Diplomarbeit, 2007
76 Seiten, Note: 2
1. EINLEITUNG
I THEORETISCHE HINFÜHRUNG ZUM THEMA
2. BEGRIFFE UND DEFINITIONEN
2.1 Geschwister
2.2 Die Geschwisterbindung
3. DIE WICHTIGKEIT VON GESCHWISTERBEZIEHUNGEN
3.1 Identifikationsmuster von Geschwistern
3.1.1 Enge Identifikation
3.1.2 Teilidentifikation
3.1.3 Geringe Identifikation
4. DIE „GESUNDEN“ GESCHWISTER IM ABSEITS
4.1 Rollen der „gesunden“ Geschwister nach Cleveland
4.1.1 Das Elternkind
4.1.2 Das brave Kind
4.1.3 Das symptomatische Kind
4.2 Rollen der „gesunden“ Kinder nach Wegscheider
4.3 Versuch einer Gruppentherapie mit den „gesunden“ Geschwistern
4.3.1 Empfehlung einer Familientherapie
4.4 Loyalität unter Geschwistern
5. CO-ABHÄNGIGKEIT
5.1 Was ist Co-Abhängigkeit?
5.2 Grundmuster von Co-Abhängigkeit
5.3 Merkmale von Co-Abhängigkeit
5.4 Die fünf Kernsymptome der Co-Abhängigkeit
5.4.1 Kernsymptom 1 - Schwierigkeiten mit angemessener Selbstachtung
5.4.2 Kernsymptom 2 – Schwierigkeiten, intakte Grenzen zu setzen
5.4.3 Kernsymptom 3 – Schwierigkeiten, über die eigene Realität zu verfügen
5.4.4 Kernsymptom 4 – Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen und zu erfüllen
5.4.5 Kernsymptom 5 – Schwierigkeiten, die Realität angemessen zu erfahren und auszudrücken
6. BEDÜRFNISSE
6.1 Definition von Bedürfnis
6.2 Definition Bedürfnisbefriedigung
6.3 Die Verschiedenheiten der Bedürfnisse
6.4 Kategorien der Bedürfnisse nach Mellody
6.5 Bedürfnisse und Wünsche erkennen und erfüllen
7. ANGEBOTE DER ANGEHÖRIGENHILFE INNERHALB DER SUCHTHILFE
7.1 Angehörigengruppen – Selbsthilfegruppen
7.1.1 Entstehung von Selbsthilfegruppen
7.1.2 Kennzeichen von Selbsthilfegruppen
7.1.3 Grenzen einer Selbsthilfegruppe
7.1.4 Wirkung von Selbsthilfegruppen
7.2 Psychotherapie
II EMPIRISCHER TEIL
8. DER FORSCHUNGSPROZESS
8.1 Ausgangslage der Untersuchung
8.2 Die Forschungsfrage
8.3 Die Erhebungsmethode – Das Qualitative Interview
8.3.1 Das Leitfadeninterview
8.4 Kontaktaufnahme mit meinen Interviewpartnern
8.5 Durchführung und Ort der Interviews
8.6 Auswertung der Interviews nach der „Grounded Theory“
9. DARSTELLUNG DER FORSCHUNGSERGEBNISSE
9.1 Der Wunsch nach einer heilen Familie
9.1.1 Alles soll wieder so sein wie früher
9.1.2 Das andere, gesunde Kind aus allem raushalten wollen
9.1.3 Außerhalb der Kernfamilie
9.1.4 Verdrängung
9.2 Das „gesunde“ Kind in der Zerreißprobe
9.2.1 Mitgefühl und Mitleid mit der Mutter
9.2.2 Mutter entlasten und schützen
9.2.3 Die drogenkranken Geschwister werden zum Lebensthema
9.2.4 Das Geschwisterverhältnis verändert sich
9.2.5 Das Familienverhältnis ändert sich
9.2.6 Alles dreht sich um das Drogenproblem
9.2.7 Enttäuschung
9.2.8 Die Sucht mit(er)leben
9.3 Spannungsfeld Familie
9.3.1 Die Rolle des Vaters
9.3.2 Erwartungen müssen erfüllt werden
9.3.3 Gefühle von Neid und Eifersucht treten auf
9.3.4 Die Rolle des Propheten und Vermittlers
9.4 Das „Minenfeld“ der Angst
9.4.1 Reaktionen im Minenfeld
9.4.2 Angst sich jemanden anzuvertrauen – Gefühl der Hilflosigkeit
9.4.3 Angst vor Verlust und Tod
9.5 Copingstrategien
9.5.1 Darüber sprechen hilft
9.5.2 Wissen und Information hilft
9.5.3 Therapie als Strategie
9.5.4 Distanz zur/zum Süchtigen gewinnen
9.6 Implikationen für Sozialarbeit
10. RESÜMEE
Die Arbeit untersucht das Erleben und die Lebenswelt von Geschwistern drogenabhängiger Personen. Das zentrale Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für die oft vernachlässigte Rolle dieser „gesunden“ Angehörigen zu entwickeln, ihre Bedürfnisse zu identifizieren und aufzuzeigen, mit welchen psychischen Belastungen und Bewältigungsstrategien sie in einem durch Sucht geprägten Familiensystem agieren.
9.4.2 Angst sich jemanden anzuvertrauen – Gefühl der Hilflosigkeit
„Launge Zeit woas so, dass i überhaupt kan wos gsogt hob, sondern dass i afoch nur gread hob und teilweise a von der Schui daham bliem bin.“ (Interview 2 2007:267-268)
Die Mehrheit der Geschwister gibt an, dass sie über das „Drogenproblem ihres Geschwisterteils“ mit niemandem reden können bzw. wollen. Auf der einen Seite besteht die Angst, prinzipiell nicht verstanden zu werden, auf der anderen Seite die Befürchtung, etwas „Falsches“ zu sagen und damit außenstehende Personen zu belasten. Es wird genau ausgelotet, wem man was sagt. „I hob daun scho a söba ausgelotet, wos i weidasog und wos net.“ (Interview 2 2007:347-348).
Viele behalten überhaupt alles, was mit der Suchterkrankung ihres Geschwisterteils zu tun hat, für sich: „Jo und daun hob i aufgheat irgendwaun, dass i goa nix mehr gsogt hob. I sog liaba goa nix, bevor i wos sog, wos i net sogn deaf.“ (Interview 1 2006:537-538)
Außerhalb der eigenen Familie werden „beste“ Freunde und/oder der eigene Partner als stärkende Stützen und Vertrauenspersonen erlebt.
„I hob daun ana Freindin, meiner bestn Freindin drüber erzöht. Oba de hod des a net verstaundn.“ (Interview 1 2006:189-190)
„Mia kenan meine Schuifreindinnen net höfn, weu i eana net dazön kena hob, warums ma so schlecht geht. De vasthen mi sicha net und de finden des deppat.“ (Interview 2 2007:297-298)
„Ja mit meinem Freund red ich, aber er regt sich dann auch immer auf und dann fangen wir eh zum diskutieren an.“ (Interview 3 2007:281.282)
Das Gefühl der kranken Schwester oder dem kranken Bruder nicht helfen zu können, führt bei allen zu einer Art Ohnmacht. Ein in der Drogenarbeit tätiger Interviewpartner meint etwa, „...dass die eigene Ausbildung bei den Geschwistern überhaupt nichts zählt (...) und Weisheiten, die man in der Klientenarbeit anwendet, in der eigenen Familie keine Bedeutung haben.“ (Interview 4 2007:66-69)
1. EINLEITUNG: Die Arbeit beleuchtet die Unterrepräsentation der Geschwisterthematik in der Drogenarbeit und formuliert die Forschungsfrage nach den Erfahrungen und Bedürfnissen dieser Zielgruppe.
2. BEGRIFFE UND DEFINITIONEN: Klärung der Begriffe „Geschwister“ und der psychologischen Dimensionen der Geschwisterbindung als Basis für die weitere Untersuchung.
3. DIE WICHTIGKEIT VON GESCHWISTERBEZIEHUNGEN: Darstellung der einzigartigen Bedeutung von Geschwisterbeziehungen und deren Identifikationsmuster.
4. DIE „GESUNDEN“ GESCHWISTER IM ABSEITS: Analyse der Rollenbilder in belasteten Familien und der Ansätze zu therapeutischen Angeboten für Geschwister.
5. CO-ABHÄNGIGKEIT: Definition der Co-Abhängigkeit sowie die Beschreibung ihrer Kernsymptome und Grundmuster im familiären System.
6. BEDÜRFNISSE: Theoretische Einordnung von Bedürfnissen und deren Bedeutung für die Entwicklung der eigenen Identität.
7. ANGEBOTE DER ANGEHÖRIGENHILFE INNERHALB DER SUCHTHILFE: Überblick über Selbsthilfegruppen und Psychotherapie als Unterstützungsangebote.
8. DER FORSCHUNGSPROZESS: Methodische Erläuterung der qualitativen Interviews und der Auswertung nach der Grounded Theory.
9. DARSTELLUNG DER FORSCHUNGSERGEBNISSE: Zentrale Analyse der sechs Kategorien des Erlebens, von der Sehnsucht nach einer heilen Welt bis hin zum Minenfeld der Angst.
10. RESÜMEE: Zusammenfassung der Forschungsergebnisse und Ableitung von Implikationen für die professionelle Sozialarbeit.
Geschwister, Drogensucht, Co-Abhängigkeit, Familiengefüge, Angehörigenarbeit, Copingstrategien, Grounded Theory, Rollenbilder, Sozialarbeit, Trauma, Unterstützung, Angst, Familienpsychologie, Identität, Beratung
Die Arbeit untersucht das Erleben und die Sichtweise von Geschwistern drogenabhängiger Personen, die in der Forschung und Praxis oft wenig Beachtung finden.
Die Autorin behandelt die Geschwisterbeziehung, Co-Abhängigkeit, die Bedürfnisse der Geschwister, unterschiedliche Rollenbilder in belasteten Familien sowie Angebote der Angehörigenhilfe.
Das Hauptziel ist es zu verstehen, wie Geschwister die Sucht eines Familienmitglieds erleben, welche Bedürfnisse sie entwickeln und inwieweit sie selbst von Co-Abhängigkeit betroffen sind.
Es wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt, bei dem Leitfadeninterviews mit Betroffenen geführt und in Anlehnung an das Kodierparadigma der Grounded Theory ausgewertet wurden.
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Bereich zur Bindungsdynamik und Sucht sowie einen empirischen Teil, der die Auswertung der Interviews in sechs Kategorien präsentiert.
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Geschwistererleben, Zerreißprobe, Minenfeld der Angst, Copingstrategien und notwendige Professionalisierung der Angehörigenarbeit charakterisiert.
Weil der Fokus der Eltern und der Suchthilfe primär auf der süchtigen Person liegt, wodurch die emotionalen Bedürfnisse der nicht-süchtigen Geschwister häufig übersehen werden.
Die Mutter ist meist der zentrale Bezugspunkt, für den die Geschwister häufig eine Schutz- und Entlastungsrolle übernehmen, was zu einem belastenden Rollentausch führt.
Sie ermöglicht ein vorurteilfreies, offenes Herangehen an die individuellen Erfahrungen der Geschwister, um tiefere Zusammenhänge und Strukturen im Erleben der Sucht zu identifizieren.
SozialarbeiterInnen sollten Angehörige explizit einbeziehen, die Geschwister als eigenständige Zielgruppe in der Angehörigenarbeit definieren und die Legitimation ihrer Copingstrategien (wie Distanzierung) aktiv fördern.
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