Examensarbeit, 2008
78 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
2. Die Begriffe der Geschichte und Geschichtsschreibung
2.1 Im Fokus poststrukturalistischer Theorien
2.1.1 Die Différance
2.1.2 Diskurs und Macht
2.1.3 New Historicism und Cultural Materialism
2.2 Im Fokus postmoderner Theorien
2.2.1 Das Konzept der Nation
2.2.2 Historiographische Metafiktion
3. Australiens koloniales Erbe
3.1 Problematisierung der Geschichtsdarstellung
3.2 Exile
3.3 Convicts und Bushrangers
4. Entwürfe australischer Geschichte
4.1 The Playmaker
4.1.1 Fakt und Fiktion
4.1.2 Raum und Zeit
4.1.3 Theater und Identität
4.2 The Conversations at Curlow Creek
4.2.1 Erinnerung
4.2.2 Reconciliation
4.2.3 Legenden und Träume
5. Schlussbemerkung
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern zeitgenössische australische Romane durch historiographisch-metafiktionale Ansätze die als objektiv propagierte, koloniale Geschichtsschreibung Australiens dekonstruieren und eine pluralere Sichtweise auf nationale Identität und das koloniale Erbe ermöglichen.
2.1.1 Die Différance
In seinem Werk Grammatologie beklagt Derrida den Logozentrismus (gr. logos = Wort, Gesetz, Sinn, Bedeutung) der Wissenschaften, die seit jeher als Inbegriff der Logik bestimmt wurden. Dabei wirft er der abendländischen Philosophie vor, sie beruhe auf "der Metaphysik der Präsenz“, die "den Ursprung der Wahrheit [...] von jeher dem Logos zugewiesen hat“ (Grammatologie 11/12). Das bedeutet, dass sich das wissenschaftliche Denken immer in zentristischen Strukturen bewegt hat, und alle Dinge auf einen "Punkt der Präsenz“, einen "festen Ursprung“, zurückführen wollte (Derrida, Schrift 422). Diese Präsenz, das Zentrum, liegt jedoch paradoxerweise sowohl innerhalb, als auch außerhalb der Struktur; es beherrscht sie zwar, wird selbst aber nicht hinterfragt (Derrida, Schrift 423).
Demnach betrachtet Derrida unser ganzes Wissen, das aus der Suche nach Begründungen, Prinzipien und Ursachen besteht, als "eine Reihe einander substituierender Zentren, als eine Verkettung von Bestimmungen des Zentrums“ (Schrift 423), die "immer nur die Invariante einer Präsenz [...] (Essenz, Existenz, Substanz, Subjekt) [...] Transzendentalität, Bewußtsein, Gott, Mensch usw. bezeichnet haben“ (Schrift 424).
Die Annahme solcher Präsenzen oder Zentren ist jedoch nach Derrida haltlos, wie er anhand der Methode der Dekonstruktion, die später noch erörtert wird, zeigt; es gibt kein Zentrum, "das in der Gestalt eines Anwesenden gedacht werden kann“ (424). Der Wunsch nach Wahrheit ist vielmehr Ausdruck des Verlangens der Menschen nach Einheit, um ihre eigene Existenz im Kosmos, ihr Dasein als Präsenz, zu garantieren, um somit ein Gefühl der Sicherheit und Gewissheit zu haben (Selden 164). Derrida glaubt, dass alle Bedeutungen, mit denen der Mensch seine Umwelt strukturiert, von der Sprache abhängig sind, und durch sie entstehen.
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die mangelnde Bekanntheit kritischer australischer Literatur in Deutschland und erläutert die historische Verflechtung Australiens mit England sowie die Auswirkungen der Kolonialisierung auf das nationale Identitätsverständnis.
2. Die Begriffe der Geschichte und Geschichtsschreibung: Dieses Kapitel hinterfragt die Objektivität der Geschichtswissenschaft unter Zuhilfenahme poststrukturalistischer Ansätze wie Derridas Différance und Foucaults Diskurstheorie sowie postmoderner Theorien zur Konstruktion von Nationen.
3. Australiens koloniales Erbe: Hier wird das koloniale Erbe Australiens als neokolonialer Zustand analysiert, wobei besonders die Erfahrung des Exils und die Mythen um Sträflinge und Bushranger als identitätsstiftende, aber auch exkludierende Faktoren beleuchtet werden.
4. Entwürfe australischer Geschichte: Das Hauptkapitel analysiert die Romane The Playmaker und The Conversations at Curlow Creek hinsichtlich ihrer Verwendung historiographischer Metafiktion, um etablierte Geschichtskonzepte zu dekonstruieren.
5. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert, dass Geschichte stets ein menschliches Konstrukt ist und betont die Notwendigkeit, essentialistische Denkmuster durch Pluralität zu ersetzen, um den gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart zu begegnen.
Australische Literatur, Postkolonialismus, Historiographische Metafiktion, Geschichte, Geschichtsschreibung, Nation, Identität, Kolonialismus, Derrida, Foucault, The Playmaker, The Conversations at Curlow Creek, Exil, Aborigines, Konstruktivismus
Die Arbeit untersucht, wie zeitgenössische australische Autoren Geschichte in Romanen neu konstruieren, um die dominierenden, oft eurozentrischen Narrative über die australische Vergangenheit und nationale Identität kritisch zu hinterfragen.
Zentrale Themen sind die Problematisierung von Geschichtsschreibung als objektive Wissenschaft, das Konzept der Nation, die Rolle der Sprache in Machtstrukturen sowie die Auswirkungen der kolonialen Geschichte auf die heutige australische Gesellschaft.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Geschichte keine natürliche, wahrheitsgetreue Rekonstruktion ist, sondern ein künstliches Konstrukt, das im Roman durch historiographische Metafiktion zugunsten vielfältiger, unterdrückter Perspektiven neu verhandelt werden kann.
Es werden vorrangig poststrukturalistische Theorien (Derrida, Foucault) und postmoderne Ansätze (Lyotard, Hutcheon) herangezogen, um sowohl historische Texte als auch die beiden untersuchten Romane zu analysieren.
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen der Geschichtsdekonstruktion erörtert, gefolgt von einer Analyse des kolonialen Erbes Australiens und schließlich der detaillierten literarischen Untersuchung der Romane von Thomas Keneally und David Malouf.
Wichtige Begriffe sind Différance, Diskurs und Macht, historiographische Metafiktion, Exilerfahrung, koloniale Identität, "White Australia Policy" und die Denaturalisierung des Nationsbegriffs.
Das Exil wird als prägendes Trauma beschrieben, das zu einer verinnerlichten Opferhaltung und der verzweifelten Suche nach einer sicheren, "weißen" nationalen Identität führt, die sich von den tatsächlichen, multikulturellen Realitäten des Landes abgrenzt.
Sie dient dazu, die Grenze zwischen Fakt und Fiktion aufzuheben und den Leser dazu zu bewegen, historische "Wahrheiten" selbstkritisch zu prüfen, anstatt sie als naturgegebene Fakten hinzunehmen.
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