiven Tätigkeitsangebote
7.3.4 Selbstbestimmte Entscheidungen als Indikatoren für die ZdnE
7.3.5 Zur Berücksichtigung der Erfahrungskategorien von Erwerbstätigkeit
Schlussbemerkungen
Die Diplomarbeit untersucht die Teilhabemöglichkeiten schwerstbehinderter Menschen am Arbeitsleben im deutschen Rehabilitationsrecht und stellt fest, dass diese häufig aufgrund ihrer als ‚minderproduktiv’ eingestuften Arbeitsleistung exkludiert werden. Ziel der Arbeit ist es, die normative Bedeutung einer entwicklungsgemäßen Beteiligung am gesellschaftlichen Arbeitsprozess für alle Menschen aufzuzeigen und als Alternative zum bestehenden System ein ganzheitlich-tätigkeitsorientiertes Praxismodell einer ‚Werkstatt für alle’ zu entwickeln.
3.2.2 Soziales Bedrohtsein durch minderproduktive Arbeitsleistung
Dadurch, dass die über den ökonomisch sehr eng gefassten Leistungsbegriff definierte Erwerbsarbeit einen so hohen normativen Stellenwert in unserer Gesellschaft einnimmt, geraten diejenigen, deren Leistungsfähigkeit keinen Erfolg in der Erwerbstätigkeit verspricht, in die Lage des sozialen Bedrohtseins.
Die Leistungsfähigkeit nämlich bestimmt die Qualität der Arbeitskraft. Da die meisten Menschen auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind, um am Warenkonsum teilzuhaben, sind Menschen mit gesellschaftlich unterdurchschnittlich ausgebildeter Arbeitsfähigkeit potentiell benachteiligt (vgl. JANTZEN 1987, 30). Behinderte Menschen geraten so durch ihre „Arbeitskraft minderer Güte“ (ebd.) in materielle Abhängigkeit gegenüber der sozialen Gemeinschaft, da sie zur Existenzsicherung auf Leistungen des Sozialhilfeträgers angewiesen sind.
Verschärft wird diese Situation dadurch, dass sich in allen Industriegesellschaften die Erwerbsstruktur in den letzten 30 Jahren drastisch verändert hat. Während früher die Qualifikationsprofile von Handwerkern und Facharbeitern dominierten, sind heute aufgrund des großen Bedarfs im angewachsenen Dienstleistungssektor überwiegend auf theoretischem Wissen basierende Qualifikationen gefragt (vgl. HEINZ 1995, 24). So hat der Anteil der Produktionsarbeit Anfang der 90er Jahre nur noch etwa 20% betragen (vgl. ebd.). Für diese handwerklich dominierten Tätigkeiten aber braucht der Arbeitsmarkt im maschinell dominierten Produktionsprozess immer weniger qualifizierte Erwerbstätige. Dagegen stehen nun eine Vielzahl von ansonsten nicht benötigten qualifizierten Handwerkern und Facharbeitern zur Verfügung, die diese ‚leichten Arbeiten’ der Erwerbslosigkeit vorziehen und von der Industrie aufgrund ihrer, zwar nicht unbedingt notwendigen, Qualifikation auch gegenüber den weniger Fähigen vorgezogen werden. Dadurch erhöht sich der Druck auf die Unqualifizierten in unserer Gesellschaft, z.B. die Lernbehinderten, die in der Folge vermehrt in den WfbM aufgenommen werden und hier wiederum eine veränderte Arbeitsstruktur schaffen, die sich zum Nachteil der Schwerstbehinderten auswirkt (vgl. SPECK 1998b, 6).
1 Zum Personenkreis der Schwerstbehinderten: Dieses Kapitel definiert und hinterfragt den Terminus ‚Schwerstbehinderung’ sowie verschiedene Definitionsperspektiven im Kontext der gesellschaftlichen Teilhabe.
2 Kritische Betrachtung der Werkstatt für behinderte Menschen: Es erfolgt eine historische und strukturelle Analyse der WfbM als zentrale Einrichtung der beruflichen Rehabilitation sowie eine Problematisierung ihrer Orientierung an ökonomischer Produktivität.
3 Zur Bedeutung der Arbeit für den Menschen: Dieses Kapitel erörtert die anthropologische und gesellschaftliche Relevanz von Arbeit, Erwerbstätigkeit und deren Stellenwert für das Selbstbild und den sozialen Status.
4 Ein neues Verständnis der Arbeitsrehabilitation?: Hier wird der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Realität und dem Ziel ganzheitlicher Teilhabe thematisiert sowie die Forderung nach einem neuen Verständnis der Arbeitsrehabilitation unterlegt.
5 Zur Bedeutung von Tätigkeit für die Persönlichkeitsentwicklung: Basierend auf der kulturhistorischen Tätigkeitstheorie wird die Bedeutung von Tätigkeit für die Persönlichkeitsentwicklung sowie die Rolle des ästhetischen Spiels als Ergänzung zur Arbeit dargelegt.
6 Die Theorie der ‚Zone der nächsten Entwicklung’ als Instrumentarium einer entwicklungsgemäßen Persönlichkeitsförderung in der Werkstatt: Es wird erläutert, wie das Konzept der ‚Zone der nächsten Entwicklung’ zur individuellen Strukturierung von Arbeitsprozessen in der Werkstatt genutzt werden kann.
7 Entwurf einer ‚Werkstatt für alle’ in Anlehnung an eine dänische Modelleinrichtung: Aufbauend auf den theoretischen Ergebnissen wird ein Praxismodell entwickelt, das individuelle Förderung in den Mittelpunkt stellt und durch dänische Erfahrungen inspiriert ist.
Schwerstbehinderung, berufliche Rehabilitation, Werkstatt für behinderte Menschen, WfbM, Minderproduktive, Teilhabe am Arbeitsleben, Tätigkeitstheorie, Zone der nächsten Entwicklung, Persönlichkeitsentwicklung, Arbeit, Erwerbsfähigkeit, soziale Isolation, Sonderpädagogik, ganzheitliche Förderung, Integration
Die Arbeit analysiert die Teilhabe am Arbeitsleben für schwerstbehinderte Menschen in Deutschland und kritisiert, dass das bestehende System der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) diese Personengruppe oft als ‚minderproduktiv’ ausschließt.
Die Arbeit verknüpft rechtliche Rahmenbedingungen der beruflichen Rehabilitation mit psychologisch-pädagogischen Theorien zur Bedeutung von Arbeit und menschlicher Tätigkeit.
Ziel ist es, die normative Notwendigkeit einer entwicklungsgemäßen Teilhabe am Arbeitsleben für alle Menschen, ungeachtet ihrer Behinderungsschwere, zu begründen und ein alternatives Praxismodell einer ‚Werkstatt für alle’ zu entwerfen.
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die auf Literaturanalyse, der Reflexion gesetzlicher Rahmenbedingungen sowie der Übertragung von Erkenntnissen aus der kulturhistorischen Tätigkeitstheorie (u.a. JANTZEN) basiert.
Der Hauptteil gliedert sich in eine kritische Reflexion des aktuellen Rehabilitationsrechts, eine fundamentale Auseinandersetzung mit dem Arbeits- und Tätigkeitsbegriff sowie einen Entwurf für ein ganzheitliches Werkstattkonzept.
Zu den zentralen Begriffen zählen Schwerstbehinderung, berufliche Rehabilitation, Tätigkeitstheorie, Zone der nächsten Entwicklung, Integration und ganzheitliche Persönlichkeitsförderung.
Die ZdnE dient als pädagogisches Instrument, um individuelle Tätigkeitsangebote zu strukturieren, die weder unterfordern noch überfordern, um so fortschreitende Aneignungsprozesse bei schwerstbehinderten Menschen zu ermöglichen.
Das dänische Modell ‚Trekanten’ dient als Beispiel, wie eine Werkstatt ohne strikte Differenzierung nach Leistungsfähigkeit agieren kann, wobei die individuelle Entwicklung und nicht die ökonomische Verwertbarkeit im Zentrum steht.
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