Examensarbeit, 2003
185 Seiten, Note: 1,0
Geschichte Europas - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
1. Festspiele in Bad Hersfeld als Projekt der Geschichtswissenschaft
1.1 Schlaglichter und Erinnerungen – die ‚Pionierzeit der Festspiele’
1.2 Festspielarchiv und Chancen der Quellenlage
1.3 ‚Festspielforschung’ als interdisziplinäres Projekt – die Forschung
1.4 Problemfelder, Vorgehensweise und Fragestellungen
1.5 Festspiele als Indikator – Reflexion der Methode
2. Einordnung der Bad Hersfelder Festspiele
2.1 Annährung durch Definitionen – Entwicklungsetappen des Festspiels als Kulturinstitution
2.2 Festspielformen der 1950er Jahre – Bad Hersfeld als Prototyp
2.3 Festspiele in Hessen in der Nachkriegszeit
3. Institutionalisierungsversuche und Funktionswandel bürgerlicher Festlichkeit in der Stiftsruine
3.1 ‚Genius loci’ oder das Verhältnis der Hersfelder zur Stiftsruine
3.2 Bürgerliche Feiern im 19. Jahrhundert
3.3 Institutionalisierungsversuche um die Jahrhundertwende – Konrad Dudens ‚Festspielverein’
3.4 Festspiele im Nationalsozialismus – Heimatfestspiele?
3.5 Aufbruchsstimmung und Fortsetzung – die Goethefestwoche als Festspielprojekt
4. Phasenmodell der Bad Hersfelder Festspiele
4.1 Politischer Entstehungskontext der Festspiele
4.2 Erste Phase 1950-1952: Institutionalisierung und Anspruch – ‚hessisches Salzburg’
4.3 Zweite Phase 1953-1955: Ausbau der Festspiele durch Bund und Land – ‚kulturelles Leuchtfeuer für die SBZ’
4.4 Dritte Phase 1956-1959: ‚Bundesfestspiele’ – ‚Ort nationaler Repräsentation’
4.5 Vierte Phase 1960-1966 und Ausblick: Funktionswandel und Neupositionierung – ‚Festspiele in der Krise’
5. Biographische Skizze: Gründungsintendant Johannes Klein
6. Strukturanalyse I: Förderabsichten und Finanzierung
6.1 Fürsprecher in Stadt und Region
6.2 Die ‚Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine’ als Lobbyorganisation
6.3 Rolle von Bundesministerien, Auswärtigem Amt und des Bundespräsidenten als Schirmherr
6.4 Verhältnis des Landes Hessen und des HR zu den Festspielen
6.5 Festspiele als Finanzierungsrisiko und Standortfaktor
7. Strukturanalyse II: Programmgestaltung, Werbung, geographische und soziale Herkunft der Besucher
7.1 Einflussnahme der Institutionen auf Programm und Inhalte – der ‚Überörtliche Arbeitskreis Festspiele’
7.2 Strukturen des Programms
7.3 Werbung für die Festspiele – ‚Propaganda’
7.4 Die Herkunft der Zuschauer aus BRD, DDR und dem Ausland
7.5 Sozialer Kontext der Festspielbesucher – Integrationsort für Eliten?
7.6 Veranstaltungen und Orte um die Festspiele
8. Fragen an den Kristallisationspunkt Festspiele – Aspekte von Kulturpolitik in den 1950er Jahren
8.1 Wie beurteilten die US-Behörden und Militär die Festspiele?
8.2 Gab es Konflikte zwischen Bund und Land in der Frage der Kulturhoheit?
8.3 Waren die Festspiele ein geplantes Ergebnis von Kulturpolitik?
8.4 Waren die Festspiele Symbol ungebrochener Bürgerlichkeit und Konservativismus?
8.5 Wie spiegelt sich die Selbstdarstellung der BRD gegenüber dem Ausland im Festspielprojekt?
8.6 Wie reflektierten die Festspiele das deutsch-deutsche Verhältnis?
8.7 Welche Rolle spielten die Kirchen bei den Festspielen?
8.8 Welche Funktionen hatten die Festspiele als Fest für die nationale Repräsentation der frühen Bundesrepublik
9. Die ‚Ideologie’ der Bad Hersfelder Festspiele
9.1 Ideologische Aspekte in den Festspielreden – Überblicksversuch nach Feldern
9.2 Die Hofmannsthal-Gedenkrede von Theodor Heuss als Folie für ein ‚Hersfelder Programm’
9.3 Zeitgenössische Kritik: Adornos ‚Jargon der Eigentlichkeit’
9.4 Festspiele als Zeichen immanenter kultureller Modernisierung
10. Rückblick und Ausblick
10.1 Ergebnisse des Ansatzes – Bad Hersfelder Festspiele als Indikator
10.2 Festspiele im Vergleich – kulturelle Repräsentation der jungen BRD
Die Arbeit analysiert die Bad Hersfelder Festspiele als eine Institution kultureller Repräsentation in der frühen Bundesrepublik. Ziel ist es, durch die Einordnung in den historischen und politischen Kontext sowie durch eine detaillierte Strukturanalyse zu klären, welche Motive, Interessen und ideologischen Hintergründe die Etablierung und Finanzierung dieser Festspiele in der Nachkriegszeit prägten und inwiefern sie als "hessisches Salzburg" funktionierten.
1.1 Schlaglichter und Erinnerungen – die ‚Pionierzeit der Festspiele’
„Eine kleine Stadt in Nordhessen, wenige Kilometer von der Grenze entfernt, die Deutschland noch immer schmerzlich teilt, wurde während des letzten Jahrzehnts zu einem weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinausragenden künstlerischen Mittelpunkt im sommerlichen Theaterleben Deutschlands: Bad Hersfeld. Die Festspiele in der alten Stiftsruine sind zum Begriff geworden“1. (SWIRIDOFF 1959)
„In Ehrfurcht erheischender Stille ruft uns dieses Bauwerk diese Tage wieder zur Sammlung. Wie kein anderer Ort entfaltet die Hersfelder Stiftsruine ihre Geschichtsmächtigkeit. Hier soll mit erlesenem Theater vor einer Zuschauergemeinde jenseits des Alltags der Mensch aus der Masse treten und zu sich finden, zur schöpferischen Veränderung“2. (HEUSS 1954)
„Ach, wie begannen die deutschen Reichen den Jedermann in den Festspielen zu lieben. Am Abend hatten sie Flußkrebse oder Tafelspitz verschlungen und mit grünem Veltliner oder einem Blauburgunder nachgespült und in der Vorführung wurde ihnen die Leviten gelesen, welch ein Genuß, welch eine Reue als Genuß. So lehrte der populäre Jedermann (er wurde nach dem Krieg vor jeder Schlossruine, auf jeder freien Kirchentreppe, auf jedem Platz gespielt – in Schwäbisch Hall, Wunsiedel und natürlich Bad Hersfeld), daß man doch eigentlich so oder so bezahlen müsse, mit dem Leben“3. (KARASEK 1995 über die 1960er Jahre)
In den 1950er Jahren waren die Bad Hersfelder Festspiele ein gesellschaftliches Großereignis. Jeden Abend im Juli wurde in der Stiftsruine mitten in der Stadt vor 2.000 Zuschauern Mysterien- und Klassikertheater gespielt. Wenn der Bundespräsident und das Diplomatische Corps anreisten, verwandelte sich die nordhessische Kleinstadt in den Schauplatz einer Festveranstaltung von nationalem Rang, die durch ‚Spitzentheater’ über die Zonengrenze, sogar europaweit zu wirken beanspruchte; sie verwandelte sich in das „hessische Salzburg“4.
1. Festspiele in Bad Hersfeld als Projekt der Geschichtswissenschaft: Einleitung in die Themenstellung, die Bedeutung des Festspielarchivs und eine Reflexion über die Forschungslage sowie die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Einordnung der Bad Hersfelder Festspiele: Theoretische Grundlegung durch Begriffsdefinitionen und die Kategorisierung der Festspiele als Kulturinstitution, inklusive eines Überblicks über die hessische Festspiellandschaft.
3. Institutionalisierungsversuche und Funktionswandel bürgerlicher Festlichkeit in der Stiftsruine: Beschreibung der historischen Vorläuferveranstaltungen und der Entwicklung des Stiftsbezirks vom historischen Denkmal zur Spielstätte.
4. Phasenmodell der Bad Hersfelder Festspiele: Detaillierte chronologische Aufarbeitung der Festspielgeschichte von 1950 bis 1966, unterteilt in vier wesentliche Entwicklungsphasen.
5. Biographische Skizze: Gründungsintendant Johannes Klein: Porträt des Gründungsintendanten und seines maßgeblichen Einflusses auf die inhaltliche und strukturelle Ausrichtung der Spiele.
6. Strukturanalyse I: Förderabsichten und Finanzierung: Untersuchung der Akteure (Stadt, Land, Bund, Fördergesellschaft) und der Finanzierungsstrukturen, die das Überleben der Festspiele sicherten.
7. Strukturanalyse II: Programmgestaltung, Werbung, geographische und soziale Herkunft der Besucher: Analyse der Spielplangestaltung, der Marketingstrategien und der Struktur des Publikums.
8. Fragen an den Kristallisationspunkt Festspiele – Aspekte von Kulturpolitik in den 1950er Jahren: Untersuchung der Festspiele vor dem Hintergrund bundesdeutscher Kulturpolitik, des Kalten Krieges und nationaler Repräsentationsbestrebungen.
9. Die ‚Ideologie’ der Bad Hersfelder Festspiele: Analyse der ideologischen Gehalte in Festspielreden und der zeitgenössischen Kritik.
10. Rückblick und Ausblick: Zusammenfassende Ergebnisse und Einordnung der Ergebnisse in den Vergleich zu anderen Festspielorten.
Bad Hersfelder Festspiele, Kulturpolitik, frühe Bundesrepublik, Stiftsruine, Festspielforschung, nationale Repräsentation, Johannes Klein, Kulturgeschichte, 1950er Jahre, Theatergeschichte, Ideologie, Konservativismus, bundesdeutsche Nachkriegszeit, Festspielmanagement, Reeducation.
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Bedeutung der Bad Hersfelder Festspiele als eine bedeutende Kulturinstitution der frühen Bundesrepublik. Sie analysiert, wie diese Festspiele entstanden, finanziert wurden und welche politische sowie ideologische Funktion sie im Kontext der Zeit erfüllten.
Zentrale Themen sind die Institutionalisierungsgeschichte, die Rolle von Politik und Staat bei der Förderung (Bund-Länder-Konflikte), das Verhältnis zum "hessischen Salzburg" als Programm, die Rolle der Ideologie in Festspielreden sowie die soziokulturelle Herkunft des Publikums.
Das Ziel ist es, die Bad Hersfelder Festspiele als Indikator historischer Entwicklungen der 1950er und 1960er Jahre zu begreifen. Dabei soll geklärt werden, welche Motive hinter der massiven staatlichen Unterstützung steckten und wie sich das Festspiel als Instrument nationaler Repräsentation und Identitätsstiftung positionierte.
Es handelt sich um eine historisch-sozialwissenschaftliche Untersuchung. Die Arbeit stützt sich primär auf eine umfangreiche Auswertung von Archivmaterial (Festspielarchiv Bad Hersfeld, Bundesarchiv, Staatsarchive), ergänzt durch Zeitzeugeninterviews und eine ideologiekritische Analyse der Festspielreden.
Der Hauptteil gliedert sich in eine strukturelle Analyse der Finanzierung und Förderung, eine Untersuchung der Programmgestaltung und Publikumsstruktur sowie eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der kulturpolitischen Instrumentalisierung und der ideologischen Ausrichtung der Festspiele in der Ära Adenauer.
Bad Hersfelder Festspiele, Kulturpolitik, frühe Bundesrepublik, Stiftsruine, Festspielforschung, nationale Repräsentation, Johannes Klein, Kulturgeschichte.
Die Ruine diente nicht nur als physischer Spielort, sondern wurde von den Initiatoren als "heiliger Ort" mit "Geschichtsmächtigkeit" aufgeladen. Sie wurde zum Medium einer "Erinnerungskultur", die eine Kontinuität deutscher Kultur beschwören und von der Gegenwart des Wiederaufbaus und der materiellen Not ablenken sollte.
Die Festspiele fungierten als ein "kulturelles Aushängeschild" der Bundesrepublik. Sie sollten insbesondere ausländischen Gästen und Diplomaten sowie Besuchern aus der DDR ein "anderes, unbelastetes Deutschland" präsentieren, das kulturell verwurzelt und christlich-humanistisch geprägt war.
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