Diplomarbeit, 2006
80 Seiten, Note: 1
1. Einleitung
1.1 Definition: Reiseliteratur
1.2 Anknüpfungspunkte: Europa und Russland
1.3 Methode und Zielsetzung
2. Das Russlandbild im Kontext europäischer Reiseberichte - vom 16. Jahrhundert bis heute
2.1 Beginn der Neuzeit: Barbarentum und Despotie
2.2 Aufklärung: Europäisierung und Kulturoptimismus
2.3 Restauration: Mir und Allmenschlichkeit
2.4 auf dem Weg zum Krieg: Revolution und Ideologisierung
2.5 aktuell: Globalisierung und Pluralismus
3. Motive des Russlandbildes in der gegenwärtigen europäischen Reiseliteratur
3.1 Natur - Exotismus und Ökologie
3.2 Gesellschaft – Verwestlichung und Improvisation
3.3 Geschichte - Totalitarismus und Demokratisierung
4. Schluss
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion und Entwicklung des Russlandbildes in der europäischen Reiseliteratur von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Dabei steht insbesondere die identitätsstiftende Funktion der Berichte im Vordergrund, durch die Reisende ihr eigenes Selbstverständnis im Spiegel des russischen "Fremden" definieren und hinterfragen.
3.1 Natur - Exotismus und Ökologie
Die Wahrnehmung der Natur in den ausgewählten Werken der gegenwärtigen europäischen Reiseliteratur nach Russland ist bestimmt durch eine Überlagerung von traditionellen, romantischen Motiven einer idealisierten Natur, die das gängige Stereotyp der exotischen Wahrnehmung Russlands ist, und einem modernen Verständnis von Ressourcenverwaltung, das gleichsam ökonomisch und ökologisch geprägt ist.
Die exotische Wahrnehmung ist bestimmt durch einen ästhetischen Blick und äußert sich in - oftmals pathetischer - Faszination und Ergriffenheit: „Im Exotismus (…) übt das Andere eine (exotische) Anziehungskraft aus, in der Phantasie wird das Fremde zum Schönen und Besseren.“ Die Fremde wird zu einem Wunschbild stilisiert und ist Platzhalter einer utopischen Erwartungshaltung, die die Realität verklärt. Die statische Andersartigkeit der Fremde steht dabei für einen „fundamentalen Gleichklang von Unterschiedlichem“ und kann deshalb identitätsstiftend für die eigene Identität wirken, indem sie als Gegenbild die Wahrnehmung des Eigenen gleichzeitig abgrenzt und ergänzt.
Die Schönheit und Größe werden in den Vordergrund gestellt. Bednarz spricht von dem Weg vom Baikal zur Lena als „grandiosen Naturschauspiel“ und empfindet „Ehrfurcht“ vor dem Anblick des mächtigen Lena-Felsen, Sager beschreibt in Sibirien „die Schönheit des polaren Sternenhimmels, dessen funkelnde Helligkeit das Universum in scheinbar greifbare Nähe rückt.“ Dieses Naturverständnis geht aus von der Allmacht und Unbeeinflussbarkeit der Natur, die mythisch wirkt. Weiterhin ist von „Bilderbuchlandschaft“, „Zauber der Landschaft“, “mystery”, “vagueness” und „enormity” die Rede. Die Natur scheint beseelt und generiert ein Gefühl der Überwältigung, das rational nicht erfassbar ist. Dabei verbindet die Landschaft Vorstellungen von Größe und Macht mit Fruchtbarkeit und Ausdehnung. Statische und dynamische Elemente fügen sich in ein allumfassendes Bild einer nicht durchschaubaren Ordnung, die Bewunderung hervorruft:
1. Einleitung: Definiert Reiseliteratur als Konstruktion von Fremdheit, die primär als Spiegel der eigenen Identität dient und methodische Kriterien für die Analyse festlegt.
2. Das Russlandbild im Kontext europäischer Reiseberichte - vom 16. Jahrhundert bis heute: Zeichnet chronologisch nach, wie sich russische Stereotypen von der Frühneuzeit über die Aufklärung bis zur Gegenwart wandelten und jeweils europäische Selbstbilder stützten.
3. Motive des Russlandbildes in der gegenwärtigen europäischen Reiseliteratur: Analysiert detailliert, wie aktuelle Reiseberichte Russland in Bezug auf Natur, Gesellschaft und Geschichte darstellen und dabei traditionelle Muster mit neuen, postmodernen Perspektiven verknüpfen.
4. Schluss: Synthetisiert die Ergebnisse und konstatiert, dass das Russlandbild als identitätsstiftende Metapher fungiert, die sich von einer starren Abgrenzung hin zu einem dynamischen, dialogischen Kulturverständnis wandelt.
Russlandbild, Reiseliteratur, Europäische Identität, Fremdwahrnehmung, Stereotype, Mentalitätsgeschichte, Kulturvergleich, Identitätskonstruktion, Sibirien, Naturwahrnehmung, Transformationsprozess, Globalisierung, Interkulturelle Kommunikation, Postmoderne, Gesellschaftsanalyse.
Die Arbeit untersucht, wie das Russlandbild in europäischen Reiseberichten vom 16. Jahrhundert bis heute als Instrument zur Identitätskonstruktion Europas dient.
Die Arbeit fokussiert auf die Themenbereiche Natur (Exotismus/Ökologie), Gesellschaft (Verwestlichung/Improvisation) und Geschichte (Totalitarismus/Demokratisierung).
Ziel ist es aufzuzeigen, inwieweit das Bild Russlands in der Reiseliteratur dazu genutzt wird, das eigene europäische Selbstverständnis, Werte und Abgrenzungen zu definieren.
Es wird eine mentalitätsgeschichtliche Analyse ausgewählter Reiseberichte durchgeführt, wobei die Berichte als "Spiegel" der eigenen kulturellen Identität der Verfasser interpretiert werden.
Im Hauptteil werden zunächst historische Phasen (u.a. Neuzeit, Aufklärung, Restauration) analysiert, gefolgt von einer tiefgehenden Untersuchung moderner Motive in der aktuellen Reiseliteratur.
Zentrale Begriffe sind Identitätsbildung, Alterität (das Fremde), Stereotype, Mentalität sowie der Wandel vom dualistischen Weltbild zum modernen, pluralistischen Verständnis.
Die Arbeit differenziert zwischen journalistischer Reiseliteratur, die oft ein Bild von außen liefert, und individuellen Erfahrungsberichten, die einen tieferen, subjektiven Blick "hinter die Kulissen" ermöglichen.
Sibirien dient in den Texten häufig als Projektionsfläche für sowohl utopische (unberührte Natur, Freiheit) als auch dystopische (Zerfall, menschenfeindliche Bedingungen) Vorstellungen.
Vom Bild des "barbarischen Fremden" und "Despoten" (16./17. Jh.) über das "utopische Land der Zukunft" (Aufklärung) hin zum ambivalenten, teils bewunderten, teils leidenden "post-sowjetischen Russland".
Die Autorin plädiert für ein dynamisches, offenes Identitätskonzept, das Russland nicht länger ausschließt, sondern als integralen Teil eines dialogischen, europäischen Kulturverständnisses betrachtet.
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