Magisterarbeit, 2008
86 Seiten, Note: 1,7
0. Einleitung
1. Das Konzept der Involution
1.1. Genese des Involutionsbegriffs
1.2 Die Ebene der Motivik: Vorwelt und Stein
1.3 Die Ebene der Ästhetik: Involution als das Kunstfeindliche
1.4 Die richtige Form des Gedenkens: das Gedicht als „Atemwende“
1.5 Kritische Betrachtung anderer Deutungsansätze
2 Involution im „Gespräch im Gebirg“
2.1. Involution auf inhaltlich-motivischer Ebene
2.1.1. Das „Gespräch“ von Stock und Stein
2.1.2. Die Unterscheidung von „reden“ und „sprechen“
2.1.3. „Sprechen“ als Voraussetzung einer erfolgreichen Subjektwerdung
2.2 Involution auf sprachlicher Ebene
2.3 Zwischenfazit
2.4 Involution im „Meridian“
2.4.1 Bestimmung der Kunst
2.4.2 Bestimmung der Dichtung
2.4.3 Dichtung als Aufhebung der Kunst – die „Atemwende“ des Gedichts
2.4.4 Toposforschung und Utopie – die räumliche Dimension der Erinnerung
2.4.5 Zwischenfazit
3. Involution als Paradigma der Interpretation im Gedichtband „Die Niemandsrose“
3.1 „Ein Wurfholz“ – die „Atemwende“ als Funktionsweise des Gedichts
3.1.1 Die Umkehr des Wurfholzes als „Atemwende“ des Gedichts
3.1.2 Der Moment des Innehaltens als zeitliche Zäsur
3.1.3 Zusammenfassung
3.2 „Anabasis“ – die Gemeinschaft in der Sprache
3.2.1 Der Perspektivwechsel als Befreiungsbewegung der Sprache
3.2.2 Fragmentierung der Sprache als Voraussetzung für Gemeinschaft
3.2.3 Zusammenfassung
3.3 „Le Menhir“ – Gedenken und das ad absurdum Führen religiöser Vorstellungen
3.3.1 Die Bedeutung des Steins
3.3.2 Die „Atemwende“: Das Sprechen im Namen der Anderen
3.3.3 Das ad absurdum Führen religiöser Vorstellungen
3.3.4 Zusammenfassung
3.4 „Les Globes“ - die Inversion von Außen- und Innenwelt
3.4.1 Der Lesevorgang als Akt der Wirklichkeitserschaffung
3.4.2 Der reziproke Leseprozess
3.4.3 Das ad absurdum Führen des Raumes
3.4.4. Zusammenfassung
4. Schlusswort
Diese Magisterarbeit untersucht Paul Celans Involutionskonzept als zentralen Aspekt seiner Poetik und als Paradigma für die Interpretation ausgewählter Texte, wobei der Fokus auf dem Zusammenhang zwischen Rückbildung, der Entfaltung durch Umkehr und der Subjektwerdung liegt.
3.1 „Ein Wurfholz“ – die „Atemwende“ als Funktionsweise des Gedichts
EIN WURFHOLZ, auf Atemwegen, so wanderts, das Flügel mächtige, das Wahre. Auf 5 Sternen bahnen, von Welten splittern geküßt, von Zeit körnern genarbt, von Zeitstaub, mit verwaisend mit euch, 10 Lapilli, ver zwergt, verwinzigt, ver nichtet, verbracht und verworfen, sich selber der Reim, - 15 so kommt es geflogen, so kommts wieder und heim, einen Herzschlag, ein Tausendjahr lang innezuhalten als 20 einziger Zeiger im Rund, das eine Seele, das seine Seele beschrieb, 25 das eine Seele beziffert.
„Ein Wurfholz“ nimmt durch seine äußere Form eine Sonderstellung in der „Niemandsrose“ ein. Als einziges Gedicht zeigt es keine Gliederung in Strophen. Syntaktisch betrachtet, besteht das Gedicht aus zwei Sätzen von sehr unterschiedlichem Umfang und unterschiedlicher Komplexität. Der erste Satz erstreckt sich über die ersten vier Verse und liest sich wie eine Exposition, in welcher der zentrale Gegenstand des Gedichts näher bestimmt wird. Der zweite Satz, der die restlichen 24 Verse umfasst, beschreibt ein komplexes Geschehen, das den Bildbereich des fliegenden Wurfholzes in den der Uhr überführt. Die Verslänge ist unregelmäßig, häufig bestehen die Verse nur aus einzelnen Worten, die damit eine besondere Betonung erfahren.
0. Einleitung: Diese Einleitung führt in Paul Celans poetologische Selbstreflexion ein und etabliert den Begriff der Involution als systematisches Konzept seiner Poetik, welches als Ausgangspunkt für die Arbeit dient.
1. Das Konzept der Involution: Dieses Kapitel erläutert die Genese des Involutionsbegriffs durch Adornos Kafka-Lektüren und definiert Involution als eine dialektische Figur der "Entfaltung durch Rückbildung" innerhalb der Celanschen Ästhetik.
2 Involution im „Gespräch im Gebirg“: Die Analyse dieses Prosatextes zeigt, wie Celan das Involutionskonzept künstlerisch durch die Figuren "Klein" und "Groß" umsetzt, wobei insbesondere die Unterscheidung von "reden" und "sprechen" zentral für die Subjektwerdung ist.
3. Involution als Paradigma der Interpretation im Gedichtband „Die Niemandsrose“: Anhand von vier ausgewählten Gedichten wird demonstriert, wie die Involution die Funktionsweise der Gedichte steuert, um den Anspruch auf Gedenken und die Auseinandersetzung mit historischem Leid zu formulieren.
4. Schlusswort: Das Schlusswort fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und bestätigt die Relevanz des Involutionskonzepts für das Verständnis von Celans Lyrik und Prosatexten im Kontext der Nachkriegszeit.
Involution, Paul Celan, Die Niemandsrose, Gespräch im Gebirg, Der Meridian, Atemwende, Poetik, Gedenken, Shoah, Subjektwerdung, Anorganisches, Vorwelt, Stein, Miteinander, Interpretation
Die Arbeit untersucht das Involutionskonzept in Paul Celans Werk, insbesondere in der "Niemandsrose", und wie dieses Konzept als interpretativer Schlüssel für sein späteres poetisches Schaffen dient.
Im Zentrum stehen die poetologische Selbstreflexion, der Einfluss von Adorno, die Rückbildung als paradoxe Entfaltung, der Holocaust als Zäsur der Sprache sowie die Konstruktion von Identität und Gemeinschaft.
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass "Involution" kein bloßes Motiv ist, sondern ein systematisches Paradigma der Interpretation, das hilft, die komplexe Struktur und den Wahrheitsanspruch von Celans Texten zu verstehen.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die poetologische Notizen Celans mit seinen Prosatexten und Gedichten verknüpft, um eine systematische Poetik der Involution herauszuarbeiten.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung des Begriffs, eine Untersuchung des Prosatextes "Gespräch im Gebirg" sowie eine detaillierte Interpretation von vier Gedichten ("Ein Wurfholz", "Anabasis", "Le Menhir", "Les Globes").
Die zentralen Begriffe sind Involution, Atemwende, Subjektwerdung, das Andere, das Anorganische und der Bezug zur Shoah.
Das Wurfholz fungiert als performative Darstellung der "Atemwende". Indem es nicht nur fliegt, sondern durch eine "Umkehr" zu seinem Ursprung zurückkehrt, bildet es den Kreisweg des Gedichts nach, der Selbstbegegnung ermöglicht.
Das Gedicht invertiert die religiöse Vorstellung der Himmelfahrt als Erlösung, indem der Himmel als "Abgrund" gezeichnet wird und religiöse Rituale (wie das Gebet) nur noch als entfremdete, in der Natur verstreute Fragmente erscheinen.
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