Doktorarbeit / Dissertation, 1984
112 Seiten, Note: magna cum laude
I. Die Bedeutung des Einzelnen und die franziskanische Bewegung
1. Einzelnes und Allgemeines, ein Grundproblem der Philosophie
2. Der franziskanische "Weg der Bejahung" – die Transzendenz im Einzelnen
3. Die Vermittlung der Idee Franz von Assisis: Anschaulichkeit
4. Von der Praxis der Anschaulichkeit zur Philosophie der Anschaulichkeit
5. Zwischen Anschaubarkeit und Verstehbarkeit – die Sprache der Bilder
6. Roger Bacon OFM – Transzendenz des Einzelnen in einer anschaulichen Philosophie
II. Das Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinem bei Bacon
1. Das Sein der Einzeldinge und der Universalien
2. Das Einzelne und das Universale in der Erkenntnis
III. Bacons Theorie der Veranschaulichung
1. Zeichen
2. Die experimentelle Wissenschaft
IV. Exkurs: Einzelnes und Universale bei Giotto
V. Ausblick: Wissenschaft vor und nach Descartes
VI. Bibliographie
Die Arbeit untersucht die wissenschaftstheoretische Begründung des Experiments bei Roger Bacon und analysiert dessen metaphysisch-epistemologische Voraussetzungen als eine Ausprägung franziskanischer Geistigkeit, wobei insbesondere das Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinem sowie die Rolle der Anschaulichkeit im Vordergrund stehen.
1. Einzelnes und Allgemeines, ein Grundproblem der Philosophie
Eines der herausragendsten Merkmale abendländischer Zivilisation sei der Vorrang des Einzelnen vor dem Allgemeinen, des Individuums vor dem Kollektiv; dies ist eine oft geäußerte und schwer zu widerlegende Wahrheit, also eigentlich eine Binsenwahrheit. Auf solche Selbstdefinitionen wird in dem Maße mehr und mehr Wert gelegt, in dem man sich mit asiatischer Geistigkeit auseinandersetzt, die viele Probleme leichter zu meistern und, aus der Ferne gesehen, ungebrochener zu sein scheint als die des Westens. Aber trotz des geschichtsträchtigen Begriffes "abendländische Zivilisation" fehlt jener Positionsbestimmung oft genug die geschichtliche Tiefe. Bezieht man diese Dimension in die Überlegungen ein, so zeigt sich alsbald, wie wenig selbstverständlich der Vorrang des Einzelnen vor dem Allgemeinen in Europa tatsächlich ist: schon in der "Wiege des Abendlandes" findet sich mit der Feier der griechischen Tragödie ein Phänomen, das man getrost als kollektive Psychohygiene bezeichnen kann.
Auch im mittelalterlichen Christentum ist es zunächst das Ganze, das zählt – trotz aller Absetzung vom Judentum – wie im gregorianischen Choral sinnenfällig wird, wenn die einzelne Stimme im einheitlichen Schwingen des Gesanges untertaucht. Der Christ ist ein Baustein im Tempel Gottes, er ist an seinem Platz, eingefügt, unsichtbar fast. Am Ausgang des Mittelalters finden wir diese Einstellung nicht mehr, wohl aber in unserer eigenen jüngsten Vergangenheit, wo es zwar nicht das Volk Gottes, aber das Deutsche Volk zu leben galt.
I. Die Bedeutung des Einzelnen und die franziskanische Bewegung: Dieses Kapitel verortet das philosophische Grundproblem des Verhältnisses von Einzelnem und Allgemeinem innerhalb der franziskanischen Spiritualität und deren Fokus auf Anschaulichkeit.
II. Das Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinem bei Bacon: Hier wird Bacons gemäßigter Realismus dargelegt, in dem das Universale eine reale Existenz in den Dingen besitzt, jedoch vom Einzelnen abhängig bleibt.
III. Bacons Theorie der Veranschaulichung: Dieser Teil befasst sich mit der Zeichenlehre und der wissenschaftstheoretischen Einbettung der experimentellen Wissenschaft als Medium der Erkenntnis.
IV. Exkurs: Einzelnes und Universale bei Giotto: Der Exkurs zeigt die Parallelen zwischen Bacons Philosophie und Giottos Malerei in der Aufwertung des Konkreten und Individuellen.
V. Ausblick: Wissenschaft vor und nach Descartes: Das Kapitel schließt mit einer Reflexion über die Bedeutung von Bacons ganzheitlichem Paradigma im Kontrast zur cartesianischen Trennung von Geist und Materie.
VI. Bibliographie: Eine Zusammenstellung der für die Arbeit relevanten Quellen und wissenschaftlichen Studien.
Roger Bacon, Franz von Assisi, Einzelnes, Allgemeines, Universalienstreit, Franziskanische Geistigkeit, Anschaulichkeit, Experimentelle Wissenschaft, Wissenschaftstheorie, Mittelalterliche Philosophie, Giotto, Zeichenlehre, Exemplarismus, Scientia experimentalis, Metaphysik.
Die Arbeit analysiert die philosophische und wissenschaftstheoretische Position von Roger Bacon und zeigt auf, wie er die Begründung des Experiments mit franziskanischen Idealen verbindet.
Die Themenfelder umfassen den mittelalterlichen Universalienstreit, die franziskanische Theologie, die Zeichentheorie und die methodischen Grundlagen der Naturwissenschaft im 13. Jahrhundert.
Ziel ist es nachzuweisen, dass Bacons Fokus auf das Experiment und das Einzelne keine Abkehr von der Theologie darstellt, sondern eine spezifisch franziskanische Ausprägung der Erkenntnislehre.
Es handelt sich um eine philosophiehistorische Arbeit, die primär textkritische Methoden und eine tiefgehende Analyse von Bacons Hauptschriften anwendet.
Der Hauptteil behandelt die metaphysische Einordnung des Einzelnen, die Entwicklung von Bacons Erkenntnistheorie sowie die Anwendung seiner Zeichentheorie auf die wissenschaftliche Praxis.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Transzendenz im Einzelnen, Anschaulichkeit, Scientia experimentalis und mittelalterlicher Realismus charakterisieren.
Der Autor argumentiert, dass Bacon das Experiment nicht als Abkehr von der Religion, sondern als "Fortsetzung der Theologie mit anderen Mitteln" verstand.
Giotto dient als anschauliches Beispiel dafür, wie das "neue Bild des Einzelnen" in der Kunst des Trecento die philosophische Bewegung zur Aufwertung des Konkreten widerspiegelt.
Dies dient dazu, alle Disziplinen auf die Theologie als "Herrin aller Wissenschaften" auszurichten und so die Einheit der göttlichen Wahrheit zu wahren.
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