Examensarbeit, 2009
60 Seiten
1. Einleitung und Terminologie: Judenfeindschaft oder Antisemitismus?
2. Die Geschichte der Judenfeindschaft
2.1. Die Lage der Juden in der Antike – Toleranz und Abgrenzung
2.2. Juden im Mittelalter – Nachbarschaft und Gottesmord
2.3. Antijüdische Legenden im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit
2.4. Judenfeindschaft zu Beginn der Frühen Neuzeit
3. Die Frankfurter Juden und der Fettmilch-Aufstand
3.1. Die jüdische Gemeinschaft in Frankfurt am Main
3.2. Der Fettmilch-Aufstand in Frankfurt am Main – Vorbedingungen, Ereignisse und jüdische Sicht im Megillas Vintz
3.3. Die Beurteilung des Aufstandes
4. Resümee
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Kontinuität und die spezifischen Ausprägungen der Judenfeindschaft von der Antike bis in das 17. Jahrhundert, wobei der Fokus auf den Hintergründen und dem Verlauf des Frankfurter Fettmilch-Aufstands (1612–1616) liegt. Ziel ist es, die sozioökonomischen und religiösen Faktoren aufzuzeigen, die zu Pogromen führten, und die Ambivalenz des jüdisch-christlichen Verhältnisses im Kontext der städtischen Machtstrukturen der Frühen Neuzeit zu analysieren.
2.3. Antijüdische Legenden im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit
Die Verfolgungen und Ausweisungen der Juden im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit sind nicht zuletzt Reaktionen auf Ängste und Unverständnis gegenüber dem Fremden. Als wichtigste Begründungen für Judenfeindschaft wurden seit dem 13. Jahrhundert Berichte über Brunnenvergiftungen, Hostienfrevel und Ritualmorde durch Juden angeführt. Bedauerlicherweise hatte es zur Zuspitzung der Lage christlicher Theologie bedurft. In dieser Weise verwundert es nicht, dass in der Frühzeit jüdische Gemeinden noch in unproblematischer Nachbarschaft zu den damaligen „Heiden“ lebten. Erst deren christliche Missionierung bot einen Angriffspunkt für antijüdische Gefühle und kultivierte diese.
Die Angst vor den „Anderen“ manifestierte sich bspw. in der Verwendung hebräisierten Kauderwelsches in den mittelalterlichen Passionsspielen. Darüber hinaus entstanden im Volksmund verhängnisvolle Legenden jüdischer Verbrechen und Magie gegen Christen, nicht zuletzt des Mordvorwurfes. Diese verschärften sich durch das Aufkommen der Pest seit den Jahren 1348/49. Die Furcht vor den nicht zu erklärenden Massentoden fand ihren Halt im Vorwurf gegen jene, die von der Gesellschaft an den äußeren sozialen Rand gedrängt und ausgestoßen wurden. Man behauptete schlicht, dass die Juden die Brunnen vergiftet hätten. Dass auch sie nicht von der Seuche verschont blieben, wurde dabei willentlich übersehen. Die den Verdächtigungen folgenden Prozesse wurden denn auch nicht gegen einzelne Juden, sondern stets gegen die gesamte jüdische Gemeinde geführt.
1. Einleitung und Terminologie: Judenfeindschaft oder Antisemitismus?: Einführung in die Begrifflichkeiten und die Problematik einer anachronistischen Verwendung des Wortes Antisemitismus im historischen Kontext.
2. Die Geschichte der Judenfeindschaft: Analyse der antijüdischen Tendenzen von der Antike über das Mittelalter, unter Berücksichtigung religiöser und wirtschaftlicher Faktoren.
3. Die Frankfurter Juden und der Fettmilch-Aufstand: Detaillierte Untersuchung der jüdischen Gemeinde in Frankfurt und der Eskalation des Fettmilch-Aufstands zwischen 1612 und 1616.
4. Resümee: Synthese der Ergebnisse über die Ambivalenz jüdisch-christlicher Beziehungen und den Status der Juden als "Spielball" politischer und wirtschaftlicher Interessen.
Judenfeindschaft, Antisemitismus, Fettmilch-Aufstand, Frankfurt am Main, Mittelalter, Frühe Neuzeit, Ritualmordlegende, Hostienfrevel, Megillas Vintz, Judenregal, Pogrom, Reformation, Judenmission, Konfessionalisierung, Sozialgeschichte.
Die Arbeit befasst sich mit der Geschichte der Judenfeindschaft und untersucht, wie sich gesellschaftliche, religiöse und wirtschaftliche Vorurteile über Jahrhunderte hinweg zu einer systematischen Diskriminierung verdichteten.
Zentrale Themen sind die Rolle der christlichen Theologie bei der Ausgrenzung, die Entstehung antijüdischer Mythen im Spätmittelalter sowie der sozioökonomische Status der Juden in städtischen Strukturen.
Das Ziel ist es, den Fettmilch-Aufstand in Frankfurt am Main als exemplarischen Fall von bürgerlichem Aufbegehren und gleichzeitigem Pogrom innerhalb der allgemeinen europäischen Geschichte der Judenverfolgung historisch einzuordnen.
Es handelt sich um eine historische Arbeit, die auf einer umfassenden Analyse zeitgenössischer Quellen, wie dem "Megillas Vintz", sowie der Auswertung historischer Sekundärliteratur basiert.
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der allgemeinen Geschichte der Judenfeindschaft (Antike bis Frühe Neuzeit) und eine detaillierte Untersuchung der Vorgeschichte und Ereignisse des Fettmilch-Aufstands in Frankfurt.
Wichtige Begriffe sind Judenfeindschaft, Fettmilch-Aufstand, Frankfurter Judengasse, religiöses Ressentiment, Judenregal und die Bedeutung des christlichen Antijudaismus.
Der Autor argumentiert, dass der Begriff "Antisemitismus" ein Neologismus des 19. Jahrhunderts mit einer spezifisch "rassischen" Konnotation ist, die auf die religiös motivierte Judenfeindschaft der Antike und des Mittelalters nicht zutrifft und daher anachronistisch wäre.
Es dient als bedeutendste jüdisch-deutsche Quelle aus der Zeit des Aufstands, die einen direkten, detailgetreuen Einblick in die Wahrnehmung der Ereignisse durch die betroffenen Juden ermöglicht.
Die Bewertung schwankte stark: Während er einerseits als notwendiger Kampf gegen eine korrupte Oberschicht und zur Wiederherstellung bürgerlicher Freiheit gesehen wurde, markieren andere Historiker ihn primär als ein judenfeindliches Pogrom und ein Symbol für Unterdrückung.
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