Magisterarbeit, 2007
128 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung: Gegenstand und Vorgehensweise
2. Eckdaten der alpinen Kinderwanderungen nach Oberschwaben
2.1. Die Wanderungen im Kontext gesamtalpiner Migration
2.2 Zeitlicher Rahmen
2.3. Herkunftsorte und Zielgebiete
2.4. Anzahl, Alter und Geschlecht
3. „Noth bricht Eisen“. Die Ursachen eines Sozialphänomens
4. Ausländische Saisonarbeiter in der deutschen Landwirtschaft im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
5. Der Zug der Schwabenkinder. Reise und Verdingung im Vergleich zum ostpreußischen Ablauf
5.1. Reisezeit und Wege
5.2. Führer und Agenten
5.3. Der Kindermarkt: exzeptionelles Phänomen oder Ausdruck von Normalität?
6. Die Arbeitswelt der Migranten
6.1. Arbeitsfelder und Arbeitsbedingungen der Schwabenkinder
6.2. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Ostarbeitern
6.3. Der Lohn. Formen und Entwicklung
7. Die Lebensverhältnisse. Hütekinder und Ostarbeiter im Vergleich
8. Kritik und Kontroverse. Reichweiten eines öffentlichen Diskurses
8.1. Streitpunkt Schulpflicht
8.2. Sklavenhandel am Bodensee?
8.3. Kritik aus Übersee und diplomatische Folgen
9. Polonisierung des deutschen Ostens? Nationalkulturelle Phobien und die Frage nach der Ersetzbarkeit der Ostarbeiter
10. Politische Folgen: Behördliche Maßnahmen zur Eindämmung und Regulierung der Wanderarbeit
10.1. Legitimation und Karenzzeit für Ostarbeiter
10.2. Der lange Weg zum Verbot der alpinen Kinderwanderungen
10.2.1. Vor dem Ersten Weltkrieg
10.2.2. Nach dem Krieg
10.2.3. Die Rolle der Kirche
11. Schlussbetrachtung
Die vorliegende Magisterarbeit analysiert sozialhistorisch das Phänomen der sogenannten "Schwabenkinder" – Kinder aus alpinen Bergregionen, die saisonal zur Arbeit nach Oberschwaben wanderten – und setzt diese in einen komparatistischen Kontext zur zeitgenössischen osteuropäischen Saisonwanderarbeit in die deutsche Landwirtschaft.
3. „Noth bricht Eisen“. Die Ursachen eines Sozialphänomens
Betrachtet man die Schwabenkinder aus heutiger Sicht, dann drängt sich besonders eine Frage unmittelbar auf. Es ist die Frage nach den Ursachen dieses Phänomens, wie es möglich war, dass tausende Eltern jedes Jahr gezwungen waren und tausende Kinder gezwungen wurden, ihre vertraute Heimat zu verlassen und an fremden Orten und unter der Obhut fremder Menschen Arbeitsdienst zu verrichten. Untersucht man diese Gründe, so ist es nicht schwer zu ersinnen, dass es solche von existentieller Art gewesen sein müssen. Einerseits lassen sich dafür natürliche Gegebenheiten angeben mit Bezug auf die herrschenden geografischen und klimatischen Verhältnisse. Andererseits sind es gesellschaftliche, rechtliche und politische Faktoren, die zusammen mit den natürlichen Gegebenheiten ein Konglomerat bilden, welches in einem Wort die über Jahrhunderte währende ökonomische Realität und damit das Leben der alpinen Bergbauern beschreibt: die Armut.
Der Begriff Armut ist in diesem Kontext als Zustand der materiellen Besitzlosigkeit zu verstehen, meint also keinen graduellen Unterschied in der Klassifizierung von Wohlstandsverhältnissen. Betroffen war davon in erster Linie der Bauernstand der alpinen Bergregionen und somit der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung. Von einem bäuerlichen Besitzverhältnis kann erst im Zuge der Bauernbefreiung ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesprochen werden, für den Zeitraum vorher gilt die ständestaatliche Organisation des Pachtlandes. In beiden Fällen existierte aber kaum ein weiterer Besitz, kein Kapital, mit dem sich investiv wirtschaften hätte lassen. Geldkapital war den Bergbauern gänzlich fremd, der Besitz von Bargeld eine äußerst seltene, maximal geringfügig auftretende Erscheinung. Die Existenzgrundlage hing ganz und gar von der wirtschaftlichen Ausbeute der Bodenbearbeitung ab. Deren Ertrag reichte aber nicht aus, um die kontinuierliche Versorgung mit Lebensmitteln zu gewährleisten. Zur Armut gehört daher der Hunger.
1. Einleitung: Gegenstand und Vorgehensweise: Definition des Phänomens der Schwabenkinder und Darlegung der methodischen Vorgehensweise, inklusive der geplanten sozialhistorischen Vergleichsstudie.
2. Eckdaten der alpinen Kinderwanderungen nach Oberschwaben: Verortung der Kinderwanderungen in einem räumlichen und zeitlichen Rahmen sowie Darstellung der Wanderung als traditionelles ökonomisches Ventil.
3. „Noth bricht Eisen“. Die Ursachen eines Sozialphänomens: Analyse der existenziellen Armut, schwieriger klimatischer Bedingungen und erbrechtlicher Strukturen als Hauptursachen der Kinderwanderarbeit.
4. Ausländische Saisonarbeiter in der deutschen Landwirtschaft im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert: Untersuchung der Massenwanderung osteuropäischer Saisonarbeiter als Vergleichsgegenstand, eingebettet in den Kontext der Industrialisierung.
5. Der Zug der Schwabenkinder. Reise und Verdingung im Vergleich zum ostpreußischen Ablauf: Dokumentation der Reisewege, der Rekrutierungsformen und der Etablierung von Kindermärkten als zentralen Orten der Verdingung.
6. Die Arbeitswelt der Migranten: Beschreibung der Arbeitsfelder, der Arbeitsbedingungen und der Lohnformen, wobei die Abhängigkeit der Migranten von den Dienstgebern im Zentrum steht.
7. Die Lebensverhältnisse. Hütekinder und Ostarbeiter im Vergleich: Analyse der Unterbringung und Versorgung sowie der sozialen Stellung der Migranten im bäuerlichen bzw. gutsherrlichen Kontext.
8. Kritik und Kontroverse. Reichweiten eines öffentlichen Diskurses: Darstellung der öffentlichen Kritik, insbesondere hinsichtlich der mangelnden Schulpflicht und der Vermarktung kindlicher Arbeit auf den Kindermärkten.
9. Polonisierung des deutschen Ostens? Nationalkulturelle Phobien und die Frage nach der Ersetzbarkeit der Ostarbeiter: Erörterung der nationalistisch geprägten Ängste vor einer "Polonisierung" und der politischen Instrumentalisierung der Wanderarbeit.
10. Politische Folgen: Behördliche Maßnahmen zur Eindämmung und Regulierung der Wanderarbeit: Detaillierte Betrachtung der behördlichen Regulierungsversuche, der Einführung von Legitimationskarten und der Rolle der Kirche als Vermittler.
11. Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse, wobei die Besonderheit der Schwabenkinder als isoliertes, althergebrachtes Phänomen gegenüber den modernen Regulierungsversuchen im Kaiserreich hervorgehoben wird.
Schwabenkinder, Saisonwanderarbeit, Oberschwaben, Sozialgeschichte, Kinderarbeit, Armut, Kindermarkt, Verdingung, Hütekinderverein, Schulpflicht, Preußengänger, Landwirtschaft, Agrargeschichte, Migration, Lohnarbeit
Die Arbeit untersucht sozialhistorisch das Phänomen der "Schwabenkinder", also Kinder aus den Alpenregionen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert saisonal zur Arbeit nach Oberschwaben zogen, und vergleicht dieses mit der zeitgenössischen ausländischen Saisonwanderarbeit in Deutschland.
Die zentralen Themen sind die ökonomischen Ursachen (Armut), die Modalitäten der Reise und Verdingung (Kindermärkte), die Arbeits- und Lebensbedingungen der Kinder sowie die öffentliche und behördliche Kritik an diesem Phänomen.
Ziel ist es, durch eine sozialhistorische und komparatistische Analyse die Besonderheiten des Schwabenkinder-Phänomens herauszuarbeiten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur massenhaften osteuropäischen Wanderarbeit aufzuzeigen und das Phänomen in den gesellschaftlichen Diskurs jener Zeit einzuordnen.
Es handelt sich um eine sozialhistorische Analyse, die auf einer breiten Auswertung historischer Quellen (Landesarchive, zeitgenössische Presseberichte, amtliche Statistiken, Autobiografien) basiert und eine komparatistische Perspektive einnimmt.
Der Hauptteil befasst sich mit den Eckdaten, Ursachen, der Praxis der Anwerbung (einschließlich der Rolle von Vermittlern und Kindermärkten), den Arbeitsverhältnissen, den Lebensverhältnissen sowie der massiven Kritik an den Arbeitsbedingungen und der Vernachlässigung der Schulpflicht.
Besonders prägend sind die Begriffe Armut, Kindermarkt, Verdingung, Schulpflicht, "Schwabengängerei" und der Vergleich zwischen der althergebrachten Form der Hütekinderwanderung und der kapitalistisch organisierten osteuropäischen Saisonarbeit.
Der Kindermarkt wird als zentraler Ort der Verdingung diskutiert, da er der einzige öffentliche Aspekt der "Schwabengängerei" war und durch seine physische Vermarktung kindlicher Arbeitskraft zum Hauptangriffspunkt für zeitgenössische Kritiker wurde.
Die Kirche spielte eine ambivalente Rolle: Einerseits kritisierte sie die moralischen Gefahren, andererseits organisierte und subventionierte sie durch den "Hütekinderverein" die Wanderungen, um die Verhältnisse für die Kinder professioneller und kontrollierter zu gestalten.
Das Phänomen endete aufgrund eines Zusammenspiels von wirtschaftlichem Aufschwung, der zunehmenden Durchsetzung von Schulpflicht, staatlichen Beschränkungen und schließlich der außenpolitischen Spannungen in der Zeit des Nationalsozialismus.
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