Diplomarbeit, 2008
98 Seiten, Note: 2,0
1 Einleitung
2 Phänomen Migration
2.1 Migration als Prozess – Shmuel N. Eisenstadt
2.2 Ergänzung des Migrationskonzepts – Hartmut Esser
3 Migrationsentscheidung
3.1 Mamma Medea
3.1.1 Textwahl
3.1.2 Herkunftsland
3.1.3 Migrationsentschluss
3.2 Exkurs/Sonderposition Der Sturm
3.2.1 Kulturelle Figuration
3.2.1.1 Das Märchen von der Zivilisation
3.2.1.2 Der Zuschauer als Verbündeter
3.2.1.3 Entzauberung der Illusion
3.2.2 Figuration des Anderen
3.2.2.1 Caliban
3.2.2.2 Ariel
3.2.2.3 Auflösung des Selbst – Prospero
3.2.3 Der Sturm – Ein Zwischenergebnis
4 Migration an sich
4.1 Mamma Medea
4.1.1 Die Wanderung – Eine Wandernde
4.1.2 Die Wanderung – Gruppenwanderung
4.2 Troilus und Cressida
4.2.1 Eine Persiflage auf den Bildungsanspruch
4.2.2 Allein unter Vielen – Thersites
4.2.3 Troilus und Cressida – Ein Zwischenergebnis
5 Assimilation, Segregation, Separation
5.1 Mamma Medea
5.1.1 Ankunftsland
5.1.2 Mamma Medea – ein Zwischenergebnis
5.2 Hass
5.2.1 Kulturelle Figuration
5.2.1.1 Darstellung der Migranten-Figuren im Film
5.2.1.2 Darstellung der Migranten-Figuren auf dem Theater
5.2.2 Verschiebung der Themenschwerpunkte
5.2.2.1 Gewalt oder Langeweile
5.2.2.2 Opfer oder Täter
5.2.3 Hass – Ein Zwischenergebnis
5.3 Frauen als Politikum?
5.4 Ausgegrenzt
5.4.1 Der Migrant als Opfer
5.4.2 Verfremdungseffekte
5.4.3 Hass spricht
5.4.4 Visualisierung des Elends
5.4.5 Ausgegrenzt – Ein Zwischenergebnis
6 Fazit
Ziel der Arbeit ist es, die unterschiedlichen Facetten des Themas Migration aus einer theaterwissenschaftlichen Perspektive zu betrachten und zu untersuchen, inwieweit die Debatte Einzug in das kulturelle Leben der breiten deutschen Öffentlichkeit erhält.
3. 1. 2. Herkunftsland
Das Herkunftsland Kolchis der Medea wird bäuerlich dargestellt. Die weiblichen Figuren tragen Schürzen oder kittelähnliche Kostüme in Grau- und Brauntönen. Chalkiope, die ältere Schwester Medeas, und ihre zwei Söhne Melas und Frontis haben Wollmützen auf. Der Herrscher der Insel Kolchis, ihr Vater Aites, trägt einen braunen Anzug aus Cord, der abgetragen wirkt. Durch die bäuerliche Kleidung wirken sie arm. Die Körperhaltung der Figuren, bis auf Aites, ist leicht gebückt, so dass sie als schwach und demütig vor dem Herrscher dargestellt werden. Von Aites ist immer wieder die Rede als Despot und Tyrann, der die Insel beherrscht, so dass die gebückte Haltung, besonders der Chalkiope und ihrer zwei Söhne, Ausdruck für eine Diktatur ist. Aites herrscht über die Insel, lässt kein anderes Wort gelten, und bestimmt die Strafen. Exemplarisch wird das an den Söhnen seiner Tochter Chalkiope dargestellt. Frontis und Melas hatten die Insel verlassen, um das Geburtsland ihres verstorbenen Vaters kennenzulernen. „Melas: Wir wollten, nach dem Ende von Papa/Mal sehen wie schön Land der Väter war.“ Zur Strafe werden sie bei ihrer Rückkehr in der Inszenierung beinahe zu Tode gequält. Zunächst sollen sie mit den Fremden beseitigt werden. „Aites: Und sorg, Apsyrtos, dass auch deine Neffen/Der Strafe für ihren Frevel nicht entgehn.“ Als dieser Plan misslingt, kriegen sie die Wut des Aites zu spüren. Dieser ist wütend, weil seine jüngste Tochter Medea – ihn wegen eines Fremden – Jason – verließ. Sie müssen mit nacktem Unterkörper auf dem Boden kriechen und Aites bedroht sie mit dem Messer. Die Inszenierung liefert auf diese Weise zu Beginn eine Erklärung für die spätere Unmöglichkeit Medeas Rückkehr. Auf sie würde eine ähnliche Art der Peinigung warten. Auch ihre Schwester Chalkiope, die es wagte sich mit einem Fremden einzulassen, wird von Aites mit Missachtung gestraft.
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Motto der Spielzeit 2007/2008 der Münchner Kammerspiele ein und umreißt das Ziel, das Thema Migration aus theaterwissenschaftlicher Perspektive zu untersuchen.
2 Phänomen Migration: Dieses Kapitel erörtert klassische und neuere soziologische Migrationstheorien, insbesondere die Ansätze von Shmuel N. Eisenstadt und Hartmut Esser, um einen theoretischen Rahmen für die Analyse zu schaffen.
3 Migrationsentscheidung: Hier wird die erste Phase der Migration anhand der Inszenierungen Mamma Medea und Der Sturm analysiert, wobei besonders die Hintergründe der Abwanderung und die Darstellung von Herkunftsgesellschaften im Fokus stehen.
4 Migration an sich: Der Fokus liegt auf der Wanderung selbst und ihrer Darstellung, wobei Mamma Medea und Troilus und Cressida als Fallbeispiele für Gruppenwanderungen und die Konstruktion des Fremden dienen.
5 Assimilation, Segregation, Separation: Dieses Kapitel untersucht die Eingliederungsprozesse und Ausgrenzungsmechanismen anhand der Stücke Mamma Medea, Hass und Ausgegrenzt und reflektiert über die Positionen der Migranten im Ankunftsland.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen und bestätigt die Hypothese, dass die Inszenierungen die Migranten-Figur überwiegend als Opfer klassifizieren, während die Mehrheitsgesellschaft in der Rolle des Täters agiert.
Migration, Theaterwissenschaft, Inszenierung, Münchner Kammerspiele, Assimilation, Segregation, Figuration, Fremdheit, Stereotyp, Identität, Soziologie, Mamma Medea, Der Sturm, Hass, Ausgrenzung.
Die Arbeit untersucht, wie das Thema Migration in zeitgenössischen Theaterinszenierungen der Münchner Kammerspiele dargestellt wird und welche sozialen und politischen Diskurse sich darin widerspiegeln.
Im Zentrum stehen die Phasen der Migration (Entscheidung, Wanderung, Integration/Ausgrenzung), die Konstruktion von Fremdheit sowie die Kritik an westlichen Gesellschaftsbildern durch das Medium Theater.
Ziel ist es, aus einer theaterwissenschaftlichen Perspektive herauszuarbeiten, wie soziale Realitäten und die Debatte um Migranten in Deutschland künstlerisch auf der Bühne verhandelt und hinterfragt werden.
Es werden soziologische Migrationstheorien (insb. Eisenstadt und Esser) mit einer strukturellen Theateranalyse verknüpft, wobei der Begriff der „Figuration“ eine zentrale Rolle spielt.
Der Hauptteil analysiert detailliert die Inszenierungen von Mamma Medea, Der Sturm, Troilus und Cressida, Hass und Ausgegrenzt hinsichtlich ihrer Darstellung von Migrationsmotiven und gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Wichtige Begriffe sind Migration, Assimilation, Segregation, Figuration, Stereotypisierung und das performative Potenzial des Theaters als Spiegel gesellschaftlicher Zustände.
Pucher dekonstruiert das Stück als bloßes Konstrukt, kritisiert westlichen Kolonialismus und nutzt visuelle Mittel wie Müll-Metaphern, um die Zuschauer aktiv in die Kritik an der Mehrheitsgesellschaft einzubinden.
Die Müll-Metapher dient als visuelles Symbol für die gesellschaftliche Ausgrenzung von Migranten, die von der Mehrheitsbevölkerung als "wertlos" oder störend wahrgenommen und an den Rand gedrängt werden.
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