Forschungsarbeit, 2008
95 Seiten
Geschichte Deutschlands - Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg
I. Deutsche Eisberge? Eine Anfrage kreiert das Problem
II. Terra Incognita – Die deutschen Forschungsleistungen der Antarktis als Legitimationsmuster
III. Ein Internationalisierungsversuch und die GAUSS-Expedition der Jahre 1901-1903 als nationales Prestige-Projekt des Wilhelminischen Reiches
IV. Expedition mit Problemen – die Fahrt der DEUTSCHLAND
V. By the virtue of discovery – Der völkerrechtliche Modus der Besitzergreifung und die Versailles-Frage aus deutscher Perspektive des Jahres 1938/9
VI. Die SCHWABENLAND-Expedition, die diplomatischen Implikationen „Antarktis-Projekts“ im Nationalsozialismus und die Rolle des Auswärtigen Amtes
VII. Häfen, Oasen, U-Boote – Konstrukte um die reichsdeutschen Antarktis-Festung
VIII. Mythos Walfang – im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik
IX. Die deutsche Namengebung in der Antarktis als Indikator des deutschen Selbstverständnisses von 1901 bis heute
X. Heißer und Kalter Krieg – die Antarktis als Spielball der Mächte 1940-1957 und der „Herrligkoffer-Plan“
XI. Blick nach Norden und Osten
XII. Anmerkungen mit bibliographischen Angaben
Die vorliegende Arbeit untersucht die politische und völkerrechtliche Dimension deutscher Antarktis-Expeditionen im 20. Jahrhundert, mit einem besonderen Fokus auf die „Neuschwabenland“-Expedition von 1938/39 und deren Rolle im außenpolitischen Selbstverständnis, insbesondere im Vergleich zur frühen Bundesrepublik.
IV. Expedition mit Problemen – die Fahrt der DEUTSCHLAND
Ist die Antarktis ein geschlossener Kontinent oder besteht sie aus mehreren Landmassen? Bis in das Jahr 1912 gab es über diese Frage und die daraus entwickelte Sund-Theorie nur Mutmaßungen; bisher waren nur Gebirgsketten in Ost- und Westantarktika benannt, eine Verbindung beider nicht bewiesen39. Auch das Wettrennen auf den Südpol von Amundsen und Scott im Dezember 1911 und Januar 1912 brachte in dieser Frage keine Klärung. Der bayerische Offizier Wilhelm Filchner,40 Tibet-Forscher und mehr ein Entdeckertyp als ein erfahrener Polarforscher, bemühte sich, die deutschen Forschungen in der Antarktis fortzusetzen; er bedauerte den Stillstand der deutschen antarktischen Forschungstätigkeit.41
Die Gesellschaft für Erdkunde in Berlin begann seit 1908 verhalten, die Vorbereitungen der Expedition zu fördern, die sich bewusst nicht als Fortsetzung der Drygalski-Fahrt verstand, weil der Münchner Polarforscher Filchners Vorhaben nicht zu unterstützen gewillt war.42 Filchners Forschungsinteresse war ein ganz anderes und es waren völlig andere Personenkreise und Institutionen beteiligt.43 Erste Bemühungen beim Großen Generalstab, bei General von Bertrab sowie ein Komitee unter Leitung Graf von Moltke, Filchners oberstem Dienstherren, scheiterten aber genauso wie ein Antrag beim Geheimen Civilcabinett zu Beginn des Jahres 1910. Trotz des Interesses einer Gruppe von Ministerialbeamten aus dem Kultusministerium, dem Innen- und Außenressort sowie des Geheimen Civilcabinetts, darunter auch Innenminister Clemens von Delbrück, und dem vermittelnden Bruder des Kaisers, Prinz Heinrich von Preußen, konnte eine Reichsförderung nicht erreicht werden.44 Filchner taxierte die Kosten der Expedition auf 1,4 Mio. M und betonte im Laufe der Verhandlungen die nationalstrategische Bedeutung einer solchen Expedition. Die Absage des Kaisers auf einem Diner in der Bayerischen Gesandtschaft, das extra aus Anlass der Expeditionsberatungen organisiert wurde, gab den Ausschlag – der Kaiser hörte mir wohlwollend zu, zeigte aber keine Bereitwilligkeit, das Unternehmen zu fördern45. Das Reichsministerium des Innern förderte die Unternehmung nur ideell und schoss keine Mittel zu, noch tags darauf fuhr Filchner in seine Heimatstadt München.
I. Deutsche Eisberge? Eine Anfrage kreiert das Problem: Diese Einleitung thematisiert eine US-Anfrage von 1952 bezüglich deutscher Antarktis-Ansprüche und skizziert die komplexe internationale Diplomatie vor dem Antarktis-Vertrag.
II. Terra Incognita – Die deutschen Forschungsleistungen der Antarktis als Legitimationsmuster: Das Kapitel analysiert, wie historische Forschungsleistungen als Grundlage für spätere Anspruchserhebungen der Bundesrepublik genutzt wurden.
III. Ein Internationalisierungsversuch und die GAUSS-Expedition der Jahre 1901-1903 als nationales Prestige-Projekt des Wilhelminischen Reiches: Untersuchung der ersten deutschen Polarexpedition im Kontext internationaler Kooperation und nationalen Prestigedenkens.
IV. Expedition mit Problemen – die Fahrt der DEUTSCHLAND: Darstellung der problematischen Finanzierung, Organisation und Durchführung der Filchner-Expedition unter schwierigen politischen Vorzeichen.
V. By the virtue of discovery – Der völkerrechtliche Modus der Besitzergreifung und die Versailles-Frage aus deutscher Perspektive des Jahres 1938/9: Analyse der völkerrechtlichen Argumentation Deutschlands im Kontext der Versailles-Bestimmungen und internationaler Ansprüche.
VI. Die SCHWABENLAND-Expedition, die diplomatischen Implikationen „Antarktis-Projekts“ im Nationalsozialismus und die Rolle des Auswärtigen Amtes: Untersuchung der Ziele der NS-Expedition und der zwiespältigen Rolle des Auswärtigen Amtes.
VII. Häfen, Oasen, U-Boote – Konstrukte um die reichsdeutschen Antarktis-Festung: Kritische Einordnung der modernen Mythenbildung und Verschwörungstheorien rund um eine „Antarktis-Festung“.
VIII. Mythos Walfang – im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik: Analyse des Walfangs als ideologisch aufgeladener „maritimer Mythos“ und als Alibi für politische Ansprüche.
IX. Die deutsche Namengebung in der Antarktis als Indikator des deutschen Selbstverständnisses von 1901 bis heute: Untersuchung der politisch motivierten Namensgebung als Mittel zur symbolischen Besitzergreifung und deren Nachwirkung.
X. Heißer und Kalter Krieg – die Antarktis als Spielball der Mächte 1940-1957 und der „Herrligkoffer-Plan“: Darstellung der Antarktis als geostrategisches Spielfeld der Großmächte und der gescheiterten Expeditionspläne nach 1945.
XI. Blick nach Norden und Osten: Zusammenfassender Ausblick auf die diplomatischen Verwicklungen und das Erbe der deutschen Ansprüche.
XII. Anmerkungen mit bibliographischen Angaben: Umfangreiche Quellenverweise und bibliographische Belege.
Antarktis, Neuschwabenland, Polarforschung, Nationalsozialismus, Walfang, Völkerrecht, Souveränität, Ritscher-Expedition, Kaiserreich, Geopolitik, Namensgebung, Antarktis-Vertrag, Außenpolitik, Mythos, Expedition.
Die Arbeit untersucht die historische und politische Bedeutung deutscher Antarktis-Expeditionen im 20. Jahrhundert und analysiert, wie diese als Mittel zur Demonstration von nationaler Weltgeltung eingesetzt wurden.
Zu den Schwerpunkten zählen die Geschichte der Polarforschung, das Völkerrecht im Kontext von Gebietsansprüchen, die Rolle der NS-Propaganda in der Arktisforschung und die Aufarbeitung dieser Geschichte in der frühen Bundesrepublik.
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen realer Forschungstätigkeit und den darauf projizierten nationalen Machtansprüchen sowie die Entstehung moderner Mythen kritisch zu beleuchten.
Der Autor stützt sich auf eine detaillierte Archivanalyse, insbesondere von Dokumenten des Auswärtigen Amtes, und kontextualisiert diese durch den Vergleich mit internationaler Forschungsliteratur und zeitgenössischen Quellen.
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch von den ersten deutschen Forschungsreisen über die NS-Ära bis in die frühen Jahre der Bundesrepublik, wobei besonders die diplomatische Instrumentalisierung der Expeditionen hervorgehoben wird.
Kernbegriffe sind Neuschwabenland, völkerrechtliche Besitzergreifung, nationalsozialistische Expansionspolitik, symbolische Namensgebung und die wissenschaftshistorische Aufarbeitung von Legenden.
Der Autor stellt fest, dass das Auswärtige Amt im Jahr 1952 eine historisch auf Aktenbasis fundierte, aber politisch ambivalente Haltung einnahm, um einerseits keine Ansprüche zu erheben, aber andererseits Kontinuitäten deutscher Forschungstraditionen zu wahren.
Es handelt sich um eine moderne Legendenbildung, die der NS-Expedition von 1938/39 fälschlicherweise eine geheime strategische Bedeutung oder gar die Gründung einer uneinnehmbaren „Antarktis-Festung“ zuschreibt, wofür der Autor keinerlei historische Belege findet.
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