Magisterarbeit, 2008
85 Seiten, Note: 2,1
I. Einleitung
II. Kollektive Identitäten und nationale Identität
1. Kollektive Identitäten
1.1. Geschlecht
1.2. Territoriale Identitäten
1.3. Sozio-ökonomische Identitäten
1.4. Religiöse Identitäten
1.5. Religiöse und ethnische Identitäten
2. Nationale Identität
2.1. Elemente nationaler Identitäten
2.2. Nationenkonzepte
2.3. Funktionen nationaler Identitäten
2.3.1. Externe Funktionen
2.3.2. Interne Funktionen
2.4. Probleme nationaler Identitäten
2.5. Ethnische Grundlagen
2.6. Typen ethnischer Gemeinschaften
2.6.1. Laterale ethnische Gemeinschaften
2.6.2. Vertikale ethnische Gemeinschaften und ihre Transformationswege
3. Moderne und Antike in der Nation
3.1. Nationalismus und Moderne
3.2. Nationalismus und Industrialismus
3.3. Soziale Entropie
3.4. Die Bedeutung vormoderner Elemente
3.5. Die kulturelle Nation
3.6. Ethnische nationale Identitäten
3.7. Die Anwendung ethnischer Geschichte
3.8. Stärken und Schwächen
3.9. Ethnizität und Nationalismus
3.10. Ethnizität
3.11. Kollektive Identität in Krisen
3.12. Multiple Identitäten
III. Die tschechische Nationalidentität
1. Die Rolle von Ethnizität
1.1. Das Konzept der tschechoslowakischen Identität
1.1.1. Tschechoslawismus und Tschechoslowakismus
1.1.2. Das Bild der Tschechen von den Slowaken
1.1.3. Der Trennungsprozess
1.1.4. Gründe für die Trennung
1.2. Sprache und Nation
1.3. Mystifizierung auf Tschechisch
1.4. Landesname
2. Tschechische Nation und tschechische Geschichte
2.1. Das historische Gedächtnis der Nation
2.2. Das nationalistische Geschichtsbild
2.2.1. Der tschechische Mythos vom weißen Berg und sein poltitisches Potenzial
2.2.2. Das Münchner Abkommen und seine Wiedergutmachung
2.3. Das nicht-nationalistische Geschichtsbild
2.4. Tomas Masaryk & Vaclav Havel
2.5. Die Geburt der modernen tschechischen Identität
2.6. Die Sozialstruktur des Nationalbewusstseins
3. Nationale Symbole, Stereotypen, Traditionen
3.1. Die tschechische Nationalidentität und die postkommunistische soziale Transformation
3.1.1. Speziell tschechische Aspekte während der Revolution von 1989 und zur Zeit des Kommunismus
3.1.2. Das Öffentliche und das Private in der sozialistischen Tschechoslowakei
3.1.3. Opposition zum kommunistischen Regime
3.1.4. Symbolische Aspekte der ersten öffentlichen Demonstrationen
3.1.5. Schauplätze als nationale Symbole
3.1.5.1. Der Wenzelsplatz
3.1.5.2. Das Denkmal von Jan Hus
3.1.5.3. Die Prager Burg
3.2. Tschechische Märtyrersymbolik
3.3. Das Samt – Symbol
3.4. Die Wahrheit siegt
3.5. Stereotypen und Selbstbilder
3.6. Nationale Traditionen und ihr Einfluss auf politische Ereignisse
Die Arbeit untersucht Identitätsbildungsprozesse und die Konstruktion der tschechischen Nation im soziologischen Kontext, wobei sie theoretische Konzepte (u.a. von A. Smith und E. Gellner) auf tschechische Fallbeispiele anwendet, um zu ergründen, wie Geschichte, Mythen und Symbole zur Identitätsbildung beitragen.
3.1.5.1. Das symbolische Herz des Landes: Der Wenzelsplatz
Die Kulisse des Wenzelsplatzes im Stadtzentrum von Prag speist sich vor allem aus dem 1891 vollendeten Museum des Böhmischen Königreichs und heutigen Nationalmuseum in Verbindung mit dem Reiterstandbild des heiligen Wenzel, das unmittelbar vor dem Museumsgebäude seit 1912 am oberen Ende des Platzes steht. Wenzel war der Sohn und Nachfolger von Vratislav, dem Stammesobersten der Tschechen aus dem frühen zehnten Jahrhundert mit Sitz in Prag, und gilt als Gründer des tschechischen Staates, der die böhmischen Stämme vereinte. Von seinem Bruder Boleslav ermordet, wurde er schnell zum Märtyrer für das Christentum, dem er treu ergeben war, und in Regensburg von der Diözese heilig gesprochen. Der Legende nach ist er einer der tschechischen Ritter, die schlafend am Fuße des Berges Blanik in Mittelböhmen auf ihre Auferstehung warten, um die Nation gegen ihre Feinde zurück in die Freiheit zu führen (Holy 1996, S.35f).
Schon von 1678 bis 1879 stand eine barocke Reiterstatue des heiligen Wenzel in der Mitte des Platzes, wo nach einer Messe 1848 die nationalen Juniaufstände begannen. Die in der Tradition des heiligen Wenzel angelegten Rollen als zentraler Landespatron, als Repräsentant der früheren und künftigen Autonomie der böhmischen Länder, und als Bezugsfigur der politischen Visionen und Legitimationen, in der sich die Idee politischer Selbständigkeit mit dem Bewusstsein von einer autonomen tschechischen Kultur verbindet, kamen damals politisch zur Geltung und bestehen in dem heutigen Reiterstandbild des hl. Wenzel von Josef Vaclav Myslbek fort, auch wenn die Figuren inzwischen, einem geschichtlichen Rahmen entrückt, betont individuell dargestellt sind.
I. Einleitung: Einführung in die sozialwissenschaftliche Diskussion über kollektive Identitäten und Skizzierung des Untersuchungsrahmens zur tschechischen Nation.
II. Kollektive Identitäten und nationale Identität: Theoretische Auseinandersetzung mit Identitätsbegriffen, der Abgrenzung von Ethnien und Nationen sowie den Transformationsprozessen von traditionellen Gemeinschaften zu modernen Nationalstaaten.
III. Die tschechische Nationalidentität: Analyse des tschechischen Nationalismus, der Rolle von Mythen, Geschichte und Symbolen, sowie deren Bedeutung bei der postkommunistischen Transformation der tschechischen Gesellschaft.
Tschechische Nation, Nationalidentität, Nationalismus, Ethnizität, Kollektive Identität, Transformation, Soziale Entropie, Moderne, Traditionen, Symbole, Geschichtsbild, Jan Hus, Wenzelsplatz, Samtene Revolution, Identitätsbildung.
Die Arbeit untersucht die soziologischen Grundlagen und Diskurse, die die tschechische nationale Identität seit dem 19. Jahrhundert bis zur Zeit nach dem Fall des Kommunismus geprägt haben.
Die zentralen Felder sind die Definition von Nation und Nationalismus, die Bedeutung ethnischer Grundlagen, die Konstruktion von Geschichtsbildern sowie die Funktion nationaler Symbole und Traditionen.
Das Ziel ist es, den Versuch zu unternehmen, die komplexen Debatten zur tschechischen Nation in ein soziologisches Profil zu fassen und die Rolle von Geschichte, Mythen und nationalen Erfindungen in diesem Prozess zu beleuchten.
Die Arbeit nutzt einen soziologisch-theoretischen Ansatz, indem sie Konzepte von Theoretikern wie A. Smith und E. Gellner mit empirischen Daten zur tschechischen Sozialstruktur (insbesondere von Miroslav Hroch) kombiniert.
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Auseinandersetzung mit Identität und Nationalismus sowie die detaillierte Betrachtung der tschechischen Geschichte, ihrer Mythen (wie der Schlacht am Weißen Berg) und ihrer nationalen Symbole (z.B. Wenzelsplatz, Prager Burg, das Samt-Symbol).
Die Arbeit zeichnet sich durch die interdisziplinäre Verknüpfung von historischer Analyse, anthropologischer Perspektive und soziologischer Theoriebildung aus, um den "tschechischen Fall" im Kontext europäischer Entwicklungen zu verstehen.
Er gilt als "nationale Tragödie" und zentraler Scheideweg, der die tschechische Geschichte in eine glanzvolle Epoche vor 1620 und eine Epoche des "dunklen Verfalls" unter fremder Herrschaft einteilt, was zur Vereinigung der Nation nach innen beiträgt.
Es fungiert sowohl als positives Symbol der gewaltlosen Demokratisierung nach 1989 als auch als Indikator für eine vermeintliche tschechische Schwäche (Konfliktvermeidung und mangelnde Entschlossenheit), was die ambivalente nationale Selbstwahrnehmung verdeutlicht.
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