Magisterarbeit, 2006
91 Seiten, Note: 1,3
1. Die Hochphase der historischen Literatur im 19. Jahrhundert – eine Einleitung
2. Die „Wirklichkeit“ des „literarischen Realisten“ Keller – Eine Darstellung der historischen Situation im 19. Jahrhundert
2.1. Strukturwandel auf ganzer Linie – zur politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklung in der Schweiz des 19. Jahrhunderts
2.2. Das Feuerbacherlebnis – Philosophisch-weltanschauliche Tendenzen und ihre Wirkung auf Keller
2.3. Die Bedeutung von Kellers Sozialisation und Weltanschauung für eine Rekonstruktion seines Geschichtsbegriffes – einige Arbeitshypothesen
3. Historische Fiktion und fiktive Historie – Analogien und Differenzen der Züricher Novellen hinsichtlich der Geschichtskonzeption
3.1. Die problematische Entstehung der Züricher Novellen
3.2. Die strukturellen Besonderheiten der Novellensammlung
3.2.1. Herr Jacques oder der multifunktionale Rahmen
3.2.2. Hadlaub und der Beginn der bürgerlichen Gesellschaft
3.2.3 Die erste bürgerliche Blütezeit – Der Narr auf Manegg
3.2.4. Individuelle Bewältigung geschichtlicher Veränderung – Der Landvogt von Greifensee
3.2.5. Versöhnung von Generationen durch nationale Festtradition: Das Fähnlein der sieben Aufrechten
3.2.6. Ursula – der neuralgische Punkt
3.3. Grundlagen und Bestandteile des Geschichtsbegriffes
3.3.1. Die Akzentuierung des Privaten gegenüber der Öffentlichkeit
3.3.2. Die zerstörerische Grundlage der Geschichte
3.3.3. Die Inszenierung von Dauerhaftigkeit
3.3.4. Wiederkehrende Generationskonflikte und deren Versöhnung als Zeichen des Reformationsprinzips
3.3.5. Gesegnetes Fleckchen Erde oder der Glaube an eine natürliche Ordnung der Geschichte
4. Rekonstruktion und Diskussion des Kellerschen Geschichtsbegriffes
Die Arbeit rekonstruiert und diskutiert den Geschichtsbegriff Gottfried Kellers auf Basis seines Novellenzyklus "Züricher Novellen". Dabei wird analysiert, wie Keller historische Stoffe in das Spannungsfeld von individueller Lebensgestaltung und gesellschaftlichen Transformationsprozessen einbettet und welche Funktion die Geschichte innerhalb seiner Poetik und Weltanschauung einnimmt.
3.3.2. Die zerstörerische Grundlage der Geschichte
Nun scheint in den Züricher Novellen mit dem guten Original ein Ideal expliziert zu werden, das es im Sinne eines geschichtlichen Telos zu erreichen gilt. Schließlich schaffen Hadlaub und auch Karl Hediger eine funktionierende Ordnung im Privaten, die wiederum die Grundlage für eine ideale Ordnung der Gesellschaft darstellt, wie sie dann im Fähnlein demonstriert wird. Doch erstens hat Keller das im Fähnlein beschworene Ideal später selbst relativiert und zweitens ist kein progressiver Zusammenhang zwischen den dargestellten historischen Zeiten auf dem Weg dorthin erkennbar. Im Gegenteil. Zumindest die Verbindung zwischen den ersten beiden Erzählungen Hadlaub und Der Narr auf Manegg besteht gerade im Untergang des Manesse-Geschlechtes und der Zerstörung ihrer Burg. Auf diesen destruktiven Zusammenhang verweist der Erzähler inmitten der idyllischen Krönung Hadlaubs zum Dichter mit einem daher umso brutaler wirkenden Blick in die Zukunft der anwesenden Adelgeschlechter:
Es gab nichts Schöneres zu sehen als die sitzende Fides in ihrer Bedrängnis, festgehalten von den zwei blühenden jungen Paaren, aber auch nichts Erschütternderes, wenn einer die Zukunft hätte sehen und wissen können, wie in einer kurzen Spanne Zeit der jetzt so frohe Wart wegen König Albrechts Ermordung auf das Rad geflochten sein und eben dieses fröhliche Bräutlein, alsdann seine Gattin, drei Tage und Nächte hindurch betend auf der Erde unter dem Rade liegen würde, bis er den Geist aufgegeben; wie dieser selbe Eschenbacher Freiherr, landesflüchtig in der Fremde als Hirtenknecht sein Leben fünfunddreißig Jahre lang fristen sollt, verborgen, verschollen in einer Hütte sterbend; wie die Geschlechter vertilgt, der hundertjährige Besitz genommen und die Burgen zerstört wurden, daß die Flamme zum Himmel und das Blut zur Erde rauchte vor den grimmigen Bluträchern. Diese Wolke schwarzen Schicksals, die über dem sonnigen Lebensbilde hing, barg den Blitz einer unbesonnenen, ungeheuren Tat, wie sie, erzeugt durch den Druck ungerechter Gewalt, ungeahnt und plötzlich einmal entsteht und den Täter mit dem Bedrücker vernichtet.
1. Die Hochphase der historischen Literatur im 19. Jahrhundert – eine Einleitung: Diese Einleitung verortet die "Züricher Novellen" im Kontext des literarischen Realismus und führt in die zentrale Fragestellung ein, wie Keller Geschichte als Grundlage seines Erzählens verwendet.
2. Die „Wirklichkeit“ des „literarischen Realisten“ Keller – Eine Darstellung der historischen Situation im 19. Jahrhundert: Das Kapitel beleuchtet den sozialpolitischen und geistesgeschichtlichen Hintergrund des 19. Jahrhunderts in der Schweiz, um das Verständnis von "Wirklichkeit" bei Keller einzuordnen.
3. Historische Fiktion und fiktive Historie – Analogien und Differenzen der Züricher Novellen hinsichtlich der Geschichtskonzeption: Hier wird der Novellenzyklus einer detaillierten Analyse unterzogen, wobei insbesondere die Entstehungsgeschichte, der strukturelle Aufbau und die inhaltlichen Analogien untersucht werden.
4. Rekonstruktion und Diskussion des Kellerschen Geschichtsbegriffes: Das abschließende Kapitel fasst die Analyseergebnisse zusammen und prüft die Kompatibilität des rekonstruierten Geschichtsbegriffes mit Kellers Weltanschauung.
Gottfried Keller, Züricher Novellen, literarischer Realismus, Geschichtsbegriff, Historismus, Ludwig Feuerbach, Mimesis, Reformation, Naturordnung, Generationskonflikt, Identität, Schweizer Geschichte, Poetischer Realismus, Individuum und Masse.
Die Magisterarbeit untersucht Gottfried Kellers Geschichtsverständnis, wie es sich in seinem Novellenzyklus "Züricher Novellen" widerspiegelt, und setzt dieses in den Kontext seiner Zeit.
Zentral sind die literarische Epoche des Realismus, die historische Entwicklung der Schweiz im 19. Jahrhundert sowie philosophische Strömungen, insbesondere durch den Einfluss von Ludwig Feuerbach.
Das Ziel ist die Rekonstruktion von Kellers Geschichtsbegriff, um zu verstehen, wie er das Verhältnis von Individuum, Geschichte und gesellschaftlichem Wandel in seinen Dichtungen modelliert.
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Textzyklus angewandt, ergänzt durch die Einbeziehung des historischen Kontextes und biographischer Hintergründe sowie philosophischer Quellen.
Der Hauptteil analysiert die Entstehung und den Aufbau der Novellensammlung sowie die inhaltlichen Analogien und Differenzen der Erzählungen, um eine geschlossene Geschichtskonzeption Kellers zu erarbeiten.
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Realismus, Geschichtsbegriff, Reformation, Naturmetaphorik und die Auseinandersetzung mit dem Historismus geprägt.
Die Reformation dient im Kellerschen Geschichtsbild als Prinzip der allmählichen, organischen Erneuerung, die im Gegensatz zu radikalen revolutionären Umbrüchen steht.
Der Rahmen mit der Figur "Herr Jacques" dient zur kritischen Auseinandersetzung mit einem zeitgenössischen, antiquarischen Geschichtsverständnis und setzt den Ausgangspunkt für die moralische Belehrung durch den Paten.
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