Magisterarbeit, 2004
80 Seiten, Note: 2,75
1. Einleitung
2. Kindheit
3. Ariès’ Thesen
4. Der epische Kindheitsdiskurs
4.1. Häufige Funktionen von epischen Kindheitsgeschichten und das literarische Muster des hero pattern
4.2. ‚Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht’
4.2.1. Autor und Werk
4.2.2. Die Kindheitsdarstellung von Alexander
4.2.3. Züge des hero pattern im Alexanderlied
4.2.4. Alexanders Kindheitsdarstellung und die Thesen von Ariès
4.3. ‚Kudrun’
4.3.1. Autor und Werk
4.3.2. Die Kindheitsgeschichte von Hagen
4.3.3. Züge des hero pattern in der Kindheitsgeschichte von Hagen
4.3.4. Kindheitsdarstellung in der ‚Kudrun’ und die Thesen von Ariès
4.4. ‚Parzival’ von Wolfram von Eschenbach
4.4.1. Autor und Werk
4.4.2. Die Kindheitsgeschichte von Parzival
4.4.3. Züge des hero pattern in der Kindheitsgeschichte von Parzival
4.4.4. Kindheitsdarstellung im ‚Parzival’ und die Thesen von Ariès
5. Pädiatrischer Kindheitsdiskurs
5.1. Der Fürstenspiegel des Aegidius Romanus
5.1.1. Zum Autor und Werk
5.1.2. Kindheit in ‚De regimine principum’
5.1.3. Diskussion
6. Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Kindheitsverständnis in der deutschen Literatur des hohen und späten Mittelalters, um die Thesen von Philippe Ariès über das vermeintliche Fehlen eines Bewusstseins für Kindheit in dieser Epoche kritisch zu hinterfragen.
4.1. Häufige Funktionen von epischen Kindheitsgeschichten und das literarische Muster des hero pattern
Bevor man die epischen Kindheitsgeschichten vorstellt und in Bezug auf die Thesen von Ariès untersucht, muss man zunächst erwähnen, dass es sich bei vielen Kindheitsgeschichten in mittelhochdeutschen Epen nicht um Texte handelt, deren Inhalt historische Fakten wiedergibt, sondern um fiktive Geschichten. Diese weichen teilweise sehr von ihren ursprünglichen Quellen ab und sind oftmals spätere Zusätze bereits bestehender Heldengeschichten (vgl. Pörksen, Geburt, S. 276). Die Kindheitsgeschichte von Kudruns Großvater Hagen wurde z.B. nachträglich dem Epos ‚Kudrun’ zugefügt und ohne eine konkrete Vorlage gedichtet.11 Die Kindheitsgeschichte von Parzival wurde von Wolfram von Eschenbach frei von seiner ursprünglichen Quelle gestaltet.12 Bei der Jugendgeschichte von Alexander liegt der Fall etwas anders. Dieser Text ist nicht rein fiktiv, da es sich beim Alexanderlied um einen Antikenroman handelt. Das heißt, der Text ist nicht frei erfunden, sondern sein Stoff ist aus der Geschichte entnommen. Er basiert auf historischen Fakten, wurde aber mediaevalisiert, d.h. an mittelalterliche Verhältnisse angepasst. Dadurch werden historische Fakten mit fiktiven Elementen vermischt.13 Die Kindheits- und Jugendgeschichte von Alexander ist zwar an die historische Biographie des Helden angelehnt, in die Geschichte wurden aber sagenhafte Elemente, z.B. Wunder, die Alexanders Geburt begleiten u.Ä. literarisch eingebaut. Es handelt sich somit um einen pseudohistorischen Roman, dem viele fiktionale Elemente eingeschrieben wurden.
1. Einleitung: Darstellung des Forschungsgegenstandes und Einordnung der Thesen von Philippe Ariès zur mittelalterlichen Kindheit.
2. Kindheit: Erläuterung der Begrifflichkeiten und Definitionen von Kindheit in verschiedenen historischen und pädagogischen Kontexten.
3. Ariès’ Thesen: Detaillierte Vorstellung der vier Hauptthesen von Philippe Ariès bezüglich des mittelalterlichen Kindheitsverständnisses.
4. Der epische Kindheitsdiskurs: Untersuchung fiktiver Texte wie ‚Alexanderlied’, ‚Kudrun’ und ‚Parzival’ im Hinblick auf das „hero pattern“ und das Kindheitsverständnis.
5. Pädiatrischer Kindheitsdiskurs: Analyse pädagogischer Schriften, insbesondere des Fürstenspiegels von Aegidius Romanus, hinsichtlich der Erziehung von Kindern.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Thesen von Ariès unter Berücksichtigung der untersuchten literarischen und pädagogischen Texte.
Kindheit, Mittelalter, Philippe Ariès, hero pattern, Erziehung, Kindheitsgeschichte, Literaturwissenschaft, historische Anthropologie, Tugenden, höfische Kultur, Parzival, Alexanderlied, Kudrun, Aegidius Romanus, Kindheitsverständnis.
Die Arbeit untersucht das Kindheitsverständnis im hohen und späten Mittelalter anhand von epischen Texten und pädagogischen Schriften, um die verbreiteten, oft kritisierten Thesen von Philippe Ariès zu prüfen.
Die zentralen Themen sind die literarische Darstellung von Kindheit, die Erziehungsmodelle im Mittelalter, das „hero pattern“ in Heldenepen und die Frage, ob Eltern ein Bewusstsein für kindliche Besonderheiten hatten.
Ziel ist es zu klären, ob die Thesen von Philippe Ariès, die das Fehlen eines mittelalterlichen Kindheitsbewusstseins behaupten, angesichts volkssprachlicher Literatur und pädagogischer Texte haltbar sind oder widerlegt werden können.
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär Quellen wie Heldenepen und einen Fürstenspiegel untersucht und diese in den Kontext historischer Forschung sowie der Ariès-Kritik stellt.
Der Hauptteil gliedert sich in einen epischen Diskurs (Alexanderlied, Kudrun, Parzival) und einen pädiatrischen Diskurs (Fürstenspiegel von Aegidius Romanus), wobei für jeden Text eine detaillierte Kindheitsanalyse erfolgt.
Schlüsselwörter sind unter anderem Kindheit, Mittelalter, hero pattern, Erziehung, Ariès, Tugenden und höfische Kultur.
Es dient dazu, die Außergewöhnlichkeit des Helden zu legitimieren. Durch bestimmte Motive wie hohe Abkunft oder Gefahrensituationen wird das Kind vom "Normalen" abgehoben und für seine zukünftige Rolle als Held profiliert.
Aegidius Romanus liefert als Pädagoge konkrete Leitlinien zur körperlichen und geistigen Entwicklung, die belegen, dass Kindheit im Mittelalter durchaus in differenzierte Abschnitte unterteilt und als entwicklungsbedürftig wahrgenommen wurde.
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