Magisterarbeit, 2014
98 Seiten, Note: 1,3
1 Vorwort
2 Intersektionalität
2.1 Grundlagen und Ursprung der Theorie
2.2 Die Frage nach den Kategorien
2.3 Historische Intersektionalitätsforschung
3 Lost in space - Die Rahmenkategorie Raum
3.1 Raum in den Kultur- und Sozialwissenschaften
3.2 Zusammenführung Intersektionalität und Raum
3.3 Methodologische Schlussfolgerungen
4 Historisierung der Kategorien
4.1 Class
4.2 Gender
4.3 Sexuality und minne
4.4 Körper, Disability und Fremdheitserfahrungen
5 Störungen in der Figur-Raum-Konzeption
5.1 Siegfried - Der störende Held
5.2 Brünhild - Die bezwungene Kriegerin
5.3 Kriemhild - Die rachsüchtige vâlandinne
6 Fazit
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Andersartigkeit der Figuren Siegfried, Brünhild und Kriemhild im Nibelungenlied durch die Linse der Historischen Intersektionalitätsforschung zu analysieren, wobei der Fokus auf dem Einfluss räumlicher Strukturen auf Ausgrenzungs- und Störungsmechanismen liegt.
3.1 Raum in den Kultur- und Sozialwissenschaften
Für diese Arbeit viel wichtiger sind jedoch die Disziplinen der Kultur- und Sozialwissenschaften. Die Wiederentdeckung des Raums und seiner Bedeutung für die Kultur- und Sozialwissenschaften sind in erster Linie dem „spatial turn“ zuzuschreiben. Nach der Verunglimpfung des Raumbegriffs durch den Nationalsozialismus erlebt dieser gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Wende. Den Antrieb dafür lieferte Henri Lefebre (1901-1991), welcher den Raum als soziales Produkt postuliert und der Containervorstellung entgegenwirkt. Im absolutistischen Containermodell werden Objekte und Menschen aufgenommen und einem festen Platz zugeordnet. Dem gegenüber steht ein relationales Raumverständnis, in dem Menschen und Objekte untrennbar aufeinander bezogen werden.
Dieser Arbeit liegen sowohl ein relationales, als auch ein absolutistisches Raummodell zugrunde. Zum einen wird von einem Bezug zwischen Raum und Figuren (und Objekten) ausgegangen, zum anderen existieren klare abgetrennte Räume im Nibelungenlied, in denen bestimmte Figuren fest verankert sind. Vor allem in der Beziehung von Macht und Raum greift vornehmlich das Containermodell. Hierbei existieren klare Grenzen zwischen innen und außen, fremd und vertraut. Einen Platz in derlei privilegierten Räumen erhält nur derjenige, der hineinpasst und als zugehörig erscheint. In der nibelungischen Welt existieren eine Vielzahl an Containerräumen, die eine klare Struktur vorgeben und durch Grenzen abgeschottet sind. Die Burgen wären Beispiele für typische Containerräume, welche die Figuren auf ein bestimmtes Verhalten festlegen, in diesem Fall auf ein höfisches.
1 Vorwort: Einleitende Betrachtung zur Besonderheit literarischer Texte und zur Rolle der Helden im Nibelungenlied.
2 Intersektionalität: Einführung in die theoretischen Grundlagen der Intersektionalitätsforschung und deren Anwendung auf literarische Texte.
3 Lost in space - Die Rahmenkategorie Raum: theoretische Verortung des Raumkonzepts in den Sozialwissenschaften und dessen Zusammenführung mit intersektionellen Fragen.
4 Historisierung der Kategorien: Definition und Anpassung der Differenzkategorien Class, Gender, Sexuality sowie Disability an die mittelalterliche Lebenswelt.
5 Störungen in der Figur-Raum-Konzeption: Detaillierte Analyse der Figuren Siegfried, Brünhild und Kriemhild an verschiedenen Orten des Nibelungenliedes.
6 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse zur Figur-Raum-Störung und der Wirkmacht normativer Raumsemantiken.
Nibelungenlied, Intersektionalität, Raumtheorie, Gender, Class, Disability, Sexuality, Andersartigkeit, soziale Konstruktion, Hegemonie, Höfische Gesellschaft, Containerraum, Historische Intersektionalitätsforschung, Figur-Raum-Konzeption, Mittelalterliche Literatur
Die Arbeit untersucht, wie die drei zentralen Figuren Siegfried, Brünhild und Kriemhild im Nibelungenlied ihre soziale Umwelt durch ihre Andersartigkeit stören und wie dies mit räumlichen Bedingungen verknüpft ist.
Die Untersuchung verbindet Methoden der Intersektionalitätsforschung mit modernen Raumtheorien, um Machtverhältnisse und Exklusionsmechanismen in der mittelalterlichen Adelsgesellschaft freizulegen.
Ziel ist es aufzuzeigen, dass die wahrgenommene Andersartigkeit der Figuren nicht biologisch oder ontologisch begründet ist, sondern durch das Zusammentreffen von Kategorie-Zuschreibungen und spezifischen höfischen Raumvorgaben erst konstruiert wird.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Ansatz der Historischen Intersektionalitätsforschung adaptiert und um raumtheoretische Konzepte (z.B. von Foucault, Bourdieu und Lotman) erweitert.
Der Hauptteil analysiert die Kategorien (Class, Gender, etc.) und deren Historisierung sowie die konkrete Anwendung dieser Analyse auf die Figuren in unterschiedlichen Räumen wie Hof, Kemenate und Nibelungenland.
Zentral sind die Begriffe Intersektionalität, Raumsemantik, Andersartigkeit, Störung und die Spezifik der mittelalterlichen Herrschafts- und Geschlechterrollen.
Das Nibelungenreich fungiert als ein Ort außerhalb der höfischen Norm, der Figuren beherbergt, die ihre heroische Überkraft nicht in das höfische Gefüge integrieren können, was es zum idealen Analyseobjekt für Raumanomalien macht.
Siegfrieds abnorme körperliche Überlegenheit, die in der höfischen Welt nicht normkonform ist, wird als "Behinderung" im Sinne einer sozialen Unpassbarkeit gerahmt, welche zusammen mit seinem geheimen Vorwissen zu seiner Ermordung führt.
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