Diplomarbeit, 2009
143 Seiten, Note: 1,0
Vorwort
Einleitung
1. Methodischer Ansatz
1.1. Zyklus und Linearität
1.2. Zyklus des Zerreißens und Verschlingens
1.2.1. Zyklische Erneuerung
1.2.2. Das Opferprinzip
1.2.3. Riten des Sterbens und Werdens
1.3. Zyklus der Genealogie
1.3.1. Genealogische Entwicklung
1.3.2. Genealogie und die göttliche Ordnung
1.3.3. Zyklus der Entkräftung und Erneuerung
1.4. Störung als Chance
1.4.1. Stand der Forschung
1.4.2. Menschenbild
1.4.3. Auflösung und Neustrukturierung von Ordnung
2. Die Störung und Wiederherstellung von Ordnung in „Der arme Heinrich“
2.1. Göttliche Ordnung
2.1.1. Die Störung der göttlichen Ordnung
2.1.1.1. Heinrichs Krankheit
2.1.1.2. Die Krankheit als Strafe
2.1.1.3. Die Krankheit als Prüfung
2.1.1.4. Die Krankheit als Chance
2.1.1.5. Heinrichs superbia
2.1.1.6. Heinrichs acedia
2.1.1.7. Die praesumptio und Hysterie der Meierstochter
2.1.2. Die Wiederherstellung der göttlichen Ordnung
2.1.2.1. Heinrichs Weg zu Gott über die Meierstochter
2.1.2.2. Von der superbia zur caritas
2.1.2.3. Von der acedia zur Aktivität und christlichen Hoffnung
2.1.2.4. Die spirituelle Wiedergeburt der Meierstochter
2.2. Feudale Ordnung
2.2.1. Die Störung der feudalen Ordnung
2.2.1.1. Die verlorene Herrschaftslegitimation Heinrichs
2.2.1.2. Die Weltentsagung der Meierstochter
2.2.2. Die Wiederherstellung der feudalen Ordnung
2.2.2.1. Heinrichs Rehabilitation und neue Herrschaftslegitimation durch Gott
2.2.2.2. Der soziale Aufstieg der Meierstochter
2.3. Familienordnung
2.3.1. Die Störung der Familienordnung
2.3.1.1. Die Sonderstellung der Meierstochter
2.3.1.2. Die verlorene Kindheit der Meierstochter
2.3.2. Die Wiederherstellung der Familienordnung
2.3.2.1. Infantilisierung der Meierstochter
2.3.2.2. Zusammenführung und Neuordnung der Familie
2.4. Geschlechterordnung
2.4.1. Die Störung der Geschlechterordnung
2.4.1.1. Die Maskulinisierung der Meierstochter
2.4.1.2. Die Feminisierung Heinrichs
2.4.2. Die Wiederherstellung der Geschlechterordnung
2.5. Ordnung der Sexualität
2.5.1. Die Störung der Ordnung der Sexualität
2.5.1.1. Sadomasochismus
2.5.1.2. Voyeurismus
2.5.2. Die Wiederherstellung der Ordnung der Sexualität
2.5.2.1. Umkehr des Blickes
2.5.2.2. Ehe und Liebe
2.6. Zusammenfassung
3. Die Störung und Wiederherstellung von Ordnung in „Gregorius“
3.1. Göttliche Ordnung
3.1.1. Die Störung der göttlichen Ordnung
3.1.1.1. Die Bedeutung des Prologs
3.1.1.2. Die Frage der Schuld
3.1.1.3. Gregorius‘ luxuria
3.1.2. Die Wiederherstellung der göttlichen Ordnung
3.1.2.1. Repräsentative Buße
3.1.2.2. Askese und Selbstkasteiung
3.2. Feudale Ordnung
3.2.1. Die Störung der feudalen Ordnung
3.2.1.1. Das Problem der Bewahrung und Etablierung der Herrschaft
3.2.1.2. Die Polarität von Gott und Welt und Gregorius‘ Platz darin
3.2.2. Die Wiederherstellung der feudalen Ordnung
3.2.2.1. Verschiebung der Herrschaft
3.2.2.2. Balancierung von Gott und Welt
3.3. Familienordnung
3.3.1. Die Störung der Familienordnung
3.3.1.1. Zersplitterung der Familie
3.3.1.2. Gestörte Rollen in der Familie
3.3.2. Die Wiederherstellung der Familienordnung
3.3.2.1. Zusammenführung der Familie
3.3.2.2. Auflösung der Genealogie
3.4. Geschlechterordnung und Ordnung der Sexualität
3.4.1. Die Störung der Geschlechterordnung und der Ordnung der Sexualität
3.4.1.1. Der Fluch der Schönheit
3.4.1.2. Das Inzesttabu und die Zerstörung der Unterschiede
3.4.2. Die Wiederherstellung der Geschlechterordnung und der Ordnung der Sexualität
3.4.2.1. Zerstörung der Schönheit
3.4.2.2. Zölibat und Asexualität
3.5. Zusammenfassung
4. Die Welt im Einklang
4.1. Gott und Welt
4.2. Überstürzung und Trägheit
4.3. Leib und Seele
4.4. Blindheit und Erkennen, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit
4.5. Macht und Ohnmacht
4.6. Individuum und Familie
4.7. Mann und Frau
4.8. (Zer-)Störung und (Wieder-)Herstellung, Vergebung und Verdammung
5. Didaktische Umsetzung
5.1. Mittelalterliche Literatur im Unterricht
5.2. Lesevorbereitung
5.3. Figurenkonstellation
5.4. Handlungsüberblick, Überblick über die Störungen
5.5. Analyse der Störungen
5.6. Szenische Darstellung
5.7. Präsentation der Ergebnisse
5.8. Stundenbilder
Die Diplomarbeit untersucht die Störung und Wiederherstellung von Ordnung in Hartmanns Legenden „Der arme Heinrich“ und „Gregorius“. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage verfolgt, wie diese Störungen in verschiedenen Bereichen (göttlich, feudal, familiär, geschlechtlich und sexuell) gedeutet werden können, ohne sie auf ein einfaches Schema von persönlicher Schuld und Bestrafung zu reduzieren, sondern vielmehr als notwendigen Prozess zyklischer Erneuerung und spiritueller Weiterentwicklung zu begreifen.
1.2.2. Das Opferprinzip
Die Situation der Opferung führt bei Heinrich also zu einer radikalen Änderung. Er steht vor der Situation des endgültigen Zerreißens und Verschlingens: die Meierstochter würde auf jeden Fall getötet und sollte seine Heilung durch ihr Blut nicht funktionieren, stünde auch sein Ende bevor. Obgleich die Opferung nicht durchgeführt wird, eröffnet sie hier dennoch völlig neue Perspektiven in der Analyse, denn die Rolle der Meierstochter als Opfer ist eine durchaus besondere.
Das Zerreißen und Verschlingen, also auch die Menschenopferung, wird aus einem natürlichen Körperverständnis heraus traditionell als sehr negativ interpretiert – als „grausamste aller Leibesstrafen“. Wie sehr dieses Konzept des Zerreißens und Verschlingens mit dem Opfer der Meierstochter zusammenhängt zeigt sich schon allein dadurch, dass ihr tatsächlich das Herz aus dem Körper gerissen werden soll: „ich snîde dich zuo dem herzen und briche ez lebende ûz dir.“ Und aufgrund dieser äußersten Grausamkeit versichert sich der Arzt mehr als gründlich, ob es der Meierstochter wirklich ernst sei.
Das Zerreißen und Verschlingen wird also traditionell im ersten Hinblick logischerweise negativ interpretiert und meistens mit einer ernsthaften Strafe assoziiert. Doch das Zerreißen und Verschlingen hat – wie bereits durch das Prinzip der Transformation gezeigt worden ist – auch eine andere Seite, womit man auch zur besonderen Rolle von Opfern kommt. In älteren Gesellschaften hatte das Opfer keineswegs etwas mit „Verbrechen, Gewalt oder ‚Wahnsinn‘“ zu tun, sondern es war vielmehr „ein Element von Regeneration, von Leben, Fruchtbarkeit [und] Erneuerung“.
1. Methodischer Ansatz: Erläutert die theoretischen Grundlagen (zyklische Modelle von Czerwinski) und begründet die Abkehr vom linearen Sünde-Strafe-Modell hin zu einem Verständnis von Störung als Transformationsprozess.
2. Die Störung und Wiederherstellung von Ordnung in „Der arme Heinrich“: Untersucht systematisch die fünf Ordnungsbereiche (göttlich, feudal, familiär, geschlechtlich, sexuell) und zeigt die Heilung Heinrichs sowie die Entwicklung der Meierstochter auf.
3. Die Störung und Wiederherstellung von Ordnung in „Gregorius“: Analysiert das Werk unter denselben Aspekten, wobei der Fokus auf Gregorius’ Weg durch eine bereits gestörte genealogische Ordnung und seine repräsentative Buße liegt.
4. Die Welt im Einklang: Vergleicht die Ergebnisse beider Analysen und arbeitet die gemeinsamen Nenner wie Gott, Welt, Individuum und Familie heraus, um das positive Menschenbild Hartmanns zu unterstreichen.
5. Didaktische Umsetzung: Präsentiert methodische Vorschläge für den Deutschunterricht, darunter Expertengruppen und szenische Darstellungen, um die komplexen Inhalte schülerorientiert aufzubereiten.
Hartmann von Aue, Der arme Heinrich, Gregorius, Ordnung, Störung, Zyklische Erneuerung, Transformation, Schuld, Buße, Gottesferne, Repräsentative Buße, Mittelalterliche Literatur, Didaktik, Literaturunterricht, Geschlechterordnung.
Die Diplomarbeit befasst sich mit der Analyse der Störung und Wiederherstellung von Ordnungen in Hartmanns Legenden „Der arme Heinrich“ und „Gregorius“ unter Anwendung zyklischer Zeitmodelle.
Die Untersuchung umfasst die Bereiche der göttlichen, feudalen, familiären und geschlechtlichen Ordnung sowie die Ordnung der Sexualität in den beiden genannten Werken.
Das Ziel ist es, die strittigen Fragen der Schuld und Interpretation in diesen Texten zu klären und zu zeigen, dass Störungen nicht als negative Bestrafung, sondern als Chance zur spirituellen Erneuerung und Ordnungswiederherstellung dienen.
Es werden Konzepte zyklischer Entwicklungen verwendet, um die Handlungsabläufe als Prozesse der Umstrukturierung und Neuordnung statt als starre lineare Kausalketten (Sünde-Strafe-Buße) zu interpretieren.
Im Hauptteil werden detailliert die Störungen und deren Überwindung in den fünf definierten Ordnungsbereichen für Heinrich und Gregorius analysiert sowie die didaktische Umsetzung dieser Ergebnisse für den Unterricht skizziert.
Zentrale Begriffe sind die „Welt im Einklang“, das Motiv der „felix culpa“, zyklische Transformation, repräsentative Buße und der „guote sündaere“.
Die Meierstochter fungiert als zentrales Instrument für die spirituelle Wandlung Heinrichs; ihre Entwicklung von einem fast hysterischen Opfer zu einem demütigen Menschen ist für die Wiederherstellung der Ordnung unerlässlich.
Sein Auszug wird nicht als Hochmut (superbia) gedeutet, sondern als notwendiger Schritt, um als „Gottesritter“ in der Welt Erfahrungen zu sammeln und durch die Überwindung seiner eigenen Fehlhaltungen letztlich zum idealen Papst zu reifen.
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