Magisterarbeit, 2004
154 Seiten, Note: gut plus (1.7)
1. Einleitung
1.1. Gliederung
1.2. Fragestellung
1.3. Zur verwendeten Literatur
2. Diskurs der Macht: Darstellungen des Anderen und die Rolle der Fotografie
2.1. Bildliche Darstellungen der Indigenen bis zur Erfindung der Fotografie
3. Anthropologische Bestandsaufnahmen der indigenen Bevölkerung zu Forschungszwecken
3.1. Fotoanalyse: anthropologische Fotografien der Huicholes von Carl Lumholtz
3.2. Carl Lumholtz
3.3. Grundzüge der Anthropologie und der anthropologischen Fotografie um 1900
3.3.1. vor 1900: Vermessung/Typologisierung/ Objektivierung
3.3.2. nach 1900: Perspektive der teilnehmenden Beobachtung
3.4. Motivwahl und Gestaltungsprinzipien in den Fotografien von Lumholtz
3.5. Fotografie als Dokumentationsmedium: Instrument zur Messung und Datenerfassung
4. Der Indigene als Projektionsfläche europäischer und nordamerikanischer Sehnsüchte und Ängste
4.1. Fotoanalyse: Fotografien aus dem Lakandonischen Regenwald von Gertrude Duby
4.2. Gertrude Duby-Blom
4.3. Kontext: Internationale Fotografen entdecken Mexiko
4.3.1. Romantisierung/ Heroisierung/ Psychologisierung
4.3.2. Archaismus und Modernität/ Vergangenheit und Gegenwart
4.3.3. Mexikanische Fotografie nach europäischem Modell: Anpassung statt Abgrenzung
4.4. Motivwahl und Gestaltungsprinzipien in den Fotografien Dubys
4.5. Fotografie als Medium sozialkritischer Anklage und Ausdruck von Gefühlen
5. Postkoloniale Blicke - Selbstrepräsentation der Indigenen
5.1. Maruch Sántiz Gómez: creencias de nuestros antepasados
5.1.1. Fotoanalyse
5.1.2. Zur Person Maruch Sántiz Gómez und ihrem Fotoprojekt
5.1.3. Motivwahl und Gestaltungsprinzipien
5.1.4. Die magische Realität
5.1.5. Die archäologische Reliquie
5.2. Xunka` López Díaz: Mi hermanita Cristina- una nina de Chamula
5.2.1. Fotoanalyse
5.2.2. Zur Person Xunka` López Díaz und ihrem Fotoprojekt
5.2.3. Die Thematisierung der indigenen Identität
5.2.4. Motivwahl und Gestaltungsprinzipien
5.3. Das indigene Foto-Archiv (Archivo Fotógrafico Indígena – AFI) in San Cristóbal de las Casas, Chiapas
5.4. Motivwahl und Gestaltungsprinzipien des AFI
5.5. Postkoloniale Blicke
5.5.1. Die Idee der indigenen Selbstrepräsentation, Vorläuferprojekte
5.5.2. Traditionelle Repräsentationsmedien der Indigenen
5.5.3. Die Aneignung der Fotografie, deren Möglichkeiten und Grenzen zur Artikulation des „Eigenen“
5.6. Fotografie als Medium der Geschichtsschreibung und Identitätskonstruktion
5.6.1. Fotografie als Strategie des Widerstands: Vergleich zum aktuellen Bild der Presse
6. Zusammenfassung
7. Bibliographie
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel der fotografischen Repräsentation der indigenen Bevölkerung Mexikos von kolonialen Fremdbildern hin zu indigenen Selbstbildern. Im Zentrum steht die Analyse, wie Fotografie als Instrument der Macht oder als Medium der Emanzipation und Identitätskonstruktion eingesetzt wird, wobei ein besonderer Fokus auf dem Archivo Fotográfico Indígena (AFI) liegt.
3.1. Carl Lumholtz: Anthropologische Fotografien der Huicholes - eine Fotoanalyse
Die Fotografie Mujer huichola (Huichol-Frau) von 1892 oder 1893 (Abb.1), eine Aufnahme aus der frühen Phase der Forschungsreisen des Anthropologen Carl Lumholtz in Mexiko, zeigt eine unbekleidete Huichol-Indianerin, die frontal vor der Kamera neben einer Messlatte vor einem Zelt steht. Ihre Haltung ist sehr aufrecht, die Beine sind gerade ausgestreckt, die Füße nebeneinander, die Arme eng an den Körper gepresst. Den Kopf hält sie gerade in die Kamera gerichtet, wobei ihre linke Gesichtshälfte so verschattet ist, dass man die Gesichtszüge nicht erkennt. Ihr Körper sowie die Messlatte zu ihrer Linken werfen Schatten auf die weiße Zeltwand. Das Zelt ist geschlossen, der Stoff ist so drapiert, dass sich der dunkle Körper deutlich wie auf einer hellen Projektionsfläche abhebt. Durch die Messlatte auf der rechten Seite, die Abschlusskante des Stoffes auf der linken Seite und die obere Falte entsteht eine Art Rahmen, in dem der Körper zur Schau gestellt wird. Eine individuelle Bestimmung der Frau ist nicht möglich.
Die Fotografie ist Teil einer Dreierserie (Abb.1a/b/c). Die Frontalansicht ist durch eine Profilansicht der Frau ergänzt. Beide Aufnahmen sind ansonsten in der Komposition, der Wahl des Bildausschnitts etc. identisch. Die dritte Fotografie zeigt die Frau liegend mit gespreizten Beinen, ihre Genitalien dem Kamera- und Fotografenauge darbietend. Man muss bedenken, dass diese für den heutigen Betrachter skandalöse Fotografie in der damaligen Zeit noch wesentlich skandalöser war. Gisele Freund schreibt, dass der Verkauf von Fotografien unbekleideter Menschen, die „mit den Augen der Gegenwart betrachtet, von äußerster Harmlosigkeit“ waren, strafbar war. „Gerichtliche Auseinandersetzungen (waren) die sichere Folge, die des öfteren auch eine längere Freiheitsstrafe nach sich zog.“ Das galt aber nicht für die Angehörigen fremder Kulturen, die sowieso als Wilde betrachtet und gemäß der Annahme ihrer vermeintlichen Freizügigkeit und triebhaften Sexualität nackt dargestellt wurden. Unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Erforschung wurden so die Tabus der damaligen Gesellschaft gebrochen und die Eingeborenen für die Befriedigung unterdrückter europäischer Gelüste missbraucht.
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Forschungsrahmen und stellt die zentrale Fragestellung nach der Transformation von Fremd- zu Selbstbildern in der Fotografie indigenen Lebens in Mexiko vor.
2. Diskurs der Macht: Darstellungen des Anderen und die Rolle der Fotografie: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen von Repräsentation und Macht sowie die Geschichte bildlicher Indianerdarstellungen vor der Erfindung der Fotografie.
3. Anthropologische Bestandsaufnahmen der indigenen Bevölkerung zu Forschungszwecken: Hier erfolgt eine kritische Analyse der frühen anthropologischen Fotografie, insbesondere am Beispiel von Carl Lumholtz, der das Modell des „typischen Eingeborenen“ vermessen und typologisiert hat.
4. Der Indigene als Projektionsfläche europäischer und nordamerikanischer Sehnsüchte und Ängste: Dieser Teil befasst sich mit internationalen Fotografen wie Gertrude Duby-Blom, die eine subjektivere, oft von Romantisierung geprägte Sichtweise auf die indigene Welt entwickelten.
5. Postkoloniale Blicke - Selbstrepräsentation der Indigenen: Das Hauptkapitel untersucht die Arbeiten des Archivs AFI und die bewusste Aneignung der Fotografie durch Indigene, um ihre eigene Weltsicht und Identität jenseits kolonialer Projektionen zu formulieren.
6. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die zentralen Erkenntnisse über die Entwicklung von einer objektivierenden, kolonialen Dokumentation hin zu einer emanzipatorischen, selbstbestimmten indigenen Fotopraxis.
7. Bibliographie: Ein umfassendes Literaturverzeichnis zu den Themen Fototheorie, mexikanische Fotografiegeschichte sowie zu den einzelnen behandelten Fotografen und Projekten.
Fotografie, Indigene Bevölkerung, Mexiko, Repräsentation, Selbstbild, Fremdbild, Anthropologie, Postkolonialismus, Identitätskonstruktion, Archivo Fotográfico Indígena, Carl Lumholtz, Gertrude Duby-Blom, Maruch Sántiz Gómez, Xunka’ López Díaz, Transkulturalität.
Die Arbeit analysiert die historische und zeitgenössische Rolle der Fotografie bei der Abbildung indigener Ethnien in Mexiko, wobei der Fokus auf dem Wandel der Perspektive von einer fremdbestimmten hin zu einer indigenen Selbstrepräsentation liegt.
Die zentralen Themen sind Machtstrukturen in der Fotografie, die Konstruktion des "Anderen", die Geschichte der anthropologischen Dokumentation sowie der Prozess der Medienaneignung durch indigene Gemeinschaften.
Das Ziel ist es, die fotografischen Repräsentationen der mexikanischen Indigenen über einen Zeitraum von hundert Jahren zu vergleichen und aufzuzeigen, wie indigene Fotografen durch eigene Bildsprachen gegen koloniale Stereotype agieren.
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Analyse, die kunstwissenschaftliche Bildanalysen mit ethnologischen Theorien sowie postkolonialen Diskursen kombiniert und durch eigene Feldforschungsbeobachtungen ergänzt wird.
Der Hauptteil behandelt die anthropologische Fotografie um 1900 (Carl Lumholtz), die Sichtweise internationaler Fotografen (Gertrude Duby-Blom) und detailliert die Projekte des Archivo Fotográfico Indígena (AFI).
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Fotografie, Indigenität, Machtdiskurs, postkoloniale Repräsentation, Identitätskonstruktion und visuelle Anthropologie charakterisiert.
Während frühere Aufnahmen Indigene oft als bloße physiognomische Forschungsobjekte darstellten, nutzt Maruch Sántiz Gómez das Genre des Stilllebens, um durch Alltagsgegenstände und zugehörige Tzotzil-Texte eine spirituelle und kollektive Innenperspektive zu vermitteln.
Das AFI dient als emanzipatorische Plattform, die Indigenen den technischen Zugang zur Fotografie ermöglicht, damit diese ihre eigenen kulturellen Traditionen aus der Binnenperspektive dokumentieren und verbreiten können.
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