Magisterarbeit, 2011
120 Seiten, Note: 1,1
1. Einleitung
2. Zu den Begriffen der Erzählstruktur und der Bauform eines Erzählwerks
3. Erzählstruktur von Gottfrieds von Straßburg Tristan
3.1. Organisation der Zeit im Tristan
3.1.1. Erzählzeit und erzählte Zeit im Tristan
3.1.1.1. Erzählte Zeit im Tristan
3.1.1.2. Erzählzeit im Tristan
3.1.2. Narrative Anachronien im Tristan
3.2. Narrative Motivierung im Tristan
3.2.1. Arten der narrativen Motivierung
3.2.2. Motivierung im Tristan
3.2.3. Erzählschemata im Tristan
3.3. Paradigmatische Verknüpfungen im Tristan
4. Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bauform sowie die Erzählstruktur von Gottfrieds Tristan-Roman, um dessen grundlegenden Sinnzusammenhang zu entschlüsseln. Dabei wird die Forschungsthese der vermeintlichen Strukturlosigkeit des Romans hinterfragt und das Werk stattdessen als hochkomplexes, funktionales Gefüge analysiert, das auf verschiedenen narrativen Ebenen in intertextuellen Dialogen mit anderen Gattungen wie dem Artusroman steht.
3.1.1. Erzählzeit und erzählte Zeit im Tristan
In diesem Abschnitt wird das Verhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit im Tristan untersucht. Dieses Verhältnis äußert sich darin, dass manche Vorgänge oder Geschehensabschnitte von größerem Umfang stark zusammenfassend (zeitraffendes oder summarisches Erzählen bzw. Raffung; vgl. Martínez/Scheffel, 2003:41), andere Geschehensabschnitte relativ zeitdeckend (szenisches Erzählen) oder zeitdehnend (Dehnung) erzählt werden (2003:40). Nach Lämmert kann man durch die Untersuchung solcher Verzerrung der Zeit, die man zusammenfassend als unterschiedliche Raffungsintensität bezeichnen kann, feststellen, welche Akzente im Erzählvorgang gesetzt werden, da der Erzähler auf diese Weise Einzelbegebenheiten, Wendepunkte oder exemplarische Momente aus dem stetig fließenden Strom des erzählten Lebens herausschält, die den Kern oder gar den Hauptgegenstand des eigentlichen Erzählens bilden (Lämmert, 1980:32; vgl. Schmid, 2008:257). Die Gestaltung der Erzählzeit ist also eng mit der Selektion der Geschehenselemente verbunden, die ihrerseits einer bestimmten Sinnlinie folgt (vgl. Schmid, ebd.).
Der Wechsel zwischen dem summarischen und zeitdeckenden Erzählen bildet einen narrativen Grundrhythmus, der sich in nahezu jeder Erzählung findet (Martínez/Scheffel, 2003:41). Hier stellt Tristan keine Ausnahme dar: Der Erzähler nutzt diesen Wechsel und setzt immer wieder kurze Dialoge ein, um seinen Bericht zu beleben. Daher wird im Folgenden hauptsächlich den markanten Stellen Aufmerksamkeit gewidmet: den Passagen mit besonders starker Raffungsintensität, sowie den szenischen und dehnenden Passagen größeren Umfangs. Die Phasen des szenischen Erzählens geben meist Figurenrede wider und können zu Erzählhöhepunkten werden, wenn sie z.B. die Einstellung der Figuren in den kritischen Situationen anschaulich demonstrieren (vgl. 2003:39; Lämmert, 1980:84, 89).
1. Einleitung: Die Einleitung diskutiert verschiedene Forschungsmeinungen zur Struktur des Tristan-Romans und führt in die theoretische Basis der narratologischen Untersuchung ein.
2. Zu den Begriffen der Erzählstruktur und der Bauform eines Erzählwerks: Dieses Kapitel spezifiziert die verwendeten literaturwissenschaftlichen Begriffe, um eine präzise Grundlage für die Analyse der epischen Bauformen zu schaffen.
3. Erzählstruktur von Gottfrieds von Straßburg Tristan: Dies ist der Hauptteil der Arbeit, der die Organisation der Zeit, die narrative Motivierung sowie paradigmatische Verknüpfungen detailliert analysiert.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Analyseergebnisse und bestätigt die komplexe, funktionale Struktur des Romans, die trotz ihrer Fragmentierung eine tiefe Sinnhaftigkeit besitzt.
Gottfried von Straßburg, Tristan, Erzählstruktur, Bauform, Erzählzeit, narrative Motivierung, Anachronien, Paradigmatische Verknüpfungen, Narratologie, Juri Lotman, Eberhard Lämmert, Wolf Schmid, Literaturtheorie, Mittelalter, Intertextualität.
Die Arbeit befasst sich mit der formalen und inhaltlichen Struktur von Gottfrieds Tristan. Ziel ist es, die oft als „strukturlos“ kritisierte Episodenfolge als durchgeplantes und sinnstiftendes Kunstwerk zu erweisen.
Die Schwerpunkte liegen auf der Organisation der Zeit, den narrativen Motivierungstechniken, der Verwendung von Erzählschemata sowie der paradigmatischen Verknüpfung von Textelementen mittels Äquivalenzbeziehungen.
Das Ziel ist die Widerlegung der Strukturlosigkeits-Hypothese durch den Nachweis, dass der Autor gezielt narrative Verfahren einsetzt, um Sinnzusammenhänge und eine spezifische Ästhetik zu erzeugen.
Es werden narratologische Modelle von Theoretikern wie Eberhard Lämmert, Juri Lotman, Wolf Schmid und anderen herangezogen, um das epische Baugerüst des Werks zu modellieren.
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der zeitlichen Gestaltung (Raffung/Dehnung), das Zusammenspiel von kausaler und finaler Motivierung sowie die Bedeutung der wiederkehrenden Motive (wie der Jagd oder des Blankoversprechens).
Die Arbeit ist eine strukturanalytische Untersuchung, die moderne erzähltheoretische Modelle auf das mittelalterliche Epos anwendet, um die Komplexität und den „Aporiecharakter“ des Tristan-Stoffes aufzuzeigen.
Die Zeit ist funktional eingesetzt: Während sie bis zur Brautwerbung präzise nachvollziehbar ist, wird sie im weiteren Verlauf emotional gedeutet und dient dazu, Höhepunkte hervorzuheben und die psychologische Verfassung der Figuren zu spiegeln.
Die Arbeit zeigt, dass Zufallsereignisse im Tristan oft Teil einer göttlichen Lenkung oder „Regie“ sind, die das Geschehen auf das unweigerliche tragische Ende zulaufen lässt, wodurch ein Gefühl der Schicksalhaftigkeit entsteht.
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