Diplomarbeit, 2008
114 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Theoretischer Teil: Freuds Kulturtheorie in Das Unbehagen in der Kultur
2.1 Wofür überhaupt Kultur?
2.2 Der Ursprung des kulturellen Unbehagens
2.3 Die (Un-)Lösbarkeit des Unbehagens in der Kultur
2.4 Kritik und Modifikationen: Kritische Theorie
3. William Shakespeare, Antony and Cleopatra
3.1 Die Signifikanz von Dichotomien und Alterität für das Stück
3.1.1 Die Dichotomie Rom – Ägypten
3.1.2 Antonys Dilemma
3.2 Antony and Cleopatra aus Sicht der Freudschen Kulturkritik
3.2.1 Rom und Ägypten als Paradigma von Kultur und Trieb
3.2.2 Antony, Cleopatra und der Eros
3.2.3 Die Signifikanz des Todestriebs für das Stück
3.2.4 Octavius Caesar: ein römisches Über-Ich?
3.2.5 Antonys Versuch der Synthese und sein Scheitern
3.3 Fazit
4. Emily Brontë, Wuthering Heights
4.1 Kulturelle und soziale Spannungsfelder in Wuthering Heights
4.1.1 Die Abgrenzung der Sphären ‚Stadt‘, ‚Land‘ und ‚Wildnis‘
4.1.2 Die Opposition von Wuthering Heights und Thrushcross Grange
4.2 Die Kulturkritik in Wuthering Heights aus Freudscher Perspektive
4.2.1 Krankheit als Ausdruck kultureller Neurosen
4.2.2 Heathcliff als monomanischer Kulturmensch
4.2.3 Eine Liaison von Kultur und Trieb? Zwei Generationen im Vergleich
4.3 Schlussfolgerung
5. Joseph Conrad, Heart of Darkness
5.1 Anthropologischer und kolonialer Kontext
5.1.1 Zivilisation und Barbarei als Funktion von Evolution und Regression
5.1.2 Kolonialismus als Menschheitsbestimmung?
5.2 Der Trieb-Kultur-Konflikt in Heart of Darkness
5.2.1 Kulturversagung und Kulturbehauptung bei den Europäern
5.2.2 Die ‚barbarische‘ Gemeinschaft der Afrikaner
5.2.3 Die Verbannung des Eros
5.2.4 Kurtz: barbarisches Es oder kulturelles Über-Ich?
5.2.5 Marlows ‚choice of nightmares‘
5.3 Ergebnisse
6. Ian McEwan, The Cement Garden
6.1 Ausgangssituation: Patriarchalische Gesellschaft und kränkliche Zivilisation
6.1.1 Das brüchige Regiment des Vaters
6.1.2 Der zementierte Garten als Symbol einer verfehlten Kultur
6.1.3 Formen und Funktion der Männlich-Weiblich-Dichotomie im Roman
6.2 The Cement Garden als Parabel kulturellen Unbehagens
6.2.1 Die Erosion der Kultur
6.2.2 Inzestuöse Geschwistergemeinschaft als Alternative?
6.2.3 Das väterliche Über-Ich zwischen Schuldgefühl und Auflehnung
6.2.4 Derek als ambivalenter Kulturmensch
6.3 Fazit
7. Schlussbetrachtung
8. Bibliographie
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen menschlichem Trieb und kultureller Zivilisation anhand ausgewählter Werke der britischen Literatur. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, inwiefern literarische Texte Freuds Kulturtheorie bestätigen, modifizieren oder widersprechen und ob ein harmonischer Ausgleich zwischen individuellen Triebbedürfnissen und gesellschaftlichen Normen in den analysierten Narrativen überhaupt möglich ist.
3. William Shakespeare, Antony and Cleopatra
William Shakespeares Römerdrama Antony and Cleopatra (Foliofassung 1623) lebt wie kaum ein anderes seiner Werke von der Gegenüberstellung offenbar scharf abgegrenzter kultureller Gegensätze einerseits sowie der angesichts dieses Kontrasts oftmals verwirrenden Hybridität seiner beiden titelgebenden Protagonisten andererseits. Es thematisiert hierbei insbesondere das Dilemma zwischen öffentlicher Pflicht- und privater Glückserfüllung. Ania Loomba verortet es in einer Traditionslinie elisabethanischer Werke, „in which sexual passion expresses, but also ultimately sabotages, imperial ambition.“ Es behandelt also den Konflikt zwischen persönlicher Trieb- und Lustbefriedigung auf der einen, sowie Selbstbeschränkung und äußerem Zwang zum Erreichen „höherer“ Ziele auf der anderen Seite.
Dieser Konflikt wird zwar primär auf der individuellen Ebene Antonys ausgetragen, hat aber angesichts seiner staatstragenden und vor allem identitätsstiftenden Rolle für die anderen Römer gleichzeitig weitreichende Implikationen auf politischer und soziokultureller Ebene. Es ist ebendiese Konfliktkonstellation, welche Antony and Cleopatra für eine ausführliche Analyse unter Anwendung der Freudschen Kulturtheorie prädestiniert. Ziel dieses Kapitels ist es daher zu untersuchen, inwieweit Antony and Cleopatra (rund dreihundert Jahre vor Freud geschrieben!) als dramatisches „Fallbeispiel“ kulturellen Unbehagens und des Versuchs seiner Überwindung gelesen werden kann und zu welcher Stellungnahme und eventuellen Lösungsansätzen für den Trieb-Kultur-Konflikt das Stück dabei kommt.
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das zentrale Thema des Dualismus von Natur und Kultur ein und erläutert die Anwendung von Sigmund Freuds Kulturtheorie auf vier ausgewählte Werke der britischen Literatur.
2. Theoretischer Teil: Freuds Kulturtheorie in Das Unbehagen in der Kultur: Dieser Teil legt die theoretische Basis durch die Analyse von Freuds Essay, wobei die Unlösbarkeit des Konflikts zwischen Triebbefriedigung und zivilisatorischer Selbstbeschränkung im Zentrum steht.
3. William Shakespeare, Antony and Cleopatra: Das Kapitel untersucht Shakespeares Römerdrama als Fallbeispiel für den Zusammenprall römischer Disziplin und ägyptischer Triebhaftigkeit, wobei Antonys Scheitern an der Synthese beider Sphären beleuchtet wird.
4. Emily Brontë, Wuthering Heights: Die Analyse zeigt, wie der Roman über drei Generationen hinweg die Selbstkannibalisierung einer Kultur darstellt, die ihre Triebbedürfnisse nicht integrieren kann, was zu Krankheit und Regression führt.
5. Joseph Conrad, Heart of Darkness: Conrads Novelle dient als Untersuchung des Scheiterns europäischer Zivilisationsansprüche im kolonialen Afrika, wo Marlow die bittere Erkenntnis über die Fragilität kultureller Identität gewinnt.
6. Ian McEwan, The Cement Garden: Dieses Kapitel analysiert McEwans Roman als Studie über die Erosion familiärer und kultureller Autorität, in der der Inzest als radikaler Ausbruchsversuch aus der modernen Zivilisationswüste thematisiert wird.
7. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass alle behandelten Texte den Kulturpessimismus Freuds teilen, indem sie einen harmonischen Ausgleich zwischen Trieb und Kultur im Diesseits verneinen.
8. Bibliographie: Ein Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Literatur und Primärtexte.
Trieb-Kultur-Konflikt, Sigmund Freud, Zivilisation, Natur, Eros, Thanatos, Kulturtheorie, Literaturanalyse, Antony and Cleopatra, Wuthering Heights, Heart of Darkness, The Cement Garden, Regression, Schuldgefühl, Kulturentwicklung.
Die Diplomarbeit untersucht den Konflikt zwischen menschlichen Trieben und kulturellen Anforderungen in vier bedeutenden Werken der britischen Literatur: William Shakespeares Antony and Cleopatra, Emily Brontës Wuthering Heights, Joseph Conrads Heart of Darkness und Ian McEwans The Cement Garden.
Die zentrale theoretische Basis bildet die Kulturtheorie von Sigmund Freud, insbesondere sein Essay "Das Unbehagen in der Kultur". Zusätzlich werden Konzepte der Kritischen Theorie (Horkheimer, Adorno, Marcuse) zur Modifikation und Erweiterung des Freudschen Modells herangezogen.
Ziel ist es zu analysieren, ob und wie diese literarischen Texte den Freudschen Widerspruch von Triebbedürfnis und Kulturversagung verhandeln. Es wird untersucht, ob literarische Fallbeispiele konstruktive Lösungsperspektiven für das Trieb-Kultur-Dilemma aufzeigen können.
Zentrale Themen sind die Dichotomie von Natur und Kultur, die Dynamik von Eros und Destruktionstrieb, die Entstehung kultureller Neurosen sowie die Versuche der Individuen, Identität in einer Kultur zu finden, die ihre elementaren Triebe unterdrückt.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse der vier Primärtexte. Dabei werden zunächst die spezifischen sozialen und kulturellen Strukturen der Werke erarbeitet, bevor diese anhand eines close readings mit dem theoretischen Modell Freuds in Bezug gesetzt werden.
Die Arbeit analysiert kritisch, wie die klassische Einteilung in männliche Kulturarbeit und weibliche Naturverbundenheit in den Texten konstruiert, instrumentalisiert und schließlich unterlaufen wird, um so die Fragilität zivilisatorischer Ideale aufzuzeigen.
Während die anderen Werke den Konflikt eher auf gesellschaftlicher oder kolonialer Ebene verhandeln, konzentriert sich McEwan auf einen abgeschotteten familiären Mikrokosmos, in dem die Kinder durch Regression versuchen, dem väterlichen Über-Ich zu entkommen.
Die Untersuchung kommt zu einem insgesamt pessimistischen Ergebnis: Alle untersuchten Kulturmodelle scheitern daran, dauerhaft einen verträglichen Ausgleich zwischen Aggressions- und Sexualtrieb zu schaffen. Wahre Freiheit scheint außerhalb der Kultur nur um den Preis der Katastrophe möglich.
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