Diplomarbeit, 2007
106 Seiten, Note: 1
Vorwort
Einleitung
I. Friedrich Nietzsche – Methodische Vorbehalte
1. Gedanken zu Nietzsches Text-Korpus
1.1 Vorbemerkungen
1.2 Zum Verhältnis von „Notizen“ und „Kompositionen“
1.3 Postulate einer philologisch-historisch fundierten Lektüre
2. Hinführung zu Nietzsches Arbeits-Stil
2.1 Nietzsches Stil: Aphorismen statt systematische Begrifflichkeit
2.2 Nietzsches Perspektivismus: Experimente statt Dogmen
2.3 Nietzsches Genealogie: „Herkunft“ statt „Ursprung“
3. Wege zur Lektüre
3.1 Nicht „Lehren“, sondern „Zeichen“
3.2 Die Liebe zur Maske
3.3 Zum eigenen Interpretationsweg
4. Zusammenfassung
II. Über die menschliche Sprache
1. Vom Ursprung der Sprache
1.1 Sprache im Vor- und Umfeld von Nietzsches Wahrheitsschrift
1.2 Die tropische Struktur der Sprache
1.3 Zur Bedeutung der Wahrheitsschrift
2. Von der Entstehung und dem Wesen der Wörter und Begriffe
2.1 Die Wortbildung
2.2 Die Begriffsbildung
3. Vom Wesen der Sprache und des Bewusstseins
3.1 Unbewusstes und Bewusstes
3.2 Die Funktion der Sprache
4. Zusammenfassung
III. Über die sprachliche Struktur von Erkenntnis und Moral
1. Von der Erkenntnis
1.1 Die Herkunft des Triebes zur Wahrheit
1.1.1 Das Pathos der Wahrheit
1.1.2 Die ersten Gesetze der Wahrheit
1.2 Wesen und Wert der Wahrheit
1.2.1 Was ist Wahrheit?
1.2.2 Vom Wert und der Funktion der Wahrheit
1.2.3 Von der Tragik und der Leidenschaft der Erkenntnis
1.3 Sprache und Erkenntnis – Resümierende und weiterführende Gedanken
1.3.1 Zusammenfassung
1.3.2 Von der Philosophie der Grammatik
2. Von der Moral
2.1 Der Ursprung der Sittlichkeit der Sitte
2.1.1 Vom Schuldner- und Gläubiger-Verhältnis
2.1.2 Von der Schuld und dem schlechten Gewissen
2.2 Die Herkunft und das Wesen der moralischen Vorurteile
2.2.1 Von der Moralisierung des schlechten Gewissens
2.2.2 „Gut und Böse“ – „Gut und schlecht“
2.2.3 Vom asketischen Ideal
2.3 Sprache und Moral – Resümierende und weiterführende Gedanken
2.3.1 Zusammenfassung
2.3.2 Das Sichbewusstwerden der Verführung der Sprache
IV. Über die sprachliche Selbstaufhebung von Erkenntnis und Moral
1. Selbstaufhebungen als Denkfigur
1.1 Selbstaufhebung der Erkenntnis
1.2 Selbstaufhebung der Moral
2. Selbstaufhebungen und die Konsequenzen
2.1 Zur Aktualität der Diagnose
2.2 Von der Diagnose zu den Prognosen
2.2.1 Selbstaufhebung als „Selbstauflösung“
2.2.2 Selbstaufhebung als „Selbsterhebung“
3. Fazit: Selbstaufhebung als Metamorphose
Die Arbeit untersucht die sprachliche Strukturiertheit von Erkenntnis und Moral im Werk Friedrich Nietzsches, wobei der Schwerpunkt auf den Schriften "Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinn" (1873) und "Zur Genealogie der Moral" (1887) liegt. Das Ziel ist es, Nietzsches sprachkritische Ansätze als Ausgangspunkt für seine erkenntnis- und moralkritischen Überlegungen freizulegen und die daraus resultierenden "Selbstaufhebungsfiguren" zu analysieren.
Die ersten Gesetze der Wahrheit
[W]eil aber der Mensch zugleich aus Noth und Langeweile gesellschaftlich und heerdenweise existiren will, braucht er einen Friedensschluss und trachtet darnach dass wenigstens das allergröbste bellum omnium contra omnes aus seiner Welt verschwinde. Dieser Friedensschluss bringt aber etwas mit sich, was wie der erste Schritt zur Erlangung jenes räthselhaften Wahrheitstriebes aussieht. Jetzt wird nämlich das fixiert, was von nun an „Wahrheit“ sein soll d. h. es wird eine gleichmässig gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge erfunden und die Gesetzgebung der Sprache giebt auch die ersten Gesetze der Wahrheit: denn es entsteht hier zum ersten Male der Contrast von Wahrheit und Lüge (KSA 1, 877 – WL 1).
Die „Wahrheit“ ist demnach bloß eine Konvention, die sich nach dem Urzustand des Krieges aller gegen alle einstellt, damit die Menschheit überlebt. Diese Einigung beruht auf der Anerkennung der zur Verständigung notwendigen Regeln der Sprache. Das Motiv der Nützlichkeit treibt den Menschen somit zur Erfindung von Begriffen für die Bezeichnung der Dinge, damit Wahrheitstrieb befriedigt wird. Die Differenz von Wahrheit und Lüge beruht somit auf dem Kriterium der Einhaltung der gesellschaftlichen Konventionen. Ein Mensch wird dann als „Lügner“ bezeichnet, wenn er gegen die gesellschaftlichen Übereinkünfte der Bedeutung und Verwendung von Begriffen verstößt, um sich einen Vorteil zu verschaffen: „Wenn er dies in eigennütziger und übrigens Schaden bringender Weise thut, so wird ihm die Gesellschaft nicht mehr trauen und ihn dadurch von sich ausschliessen“ (KSA 1, 878 – WL 1).
Hier sehe ich bereits eine erste Übertragung der auf den Gesetzmäßigkeiten der Sprache beruhenden Gesetze der Wahrheit auf die Moral: Menschen halten sich an eine verbindliche Bezeichnung der Dinge nicht „aus Liebe zur Wahrheit“, sondern aufgrund einer für sie Nutzen bringenden Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft, um in ihr existieren zu können.
I. Friedrich Nietzsche – Methodische Vorbehalte: Dieses Kapitel erläutert die methodischen Grundlagen für die Nietzsche-Interpretation, insbesondere die kritische Distanz zwischen Nachlassnotizen und durchkomponierten Werken sowie die Bedeutung des aphoristischen Stils.
II. Über die menschliche Sprache: Hier werden die frühen sprachphilosophischen Ansätze Nietzsches analysiert, wobei Sprache als ein tropisch strukturiertes und auf Metaphern beruhendes Konstrukt begriffen wird, das keine objektive Wirklichkeit abbildet.
III. Über die sprachliche Struktur von Erkenntnis und Moral: Das Kapitel untersucht den Zusammenhang zwischen der Sprache als Konvention und der Entstehung von moralischen Werten, wobei Wahrheit als nützliche Fiktion dekonstruiert wird.
IV. Über die sprachliche Selbstaufhebung von Erkenntnis und Moral: Die abschließende Untersuchung behandelt die philosophische Figur der Selbstaufhebung, in der die Suche nach absoluter Wahrheit unweigerlich zu deren eigener Infragestellung und damit zum Ende traditioneller metaphysischer Systeme führt.
Friedrich Nietzsche, Sprache, Erkenntnis, Moral, Wahrheit, Aphorismus, Genealogie, Perspektivismus, Selbstaufhebung, Metapher, Bewusstsein, Schuld, Gewissen, Nihilismus, Redlichkeit.
Die Arbeit analysiert die sprachtheoretischen Fundamente im Denken Friedrich Nietzsches und zeigt auf, wie diese die Vorstellungen von Erkenntnis und Moral prägen und schließlich zu einer Selbstaufhebung traditioneller metaphysischer Wahrheitsansprüche führen.
Die zentralen Themen sind die Sprachkritik, die genealogische Herleitung moralischer Werte, das Verhältnis von Bewusstsein und Sprache sowie die Rolle des "Willens zur Wahrheit" in Nietzsches Philosophie.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die sprachliche Strukturiertheit von Erkenntnis und Moral manifestiert und warum ein konsequentes Durchdenken dieser Strukturen in eine "Selbstaufhebung" mündet, die als notwendige Voraussetzung für ein neues, schöpferisches Selbstverständnis verstanden werden kann.
Der Autor stützt sich vor allem auf die genealogische Methode und hermeneutische Ansätze, insbesondere in der Auseinandersetzung mit Paul Ricoeur, um Nietzsche-Texte unvoreingenommen zu interpretieren, ohne in dogmatische Vereinnahmungen zu verfallen.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Sprache, die daraus folgende Erkenntniskritik, die moralphilosophische Genealogie der Begriffe wie "Schuld" und "Gewissen" sowie die philosophische Analyse der Selbstaufhebungsfiguren.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Perspektivismus, Genealogie, Selbstaufhebung, Metapher, Sprache, Moral, Wahrheit und Redlichkeit charakterisiert.
Dieser Trieb gilt als Grundcharakteristikum des Menschen, der die Welt in Begriffe und feste Strukturen zwingt, wodurch die ursprünglich individuelle und dynamische Wahrnehmung erstarrt und die Illusion eines "eigentlichen Wesens" oder einer objektiven Wahrheit entsteht.
Sie bezeichnet den Prozess, in dem die Moral durch ihre eigene Forderung nach Wahrheit und Redlichkeit dazu gezwungen wird, ihre metaphysischen Grundlagen als menschengemachte Konventionen zu entlarven, was zu einer Krise der bisherigen Werte führt, aber zugleich Raum für neue Sinnentwürfe schafft.
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