Examensarbeit, 2008
61 Seiten, Note: 2,0
1. Einleitung
2. Zur Tradition in der mittelalterlichen Dichtung
2. 1 Oswalds Dichtung – zwischen Realität und literarischer Fiktion
3. Biografischer Hintergrund
3.1 Der ‘Kleinodienraub’
3.2 Gefangenschaft auf Forst
3.3 Gefangenschaft auf Fellenberg
4. Das ‘Gefangenschaftslied’ Kl. 1. Eine Analyse.
4.1 Zum Problem einer eineindeutigen Interpretation
4. 2 Formale Analyse von Kl. 1
4.3 Interpretation des Liedes Kl. 1. Die Strophen 1 – 7.
4.4 Zusammenfassung Kl. 1
5. Interpretation von Wie vil ich sing und tichte (Kl. 23)
5.1 Einleitende Bemerkungen
5.2 Die sieben Todesgefahren
6. Interpretation von Durch abenteuer tal und perg (Kl. 26)
6.1 Einleitende Bemerkungen
6.2 Inhalt
7. Interpretation des Liedes Wach, menschlich tier (Kl. 2)
7.1 Einleitende Bemerkungen
7.2 Inhalt
8. Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis von historischer Realität und literarischer Fiktion in den sogenannten "Gefangenschaftsliedern" des Oswald von Wolkenstein. Ziel ist es, durch inhaltliche Analysen ausgewählter Lieder aufzuzeigen, wie biografische Erlebnisse in traditionelle poetische Muster transformiert werden und welche Intentionen Oswald mit dieser Stilisierung verfolgte.
2. 1 Oswalds Dichtung – zwischen Realität und literarischer Fiktion
Den Liedern Oswalds von Wolkenstein spricht man in der Literatur des deutschen Mittelalters eine Sonderrolle zu. Der Grund dafür ist, dass die Lyrik Oswalds ausgeprägte autobiografische Züge trägt. Es ist sogar so, dass man die Lyrik lange Zeit wie eine „lyrische Autobiographie“ gelesen hat und die Interpretationen vom Konzept der „Erlebnisdichtung“ bestimmt waren. Die günstige Quellenlage, welche zahlreiche Urkunden und Akten – von Oswald selbst gesammelt – miteinschließt, bietet historischen Fragestellungen viele Anknüpfungspunkte. Die Frage nach dem Verhältnis von Realität und literarischer Umsetzung kann darum auch so ungewöhnlich detailliert und genau beantwortet werden. Durch den historischen Aussagewert der Quellen tendierte die Analyse seiner Gedichte stark in Richtung biografischer Deutung. Aus der Sicht der Forschung ist solch eine Lesart heute nicht mehr legitim, denn: „Die außersprachliche Wirklichkeit allgemein, die reale Tatsache und das reale Erlebnis im besonderen [sic!] werden vom Dichter nach künstlerischen Erfordernissen so umgestaltet, daß [sic!] eine neue, ästhetische Realität entsteht.“ Will man sich über historische Fakten informieren, muss man sich in erster Linie an historische Quellen halten. Ein Kunstwerk als maßgebende Quelle zu gebrauchen ist keineswegs ausreichend. Fiktion und Erfahrungswirklichkeit eines Künstlers gehören zwei verschiedenen Bereichen an.
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik ein und erläutert die Bedeutung der Forschung von Anton Schwob sowie die Herangehensweise an die Untersuchung von Oswalds Liedern als literarische Zeugnisse seiner Biografie.
2. Zur Tradition in der mittelalterlichen Dichtung: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Rahmen, in dem Dichtung im Mittelalter nicht primär als fiktiv, sondern als Teil einer objektiven Wahrheitsvermittlung und Tradition gesehen wurde.
2. 1 Oswalds Dichtung – zwischen Realität und literarischer Fiktion: Der Autor diskutiert hier die Sonderrolle der Lyrik Oswalds, die zwar autobiografische Züge aufweist, aber dennoch als ästhetische Fiktion und nicht als reine Autobiografie zu verstehen ist.
3. Biografischer Hintergrund: Die historischen Begebenheiten der drei Gefangenschaften Oswalds (1405, 1421/22 und 1427) werden detailliert auf Basis urkundlicher Quellen rekonstruiert.
3.1 Der ‘Kleinodienraub’: Die erste Gefangenschaft durch den Bruder Michael wird als Folge eines erbrechtlichen Konflikts und des sogenannten 'Kleinodienraubs' analysiert.
3.2 Gefangenschaft auf Forst: Die zweite, intensiver in den Liedern verarbeitete Gefangenschaft, wird in ihre historischen Etappen von der Festnahme bis zur Entlassung zerlegt.
3.3 Gefangenschaft auf Fellenberg: Die dritte Gefangenschaft im Kontext des Konflikts mit Herzog Friedrich und der daraus folgenden Unterwerfung Oswalds wird beleuchtet.
4. Das ‘Gefangenschaftslied’ Kl. 1. Eine Analyse.: Eine eingehende Untersuchung des Liedes "Ain anefangk" hinsichtlich seiner theologischen und didaktischen Ambitionen sowie der literarischen Stilisierung.
4.1 Zum Problem einer eineindeutigen Interpretation: Es werden unterschiedliche Forschungsansätze vorgestellt, die das Lied entweder als politisch-propagandaistisches Werk oder als Alterslied deuten.
4. 2 Formale Analyse von Kl. 1: Dieser Abschnitt widmet sich der sangspruchlichen Struktur und dem metrischen Schema des Liedes.
4.3 Interpretation des Liedes Kl. 1. Die Strophen 1 – 7.: Eine detaillierte Strophenanalyse, die den Weg von der weltlichen Sünde hin zur religiösen Umkehr nachzeichnet.
4.4 Zusammenfassung Kl. 1: Das Kapitel schließt mit einer Bilanz zur Verbindung von individuellem Erleben und traditioneller Stilisierung im Lied Kl. 1.
5. Interpretation von Wie vil ich sing und tichte (Kl. 23): Eine Analyse der sieben "Todesgefahren", in denen Oswald sein Leben aus der Rückschau resümiert.
5.1 Einleitende Bemerkungen: Einführung in die Entstehungsgeschichte des Liedes und die Bedeutung der Ungarnreise.
5.2 Die sieben Todesgefahren: Die einzelnen Episoden der Todesgefahr werden als eine Mischung aus realen Erlebnissen und literarischer, oft ironischer Stilisierung interpretiert.
6. Interpretation von Durch abenteuer tal und perg (Kl. 26): Die Analyse des sogenannten "großen Liedes" über die dritte Gefangenschaft und das Verhältnis zum Herzog.
6.1 Einleitende Bemerkungen: Einordnung des Liedes als Musterbeispiel für die literarische Umsetzung politischer Ereignisse.
6.2 Inhalt: Interpretation der Reisebeschreibungen und der gezielten Stilisierung Oswalds als Opfer landesfürstlicher Willkür.
7. Interpretation des Liedes Wach, menschlich tier (Kl. 2): Untersuchung des zweiten religiös-didaktischen Liedes, das metrisch mit Kl. 1 identisch ist.
7.1 Einleitende Bemerkungen: Diskussion der Genese und der Forschungsgeschichte von Kl. 2.
7.2 Inhalt: Analyse der ermahnenden, didaktischen Ausrichtung und der spezifischen Darstellung der Hausmannin in diesem Kontext.
8. Zusammenfassung: Abschließende Betrachtung, die Oswald als einen Dichter hervorhebt, der traditionelle Formen virtuos mit seinem individuellen Erleben verbindet und bereits Züge einer neuzeitlichen Subjektivität trägt.
Oswald von Wolkenstein, Gefangenschaftslieder, Mittelalterliche Literatur, Literarische Stilisierung, Biografische Realität, Minnesang, Religiöse Dichtung, Didaktik, Landesgeschichte, Herzog Friedrich, Hausmannin, Autobiografie, Sangspruch, Kontrast, Erebnisdichtung
Die Arbeit untersucht, wie Oswald von Wolkenstein reale Ereignisse aus seinem Leben – insbesondere seine drei Gefangenschaften – in seiner Lyrik verarbeitet und dabei traditionelle literarische Muster nutzt.
Zu den zentralen Themen gehören das Verhältnis von biografischer Wahrheit und dichterischer Fiktion, die Stilisierung von persönlichen Erfahrungen in mittelalterlicher Tradition sowie der historische Kontext der Konflikte zwischen dem Tiroler Adel und Herzog Friedrich.
Das Ziel ist es, zu klären, inwieweit Oswalds Lieder als historische Quellen taugen und wie der Autor durch spezifische literarische Techniken seine persönliche Sicht auf politische Konflikte formte.
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Methode, die textimmanente Analysen der Lieder mit historischer Quellenkritik verknüpft, um das Zusammenspiel von Faktum und Fiktion zu entschlüsseln.
Der Hauptteil konzentriert sich auf die detaillierte Interpretation der "Gefangenschaftslieder" (Kl. 1, Kl. 2, Kl. 23 und Kl. 26), wobei jeder Text sowohl formal als auch inhaltlich-biografisch analysiert wird.
Schlüsselbegriffe wie "Literarische Stilisierung", "Gefangenschaftserfahrung", "Minnesang-Tradition" und "politische Ambition" fassen den Kern der Untersuchung zusammen.
In den Liedern wird sie oft als "Urheberin" der Gefangenschaft und damit als Antagonistin stilisiert, was laut Forschung einerseits auf eine reale Konfliktbeziehung zurückgeht, andererseits aber ein literarisches Motiv darstellt.
Oswald sticht durch eine Kombination aus betont subjektiver, individueller Verarbeitung seiner Biografie und der virtuosen Nutzung traditioneller Gattungen hervor, was ihn in der Forschung als Vorläufer frühneuzeitlicher Subjektivität erscheinen lässt.
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