Bachelorarbeit, 2009
53 Seiten, Note: 1,3
I. Einleitung
II. Begriffe
1. Utopie
2. Dystopie
3. Gemeinsame Strukturmerkmale von Utopien und Dystopien
4. Gegenwelten
4.1. Forschungsüberblick
4.2. Definition
III. Exemplarische Einzeluntersuchungen dystopischer Romane
1. Jewgenij Samjatin: Wir
2. Ray Bradbury: Fahrenheit 451
3. Jean-Christophe Rufin: Globalia
IV. Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht das utopische Veränderungspotenzial von sogenannten „Gegenwelten“ innerhalb der dystopischen Literatur. Anhand der Romane „Wir“, „Fahrenheit 451“ und „Globalia“ wird analysiert, inwieweit diese Gegenwelten nicht nur bloße literarische Kontraste bilden, sondern Ansätze für eine kritische Reflexion und Transformation der jeweiligen dystopischen Gesellschaftsordnungen bieten.
4.2. Definition
Unter dem Begriff ‚Gegenwelt‘ soll hier alles gefasst werden, was dem in der Dystopie dargestellten negativen Gesellschaftsentwurf als Positives entgegengesetzt wird; dabei findet in den Gegenwelten eine Negation der in den dystopischen Gesellschaften vorherrschenden, negativ konnotierten Werte statt, denen eigene, positiv besetzte Werte gegenübergestellt werden. Gegenwelten können sich dabei in konkreten Gemeinschaften manifestieren, in denen sich die Gegner des dystopischen Gesellschaftssystems zusammengeschlossen haben, können aber auch im Sinne von nicht konkret zu verortenden ‚Gegenwerten‘ wie beispielsweise Freiheit oder Individualität, verstanden werden. Hartmut Weber hebt dabei besonders „die menschliche Autonomie als obersten Wert“61 hervor. Auch Kunst, Musik und Literatur als Ausdruck der menschlichen Individualität können als Gegenwelten verstanden werden, insofern sie in den dystopischen Gesellschaften staatlich reglementiert sind. Wo das Ziel des utopischen Idealstaates die Vernichtung von Traditionen und Geschichtsbewusstsein zur Schaffung einer geschichtslosen ‚ewigen‘ Gegenwart ist, kann auch Geschichte als Gegenwelt aufgefasst werden. Eine wichtige Rolle als Gegenwelt spielt weiterhin die Natur als Gegensatz zu den technisierten dystopischen Welten. Damit verbunden ist auch Natürlichkeit und Authentizität, beispielsweise natürliche Nahrung, die in vielen dystopischen Gesellschaftssystemen durch künstliche ersetzt worden ist.
Wenn man Gegenwelt als Negation der dystopischen Welt versteht, so lassen sich den drei in der vorgestellten Typologie gemeinsamer Strukturmerkmale von Utopien und Dystopien identifizierten Hauptmerkmalen drei kontrastierende Elemente von Gegenwelten gegenüberstellen: der Isolation das ‚Ausbrechen‘ aus der Isolation; der Statik die Dynamik; dem Kollektivismus den Individualismus. Die Bedeutung des Individualismus als der Wert, um dessen Verteidigung es den dystopischen Werken wesentlich geht, ist dabei auch in der Forschung immer wieder betont worden.62 Mit ihm verknüpft sind all jene Eigenschaften des Menschen, die in utopischen Gemeinwesen staatlicher Kontrolle unterliegen und deren Unregulierbarkeit von den Dystopien immer wieder betont wird: Sexualität, Liebe, Emotionen, Irrationalität und Phantasie.
I. Einleitung: Die Einleitung etabliert die Fragestellung nach dem utopischen Potenzial innerhalb dystopischer Romane und begründet die Auswahl der Primärliteratur sowie das methodische Vorgehen.
II. Begriffe: Dieses Kapitel klärt die theoretischen Grundlagen, definiert die Begriffe Utopie, Dystopie und Anti-Utopie und arbeitet ein Strukturmodell für die Analyse heraus.
III. Exemplarische Einzeluntersuchungen dystopischer Romane: In diesem Hauptteil werden die Werke „Wir“, „Fahrenheit 451“ und „Globalia“ textnah analysiert, um die spezifischen Ausprägungen von Gegenwelten in den jeweiligen Romanen aufzuzeigen.
IV. Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die untersuchten Dystopien durch ihre Gegenwelten ein grundlegendes utopisches Veränderungspotenzial besitzen.
Dystopie, Utopie, Gegenwelt, Individuum, Kollektivismus, Totalitarismus, Widerstand, Freiheit, Individualismus, Natur, Erinnerung, Geschichte, Technikkritik, Gesellschaftsentwurf, Post-Humanismus.
Die Arbeit untersucht das utopische Potenzial, das in dystopischen Romanen verborgen liegt, indem sie sogenannte „Gegenwelten“ analysiert, die den totalitären Systemen entgegengestellt werden.
Zentrale Themen sind die Dialektik zwischen Individuum und Kollektiv, die Kritik an technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen sowie die Bedeutung von Natur, Kunst und Erinnerung als subversives Element.
Das Ziel ist es zu belegen, dass Dystopien keineswegs eine reine Hoffnungslosigkeit vermitteln, sondern durch ihre expliziten oder impliziten Alternativentwürfe den Anspruch auf gesellschaftliche Veränderung wahren.
Die Arbeit verfolgt einen literaturwissenschaftlichen, textnahen Ansatz, der durch kulturhistorische und biographische Aspekte ergänzt wird, um die Romane im Gattungszusammenhang zu interpretieren.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Inhaltsanalyse der Romane „Wir“ von Jewgenij Samjatin, „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury und „Globalia“ von Jean-Christophe Rufin im Hinblick auf deren spezifische Gegenwelten.
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Dystopie, Totalitarismus, Individualität, Widerstand, Natur und Geschichtsbewusstsein.
Der Roman gilt als paradigmatisch, da er bereits 1920 die zentralen Konfliktlinien zwischen einem mathematisch-rationalen Kollektivstaat und dem aufbegehrenden Individuum etablierte, die für das gesamte Genre prägend wurden.
Die Natur fungiert als Gegenentwurf zur sterilen, technisierten und vollständig kontrollierten Lebenswelt der Dystopien; sie steht für Freiheit, Unberechenbarkeit und primäre Lebenserfahrung.
„Globalia“ fokussiert sich stärker auf die Themenkomplexe der Geschichtslosigkeit in einer ewigen Gegenwart, die Manipulation durch Massenmedien und die demografische Problematik der vergreisten Gesellschaft.
Nein, die Romane liefern keine konkreten gesellschaftlichen Blaupausen. Stattdessen wirken sie „ex negativo“, indem sie den Status quo hinterfragen und das utopische Potenzial dem Leser als Aufforderung zur Reflexion überlassen.
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