Bachelorarbeit, 2008
37 Seiten, Note: 1,3
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Einleitung
1 Auf theatralem Boden
1.1 Funktion theatraler Momente im filmischen Rahmen
1.2 Reduziertes Set – Brecht'sches Theater?
1.3 Desillusionierung und Polyfunktionalität
2 ALS-OB! Theatrales Schauspiel im Film
2.1 Spiel mit der Kulisse – großer Film auf kleiner Bühne
2.2 Metaebenen – wenn das Andere dem Eigentlichen einen Sinn verleiht
3 Raum und Zeit ist relativ
3.1 Raumüberwindung und Sichtbarkeit
3.2 Zur „Zeitlosigkeit“ in »Dogville«
4 Was ist Gnade?
4.1 Grace als die wirkliche Gnade?
4.2 Von der göttlichen Richtbarkeit über Dogville
5 Durchbrechen des Zeichensystems
5.1 Die Realität des Imaginären
5.2 Die Auferstehung Moses'
5.3 Das Ende der Welt?
Die vorliegende Arbeit untersucht die intermedialen Beziehungen zwischen Theater und Film am Beispiel von Lars von Triers »Dogville«. Dabei wird analysiert, wie die bewusste Reduktion des Bühnenbildes und die Inszenierung durch filmische Mittel eine eigene Realität erzeugen, die den Zuschauer zur kritischen Distanz und zur Auseinandersetzung mit moralischen sowie theologischen Fragestellungen anregt.
1.2 Reduziertes Set – Brecht'sches Theater?
Nachdem man »Dogville« das erste Mal gesehen hat, hinterfragt man nicht irgendwelche gesellschaftlichen Inhalte oder kritisiert von Triers Darstellung einer US-amerikanischen Kleinstadt. Was man sich immer wieder fragt ist die Tatsache, dass keine Häuser existierten. Das enorm reduzierte Bühnenbild erinnert stark an brecht'sche Inszenierungen und – wenn man es genauer betrachtet – gibt der Sache so auch einen Sinn. Außerdem sagt von Trier selbst aus, dass ein Stück Brechts (Dreigroschenoper) ihn mit dem Motiv der Rache ansprach und ihn auf die Idee brachte, einen Film darüber zu produzieren11. Nun liegt es nahe, von Triers Film mit der brecht'schen Auffassung vom Epischen Theater zu vergleichen.
Bertolt Brechts Motivation zu einer neuen Art des Theaters begründete sich aus seiner Ansicht, dass "die wichtigsten Vorgänge unter Menschen nicht mehr so einfach dargestellt werden" könnten12. Er erkannte für sich, dass „das lange nicht geänderte [...] unänderbar [erscheine]. Allenthalben [träfen] wir auf etwas, das zu selbstverständlich ist, als daß wir uns bemühen müßten, es zu verstehen.“13 Hier liegt also eine Notwendigkeit der Verfremdung. Das Selbstverständliche muss entfernt werden, um die Zusammenhänge verstehen zu können. Am Beispiel »Dogville« wüsste der Zuschauer also nicht, was, wie und warum etwas so geschieht, wie es im Handlungsverlauf geschieht, wenn Häuser dastünden. Die Wände verwehrten den Blick des Zuschauers auf das Hintergrundgeschehen und er hätte somit ebenfalls keine Grundlage zur Kritik der Gesellschaft Dogvilles, da er über die gleiche Unwissenheit verfügen würde, wie die Einwohner.
Dem entsprechend zeigt die Darstellung von Triers eine ähnliche Ablehnung der Verführung vorgegebener Mechanismen eines illusionistischen Bühnenbildes, wie es auch Brecht vertrat. Selbstverständlich wäre es, wenn die Protagonisten tatsächlich in Häuser gingen, reale Türen öffneten und schließen würden. Ebenso selbstverständlich würde es dem Zuschauer jedoch erscheinen, wenn dies alles mit naturalistischen Kulissen geschähe. Da dieser aber von einer Illusion und somit einem 'Vorgaukeln' einer realen Welt abgebracht werden soll, muss das Vertraute verfremdet werden.
Einleitung: Die Arbeit führt in die Intermedialität von Theater und Film ein und skizziert die Fragestellung zur Rolle von Illusion, Desillusion und filmischer Repräsentation.
1 Auf theatralem Boden: Dieses Kapitel analysiert das spartanische Bühnenbild als Zeichensystem und die Verbindung zwischen zweidimensionaler Skizzierung und filmischer Mise en Scène.
1.1 Funktion theatraler Momente im filmischen Rahmen: Hier wird untersucht, wie theatrale Raumelemente gezielt für narrative Zwecke eingesetzt werden, ohne die Eigenständigkeit des Mediums Film aufzugeben.
1.2 Reduziertes Set – Brecht'sches Theater?: Das Kapitel vergleicht von Triers Inszenierung mit Brechts Epischem Theater und der Bedeutung des Verfremdungseffektes.
1.3 Desillusionierung und Polyfunktionalität: Fokus auf der notwendigen Distanzierung des Zuschauers vom Geschehen durch den Erzähler und die gestische Zurückhaltung der Schauspieler.
2 ALS-OB! Theatrales Schauspiel im Film: Untersuchung der Beziehung zwischen Kulisse, Schauspielkunst und der Repräsentation von Realität.
2.1 Spiel mit der Kulisse – großer Film auf kleiner Bühne: Analyse der Bewegungsdynamik im statischen Raum und der symbolischen Bedeutung von Requisiten.
2.2 Metaebenen – wenn das Andere dem Eigentlichen einen Sinn verleiht: Darstellung, wie die Abwesenheit von Wänden einen „Meta-Körper“ im Vorstellungsvermögen des Zuschauers konstruiert.
3 Raum und Zeit ist relativ: Betrachtung der raumzeitlichen Kontinuität und der Wirkung der Montage auf die Wahrnehmung des Zuschauers.
3.1 Raumüberwindung und Sichtbarkeit: Erläuterung, wie Perspektive und Montage anstelle von Kulissen zur Raumbildung beitragen.
3.2 Zur „Zeitlosigkeit“ in »Dogville«: Untersuchung der zeitlichen Ordnung innerhalb des abgekapselten Städtchens und deren Relativierung durch den Handlungsverlauf.
4 Was ist Gnade?: Theologische Auseinandersetzung mit der Rolle von Grace und der moralischen Verfassung der Dorfgemeinschaft.
4.1 Grace als die wirkliche Gnade?: Analyse von Grace als emanzipierte Jesus-Figur im Kontrast zur sündhaften Dorfgemeinschaft.
4.2 Von der göttlichen Richtbarkeit über Dogville: Interpretation des apokalyptischen Finales als Akt göttlicher Gerechtigkeit und Reinigung.
5 Durchbrechen des Zeichensystems: Analyse der Grenzüberschreitungen zwischen Zeichen und Realität im Film.
5.1 Die Realität des Imaginären: Erörterung, wie das Imaginäre durch die Zuschauerwahrnehmung zur Wahrheit wird.
5.2 Die Auferstehung Moses': Untersuchung des Hundes Moses als Symbol, das im Finale zum realen Subjekt transzendiert.
5.3 Das Ende der Welt?: Zusammenfassung der Vernichtung des Ortes als Resultat der moralischen Verfehlungen und Abschluss des Experiments.
Dogville, Lars von Trier, Intermedialität, Filmsemiotik, Brecht, Verfremdungseffekt, Mise en Scène, Das Imaginäre, Theater, Film, Gnade, Metaebene, Raumwahrnehmung, Zeitlosigkeit, Repräsentation.
Die Arbeit analysiert die intermediale Verknüpfung von Theater und Film in Lars von Triers Film »Dogville« und untersucht, wie minimalistische Gestaltungsmittel den Rezeptionsprozess beeinflussen.
Im Zentrum stehen die Medientheorie, die Filmsemiotik, die Dramaturgie nach Brecht sowie theologische Deutungsansätze in Bezug auf die Hauptfigur Grace.
Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch die bewusste Verweigerung einer naturalistischen Kulisse ein Raum für die Imagination des Zuschauers geschaffen wird, der eine kritische Distanz und Analyse ermöglicht.
Der Autor verwendet eine medienästhetische und filmtheoretische Analyse, die Bezüge zur Literaturwissenschaft und Theologie herstellt, um die filmischen Mittel im Kontext des "Epischen Theaters" zu bewerten.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Raum und Zeit, die Analyse des schauspielerischen Ausdrucks, die Rolle des Zeichensystems sowie die theologische Symbolik rund um die Figur der Grace.
Die wichtigsten Begriffe sind Intermedialität, Verfremdungseffekt, Mise en Scène, das Imaginäre und die Relativität von Raum und Zeit im filmischen Erzählen.
Moses dient als Symbolträger, der zu Beginn lediglich als zweidimensionales Zeichen fungiert, am Ende des Films jedoch die Grenze zur Realität überschreitet und als "lebendiges" Wesen die Transformation des Zeichensystems verdeutlicht.
Der Verzicht auf Wände dient als Verfremdungseffekt, um das "Scheinleben" der Dorfbewohner offenzulegen und den Zuschauer zum objektiven Beobachter zu machen, der sowohl das Hauptgeschehen als auch die Hintergrundvorgänge reflektieren kann.
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