Bachelorarbeit, 2017
30 Seiten, Note: 2,3
1. Einleitung
2. Schreiben und Lesen gegen die Furcht
3. Schreiben gegen den Selbstverlust
3.1 Schreiben auf Grundlage von Erfahrungen
3.2 Neues Sehen und neues Schreiben
4. Abschreiben und Diktieren
4.1 Intertextualität: Baudelaire
4.2 Das Diktat von Graf Brahe
5. Das Erzählen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Identitätskrise des Ich-Erzählers Malte Laurids Brigge in Rainer Maria Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ und analysiert, wie sich dieser Prozess in seinem Schreiben und seinen Versuchen, die Welt durch neue Wahrnehmung und literarische Mittel zu bewältigen, widerspiegelt.
Schreiben und Lesen gegen die Furcht
Malte schreibt nicht mehr für seine Leserschaft. Es stellt sich die Frage, für wen oder was Malte dennoch weiterschreibt. Die Antwort findet man in der zehnten Aufzeichnung: Malte schreibt für sich selbst und zwar „gegen die Furcht“ (AZ 10, S.17). Dieser erste Satz bildet eine Parallele zum Anfang der sechsten Aufzeichnung: „Ich fürchte mich. Gegen die Furcht muß man etwas tun, wenn man sie einmal hat“ (AZ 6, S.10). Die Aufzeichnungen sechs bis neun thematisieren den Tod. Malte beschreibt, dass die Leute früher noch „einen eigenen Tod“ (AZ 7, S.11) besaßen, während der Tod und das Leben in seiner Gegenwart nicht mehr selbstbestimmt seien: „Man kommt, man findet ein Leben, fertig, man hat es nur anzuziehen“ (AZ 7, S.11). Und auch der Tod gehöre nicht mehr zu einem selbst, sondern nur zu der Krankheit, die man hat.
Die achte Aufzeichnung behandelt den Tod von Christoph Detlev Brigge, der noch einen eigenen Tod hatte ebenso wie die anderen Menschen in der Vergangenheit, die Malte gesehen oder von denen er gehört hat (vgl. AZ 9, S.17). Durch die aufeinander bezogenen Anfänge der sechsten und zehnten Aufzeichnung, werden die Aufzeichnungen dazwischen zu einer Gruppe eingeklammert. Auf die allgemeine Furcht Maltes zu Beginn der sechsten Aufzeichnung folgt die Thematik des Todes. Dadurch kann die Furcht in der zehnten Aufzeichnung als Todesfurcht gelesen werden. Diese Angst bekämpft Malte mit der Tätigkeit des Schreibens. Das Schreiben hat, nach Bernhard Arnold Kruse, eine therapeutische Funktion gegen die Angst vor dem Tod oder davor keinen eigenen Tod zu haben.
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Identitätskrise von Malte Laurids Brigge ein und beleuchtet, wie der Ich-Verlust in Paris seinen Schreibprozess maßgeblich beeinflusst.
2. Schreiben und Lesen gegen die Furcht: Dieses Kapitel arbeitet heraus, dass das Schreiben für Malte eine therapeutische Funktion zur Bewältigung seiner existenziellen Todesangst annimmt.
3. Schreiben gegen den Selbstverlust: Malte versucht seinem sozialen und psychischen Identitätsverlust durch die Reflexion seines Schreibens und eine bewusste Hinwendung zur eigenen Erfahrung entgegenzuwirken.
3.1 Schreiben auf Grundlage von Erfahrungen: Die Analyse zeigt, dass Malte versucht, seine durch das Vergessen in eine unbewusste Tiefe geratenen Erinnerungen schöpferisch zu nutzen.
3.2 Neues Sehen und neues Schreiben: Dieses Kapitel erläutert, wie ein verändertes Sehen, inspiriert durch Rodin, Malte neue Wege eröffnet, seine Krise poetisch zu verarbeiten.
4. Abschreiben und Diktieren: Es wird untersucht, wie Malte die Kontrolle über sein Schreiben verliert und durch Einflüsse von Fremdtexten sowie das Motiv des Diktats zum Instrument eines „Etwas“ wird.
4.1 Intertextualität: Baudelaire: Hier wird analysiert, wie Malte Baudelaires Texte als „Vokabeln seiner Not“ nutzt, um seine eigene Situation zu artikulieren.
4.2 Das Diktat von Graf Brahe: Das Kapitel vergleicht Maltes Schreibprozess mit dem von Graf Brahe, wobei die Unmöglichkeit einer vollkommenen Übertragung von Erinnerung in Schrift im Vordergrund steht.
5. Das Erzählen: Abschließend wird untersucht, welchen Einfluss das Erzählen anderer Personen auf Maltes eigene schriftliche Ausdrucksweise hat und wie es als Strategie gegen Isolation und Furcht fungiert.
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Die Bachelorarbeit analysiert die Identitätskrise der Hauptfigur in Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ und stellt dar, wie diese existenzielle Erschütterung Maltes Verhältnis zum Schreiben und zur Realitätswahrnehmung verändert.
Die zentralen Themen sind der Verlust des stabilen Ichs in der Großstadt Paris, die therapeutische Wirkung des Schreibens, die Bedeutung von Kindheitserinnerungen und der Einfluss anderer erzählender Stimmen auf Maltes Schreibprozess.
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Malte das Schreiben von einer bewussten Tätigkeit in eine Form der existenziellen Notwendigkeit überführt, wobei er versucht, seine Sprachlosigkeit durch Fremdtexte und das „neue Sehen“ zu überwinden.
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur zu Rilke, um die psychologischen und poetologischen Mechanismen von Maltes Entwicklung herauszuarbeiten.
Der Hauptteil gliedert sich in Untersuchungen zur Funktion des Schreibens gegen die Angst, die Rolle von Erfahrungen, das Phänomen des „neuen Sehens“, die Transformation von eigener Autorschaft hin zum Abschreiben und Diktat sowie die Wirksamkeit erzählerischer Vorbilder.
Besonders prägend sind für diese Arbeit „Krise der Subjektivität“, „Schreiben als identitätsstiftende Arbeit“, „Angstbewältigung“, „Apokalyptik“ und „Existenz von Vergänglichkeit“.
Das Diktat symbolisiert Maltes Kontrollverlust; indem er nicht mehr „selbst“ schreibt, sondern diktiert bzw. abschreibt, wird die Ohnmacht des Subjekts gegenüber einer unbegreiflichen Wirklichkeit und dem Unbewussten deutlich.
Die Bibliothek dient als Schutzraum vor der bedrohlichen Großstadtwelt und den „Fortgeworfenen“, wo Malte durch das Lesen und die kulturelle Teilhabe versucht, seine eigene kulturelle Identität gegen den Zerfall zu verteidigen.
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