Magisterarbeit, 2008
113 Seiten, Note: 1,3
Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation
I. Einstieg
I.1 Die Debatte um das ‚Unterschichtfernsehen’ – Wiederkehr der ‚Massen-Eremiten’?
I.2 Massenmedien als Mittel der sozialen Kontrolle
II. Jean Baudrillard: Herrschaft des Codes und der medialen Modelle
II.1 Die Konsumgesellschaft: Das gesellschaftstheoretische Fundament
II.1.1 Der Referenzverlust der Zeichen
II.1.2 Konsum: Integration durch die ‚Manipulation von Zeichen’
II.2 Die massenmediale Organisation der Gesellschaft
II.2.1 Medien als Zeichenproduzenten: Baudrillards McLuhan-Rezeption
II.2.2 Die Normierung der Kommunikation
II.2.3 Massenmediale ‚Zwangsvergesellschaftung’
II.3 Die Allgegenwart des Codes
II.3.1 Mediale Simulationen
II.3.2 Resistenz durch Ignoranz
III. Stuart Hall: Medienaneignung als Konfliktfeld
III.1 Zwischen Determinierung und Eigensinn: Die Perspektive Stuart Halls
III.1.1 ‚Überdeterminierung’ und ‚relative Autonomie’
III.1.2 Das Ringen um Hegemonie auf ideologischer Ebene
III.2 Die Überdeterminierung der Medien
III.2.1 Die ideologische Funktion der Massenmedien
III.2.2 Die ideologische Ausrichtung der Massenmedien
III.2.3 Die Bekämpfung der Devianz
III.3 Hegemonie und Resistenz in der Medienaneignung: Das Encoding/Decoding-Modell
III.3.1 Dominante Codierungen und widerständige Lesarten
III.3.2 Die Anwendung des Modells: Die Nationwide-Studie
IV. Medienaneignung und soziale Kontrolle
IV.1 Disziplinierung durch Dispositive
IV.1.1 Das Dispositivkonzept bei Foucault
IV.1.2 Das Dispositiv der Massenkommunikation
IV.2 Mediale Disziplinierung bei Baudrillard und Hall
IV.2.1 Mediale Machtwirkungen
IV.2.2 Code vs. Konsens
IV.3 Mediale Inszenierungen bei Hall und Baudrillard
IV.4 Chancen einer Gegenöffentlichkeit?
V. Resümee und Ausblick
Die Arbeit untersucht die Machtstrukturen der Massenmedien und deren Einfluss auf die soziale Integration und Disziplinierung des Publikums. Durch einen Theorienvergleich zwischen Jean Baudrillards Modell der Zeichenherrschaft und Stuart Halls Cultural-Studies-Perspektive wird analysiert, inwieweit Medien als Kontrollinstrumente fungieren und ob widerständige Aneignungsformen des Publikums innerhalb dieser Strukturen überhaupt noch möglich sind.
II.1.1 Der Referenzverlust der Zeichen
Baudrillards Kritik der Konsumgesellschaft bezieht ihre Instrumente im Wesentlichen aus seiner Adaption der auf Ferdinand de Saussure zurückgehenden Sprach- und Zeichentheorie. Saussure hatte in seinem grundlegenden Cours de linguistique générale (1916) ein zweigliedriges Zeichenmodell entworfen, dem zufolge jedes Zeichen in sich untrennbar eine Vorstellung (das Signifikat, beispielsweise das ideelle Konzept eines Gegenstandes mit entsprechenden Eigenschaften) mit einem bestimmten Lautbild (dem Signifikanten) verknüpft. Die Beziehung von Signifikat und Signifikant ist grundsätzlich rein arbiträr gedacht: Zwischen ihnen besteht also keine kausal-zwingende Verbindung, mit den Worten Saussures handelt es sich um „keinerlei natürliche Zusammengehörigkeit“. Erst durch die Konventionen und Traditionen einer „Sprachgemeinschaft“ etabliert sich eine feste Verbindung von Vorstellung und Lautbild, von Bezeichnetem und Bezeichnendem, die für jeden Angehörigen der Gemeinschaft zur verbindlichen Norm wird. Im Verlauf der Sprachentwicklung prägen sich somit Systeme aus, die den Umgang mit Sprache regulieren und Bedeutungen fixieren: Die Bedeutung eines Zeichens läßt sich jedoch nur in der Relation und der Differenz zu anderen Zeichen festmachen und kann nicht ‚aus ihm selbst heraus’ abgelesen werden – Stuart Hall nennt als Beispiel die Farbe ‚rot’ als Zeichen, das in verschiedenen Kontexten Unterschiedliches bedeuten kann.
Im Zuge einer Renaissance von Saussures struktureller Linguistik, während der vor allem Claude Lévi-Strauss und Roland Barthes mit sprachtheoretischen Mitteln die Analyse der kulturellen Konstruktion von Bedeutungen vorantrieben, wandte sich auch Baudrillard der Erforschung des alltäglichen Lebens als Schauplatz der Produktion von konnotierten (mit assoziativen Bedeutungen versehenen) Zeichen zu. Er untersuchte zunächst die Einrichtung des zeitgenössischen Wohnraums, an der sich die „Familien- und Gesellschaftsstrukturen einer Epoche“ ablesen lassen, so die Ausgangsthese seiner Dissertation.
I. Einstieg: Das Kapitel führt in die Debatte um das ‚Unterschichtfernsehen’ ein und problematisiert die Rolle der Medien als Mittel sozialer Kontrolle.
II. Jean Baudrillard: Herrschaft des Codes und der medialen Modelle: Hier wird Baudrillards zeichentheoretische Analyse der Konsumgesellschaft und der daraus resultierenden massenmedialen Simulation dargestellt.
III. Stuart Hall: Medienaneignung als Konfliktfeld: Dieses Kapitel erläutert Halls Encoding/Decoding-Modell und die Bedeutung von Hegemonie und Widerstand in der Rezeption.
IV. Medienaneignung und soziale Kontrolle: Der Abschnitt diskutiert die Disziplinierung durch Dispositive im Vergleich beider Theoretiker und hinterfragt Chancen auf Gegenöffentlichkeit.
V. Resümee und Ausblick: Das Fazit fasst die theoretischen Differenzen zusammen und reflektiert die Stabilität hegemonialer Strukturen in einer sich wandelnden Medienlandschaft.
Medienmacht, Jean Baudrillard, Stuart Hall, Konsumgesellschaft, Code, Simulation, Cultural Studies, Encoding/Decoding-Modell, soziale Kontrolle, Dispositiv, hegemoniale Ordnung, Medienaneignung, Gegenöffentlichkeit, Signifikationsmacht, Massenmedien
Die Arbeit analysiert die gesellschaftliche Macht der Massenmedien durch die theoretischen Linsen von Jean Baudrillard und Stuart Hall, um deren Rolle bei der sozialen Steuerung und Disziplinierung zu verstehen.
Die Themen umfassen Zeichentheorie, die Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit, Hegemonie, den Einfluss des „Codes“ bei Baudrillard und die aktive Aneignung von Medieninhalten durch das Publikum bei Hall.
Das Ziel ist ein Theorienvergleich, um zu klären, wie Medien Macht ausüben und welche Möglichkeiten für das Publikum existieren, diesen Machtwirkungen zu entkommen oder subversiv mit ihnen umzugehen.
Es handelt sich um eine medientheoretische Rekonstruktion und einen Theorienvergleich, der durch die Einbeziehung des Dispositivbegriffs (nach Foucault/Dorer) methodisch erweitert wird.
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung der Ansätze von Baudrillard und Hall, gefolgt von einem Vergleich ihrer Machtbegriffe und der Diskussion über die Möglichkeit einer Gegenöffentlichkeit.
Begriffe wie Simulation, Encoding/Decoding, Hegemonie, Code, soziale Kontrolle und Medienrealität sind zentral für die Charakterisierung der Arbeit.
Das Beispiel der Studie „Nationwide“ dient Hall als Grundlage, um die Komplexität und Unbestimmbarkeit von Decodierungsprozessen aufzuzeigen und zu belegen, dass sich Rezeption nicht linear aus dem sozialen Status ableiten lässt.
Während Baudrillard Widerstand lediglich als apathische Verweigerung („Ignoranz“) sieht, da für ihn das gesamte System durch den Code determiniert ist, erkennt Hall aktive, wenn auch meist begrenzte Möglichkeiten der widerständigen Interpretation innerhalb von Aushandlungsprozessen an.
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