Magisterarbeit, 2008
89 Seiten, Note: 3
1. Einleitung
2. Entstehungsgeschichte
2.1 Herkunft und Verarbeitung des Mythos
2.2 Von Molière zu Kleist
3. Die Kleistsche Rollenverteilung von Mann und Frau
4. Amphitryon als Identitätsdrama
4.1 Figurenkonstellationen
4.1.1 Jupiter und Amphitryon - Identität durch Repräsentation
4.1.2 Der Identitätsstreit zwischen Merkur und Sosias
4.1.3 Paarbeziehungen: Jupiter, Amphitryon und Alkmene zu Merkur, Sosias und Charis
4.1.4 Jupiter und Alkmene
4.2 Das „Ach“ der Alkmene
4.3 Identitätsverlust durch Ehrverlust
5. Vermischung des Tragischen mit dem Komischen
6. Resümee
Die vorliegende Arbeit untersucht das Lustspiel "Amphitryon" von Heinrich von Kleist unter dem Aspekt der Identitätskrise. Dabei liegt der Fokus darauf, wie die Protagonisten durch die göttliche Intervention Jupiters aus ihrer Identität gerissen werden und wie sich die Rollenverteilung von Mann und Frau in dieser existenziellen Verwirrung darstellt.
4.1.1 Jupiter und Amphitryon - Identität durch Repräsentation
Amphitryons Identitätskrise resultiert aus weit mehr als nur der Existenz eines Doppelgängers. Als Mann von Stand und hohem Rang definiert sich Amphitryon sowohl über seinen Besitz, als auch über seinen Ruhm, sein heroisches Handeln. Als berühmter Feldherr und König von Theben repräsentiert er nicht sein Volk, sondern seine Position vor dem Volk. Dabei ist der Palast Symbol und Zentrum der Macht des Monarchen. Als Zeus Amphitryons Platz neben Alkmene im Palast einnimmt, ist dem wahren Amphitryon der Zugang verwehrt. Dadurch beraubt Jupiter den König nicht nur seines Aussehens, sondern enteignet ihn auch noch seines Besitzes.
Amphitryons Unvermögen diesen ihn enteignenden Doppelgänger als göttlich anzuerkennen, verhindert, dass er die geistige Erkenntnis des Geschehens erlangt. Nur die Erkenntnis darüber was menschlich und was göttlich ist, befreit die Figur aus dem Netz der Verwirrung. Da Amphitryon Jupiter nicht als Gott, sondern allein als „Betrüger“ und damit als menschlich und somit besiegbar anerkennt, bleibt ihm der Sieg über den Gott verwehrt.
Ähnlich wie Amphitryon sich durch seinen Besitz definiert, definiert auch Jupiter sich durch seinen Status als Gott. Seine Identitätskrise resultiert aus dem Unvermögen Alkmenes zwischen Ehemann und Gott zu differenzieren. So wie Jupiter Amphitryon seines Standes beraubt, ihn schlicht als Menschen betrachtet und damit mit allen anderen Menschen gleich stellt und ihn dadurch abwertet, wertet auch Alkmene, wenn auch unbewusst, Jupiter ab, beraubt ihn seiner Göttlichkeit und stellt ihn mit den Menschen gleich. Die Verherrlichung des Ehemannes und damit verbundene Steigerung seiner Person ins Göttliche, bedeutet gleichsam eine Minderung des Göttlichen zum Menschlichen. Um seine Identität wiederzugewinnen, sucht der Gott eine Bestätigung seiner Göttlichkeit und Unverwechselbarkeit zum Menschen in menschlicher Gestalt. Selbst als das perfektionierte Ebenbild Amphitryons bleibt der Gott göttlich und der Mensch Amphitryon menschlich.
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Identitätsproblem in Kleists Amphitryon ein und skizziert den Ansatz, die Identitätskrisen der Figuren durch den Einfluss des Partners und göttliche Intervention zu untersuchen.
2. Entstehungsgeschichte: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Entstehungskontext des Dramas und vergleicht die Stofftradition des Amphitryon-Mythos von der Antike bis zu Kleists Adaption.
2.1 Herkunft und Verarbeitung des Mythos: Eine detaillierte Betrachtung der antiken und europäischen Rezeption des Amphitryon-Mythos als Grundlage für Kleists Werk.
2.2 Von Molière zu Kleist: Dieser Abschnitt vergleicht die philosophische Tiefe von Kleists Werk mit der eher gesellschaftskritischen Ausrichtung von Molières Fassung.
3. Die Kleistsche Rollenverteilung von Mann und Frau: Die Untersuchung analysiert die Rollenbilder von Mann und Frau basierend auf zeitgenössischen philosophischen Strömungen wie denen von Fichte.
4. Amphitryon als Identitätsdrama: Hier wird der Kern der Identitätsbedrohung durch den Doppelgänger und das "Rollenraub"-Motiv analysiert.
4.1 Figurenkonstellationen: Dieses Kapitel betrachtet die wechselseitige Identitätsdefinition der Figuren durch ihre Partner.
4.1.1 Jupiter und Amphitryon - Identität durch Repräsentation: Eine Analyse der Machtansprüche und der Identität als repräsentative Größe in der Beziehung zwischen Gott und König.
4.1.2 Der Identitätsstreit zwischen Merkur und Sosias: Die Untersuchung der Auseinandersetzung zwischen dem göttlichen Doppelgänger Merkur und dem Diener Sosias.
4.1.3 Paarbeziehungen: Jupiter, Amphitryon und Alkmene zu Merkur, Sosias und Charis: Dieser Abschnitt beleuchtet den Kontrast zwischen den herrschaftlichen und den dienenden Paaren in Bezug auf Liebe und Identität.
4.1.4 Jupiter und Alkmene: Fokus auf der ehebrecherischen Verbindung als zentraler Antrieb für die Identitätskrise.
4.2 Das „Ach“ der Alkmene: Eine Deutung des wiederkehrenden Ausrufs "Ach" als Ausdruck der existenziellen Verwirrung und der Erkenntnis von Alkmene.
4.3 Identitätsverlust durch Ehrverlust: Die Analyse des Zusammenhangs von Ehre, sozialem Status und persönlicher Identität.
5. Vermischung des Tragischen mit dem Komischen: Die Erörterung der gattungstheoretischen Besonderheit Kleists, Komik und Tragik harmonisch zu verbinden.
6. Resümee: Eine abschließende Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse bezüglich Kleists Fokus auf das innere Bewusstsein und die Identitätsproblematik.
Amphitryon, Heinrich von Kleist, Identitätskrise, Mythos, Doppelgänger, Molière, Rollenverteilung, Alkmene, göttliche Intervention, Erkenntnis, Ehre, Selbstbewusstsein, Geschlechterrollen, Tragikomödie, Subjektivität.
Die Magisterarbeit untersucht die Identitätskrisen der Figuren in Heinrich von Kleists Drama "Amphitryon". Sie analysiert, wie die Protagonisten durch die göttliche Verwechslung in eine existentielle Krise geraten und wie sie ihre Identität neu definieren müssen.
Zentrale Themen sind die Frage nach der Identität und dem Ich-Bewusstsein, die Differenzierung zwischen göttlicher und menschlicher Natur, die Geschlechterrollen im zeitgenössischen Verständnis sowie die Verflechtung von Ehre und sozialer Rolle.
Ziel ist es, die spezifische "Kleistsche" Bearbeitung des Mythos herauszuarbeiten, insbesondere die Verschiebung von der gesellschaftlichen Komödie hin zum philosophischen Drama über das Bewusstsein und das innere Gefühl der Charaktere.
Die Arbeit basiert auf einer textnahen hermeneutischen Analyse des Dramas, ergänzt durch einen Vergleich mit der Vorlage von Molière und der Einbeziehung zeitgenössischer philosophischer Konzepte (u.a. Fichte, Habermas).
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, eine Untersuchung der Figurenkonstellationen (insbesondere die Rolle Jupiters als "Regisseur") sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Ehre und dem Identitätsverlust für die verschiedenen Stände.
Wichtige Begriffe sind Identitätskrise, Doppelgänger, Rollenraub, Erkenntnis, Ehre, Repräsentative Öffentlichkeit und die Vermischung von Tragischem und Komischem.
Das Diadem ist das Symbol für den Ruhm und die Identität Amphitryons als siegreicher Feldherr. Dass es sich bereits im Besitz von Alkmene befindet, obwohl er es ihr noch gar nicht überreicht hat, signalisiert ihm, dass ein "anderer" seinen Platz eingenommen hat.
Das "Ach" wird als Ausdruck einer tiefen existenziellen Enttäuschung gedeutet. Es markiert den Moment, in dem die Illusion des gottgleichen Ehemannes zerbricht und sie begreift, dass sie nur mit einem sterblichen Menschen zusammenlebt.
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