Examensarbeit, 2003
141 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Die psychoanalytische Pädagogik
2.1 Was ist psychoanalytische Pädagogik?
2.1.1 Differenzen zwischen Psychoanalyse und Pädagogik
2.1.1.1 Die Klienten
2.1.1.2 Die Methode
2.1.1.3 Das Setting
2.1.2 Das hierarchische Gefälle zwischen Psychoanalyse und Pädagogik
2.1.3 Die Geschichte der psychoanalytischen Pädagogik
2.1.4 Wesenszüge der psychoanalytischen Pädagogik
2.2 Ein aktuelles Beispiel für die mögliche Gestaltung der psychoanalytischen Pädagogik
2.2.1 Die Menschenmodelle
2.2.2 Schlussfolgerungen für die psychoanalytische Pädagogik auf der Grundlage der Menschenmodelle
2.2.3 Die praktische Umsetzung
2.2.3.1 Die Voraussetzungen
2.2.3.2 Die Durchführung
3. Aggressivität: Versuch einer Definition
3.1 Aggressivität gleich Aggression?
3.2 Etymologie des Wortes „Aggression“
3.3 Psychoanalytische Definition des Aggressionsbegriffs
3.4 Aggression und Gewalt – Eine Abgrenzung
4. Historische Entwicklung des Aggressionsbegriffs in der Psychoanalyse
4.1 Freuds Triebtheorie
4.2 Erste Abwandlungen der Triebtheorie
4.3 Ich-Psychologie
4.4 Heinz Kohut und die Selbst- Psychologie
4.5 Die Objektbeziehungstheorie
4.6 Otto F. Kernberg und die moderne Objektbeziehungstheorie
5. Aktuelle psychoanalytische Theorien zur Entstehung von Aggression
5.1 Konstruktive und destruktive Ausdrucksformen der Aggression
5.2 Säuglingsforschung und Aggression
5.2.1 Die motivationalen Systeme
5.2.1.1 Ist eine klare Trennung von Assertion und Aversion möglich?
5.2.2 Die Entwicklung der Aggression in den ersten Lebensmonaten
5.2.3 Die Bedeutung der ersten Beziehungen des Säuglings
5.2.4 Die Entwicklung der Aggressionslust
6. Traditionelle Umgangsformen mit Aggressivität aus Sicht der psychoanalytischen Pädagogik
6.1 Das Konzept der „Milde und Güte“ von August Aichhorn
6.2 Das Konzept der „Kameradschaftlichkeit“ von Siegfried Bernfeld
6.3 Das Konzept der „Gemeinschaft“ von Hans Zullinger
6.4 Das Konzept der „Aufklärung“ von Erik Homburger Erikson
6.5 Das Konzept des „Realitätsprinzips“ von Fritz Redl und David Wineman
6.5.1 Das „Life-Space-Interview“
6.5.1.1 Die Durchführung: Strategien und Techniken
6.6 Das Konzept des „Verstehens“ von Bruno Bettelheim
6.7 Gemeinsamkeiten der vorgestellten Ansätze
7. Aktuelle Überlegungen zum Umgang mit Aggressivität
7.1 Der Klärungsdialog
7.2 Kampfspiele und Körpererfahrung
7.3 Projektive Identifizierung und szenisches Verstehen
7.4 Der fördernde Dialog
7.5 Die Verbindung vom szenischen Verstehen und fördernden Dialog
7.6 Grenzen des Verstehens – Grenzsetzung als Erfordernis einer psychoanalytischen Pädagogik
7.6.1 Was bedeutet Grenzsetzung?
7.6.2 Die psychoanalytische Bedeutung der Grenzsetzung
7.6.3 Grenzsetzungen von kindlichen Erwachsenen für erwachsene Kinder?
7.7 Mehr als nur Grenzen: Die Konfrontation
7.7.1 Ziele der Konfrontationsmethode
7.7.2 Die Durchführung einer Konfrontation
7.7.3 Die Konfrontation als Grenzziehung
7.7.4 Pro und Contra der konfrontativen Methode
8. Konsequenzen für den Umgang mit Aggressivität in der Schule
8.1 Der Anteil der Schule an den Ursachen der Aggressivität
8.1.1 Die Rolle des Lehrers
8.1.2 Bildung von Strukturen
8.1.2.1 Strukturierung von Unterrichtsinhalten
8.2 Die Öffnung der Schule
8.3 Grundsätzliche Probleme der Schule als „Institution“
8.4 Zur Gewaltprävention in Schulen
8.5 Chancen und Grenzen der Schule im Umgang mit Aggressivität
9. Abschließende Bemerkungen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Umgang mit Aggressivität aus der spezifischen Sicht der psychoanalytischen Pädagogik. Das primäre Ziel ist es, ein Verständnis für die Ursprünge und Funktionen aggressiven Verhaltens bei Kindern und Jugendlichen zu entwickeln und davon abgeleitete, psychoanalytisch orientierte pädagogische Handlungsmodelle zu skizzieren, die über rein symptomatische Verhaltenskorrektur hinausgehen.
1. Einleitung
Es ist Abend in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kinderkrankenhaus. Kurz nachdem einige Mitarbeiter mit zwölf Kindern von einem Spaziergang auf die Station zurückkehren, geschieht Folgendes:
Ein 13 jähriger Junge teilt einem der Mitarbeiter mit, dass er vergessen habe, sich eine Schachtel Zigaretten an der Tankstelle zu kaufen. Da er später aber noch eine Zigarette rauchen möchte, fragt er, ob die Möglichkeit bestehe, dass er sich gemeinsam mit einem Mitarbeiter noch mal auf den Weg machen könne, um die Zigaretten zu kaufen. Der Mitarbeiter hält diesbezüglich eine kurze Rücksprache mit seinen Kollegen. Es wird von allen entschieden, die Zigaretten am nächsten Tag zu kaufen, weil an diesem Abend die personelle Besetzung nicht gut sei und somit jeder Mitarbeiter am Abend auf Station bleiben müsse. Der Mitarbeiter geht zu dem Jungen, um ihm diese Entscheidung mitzuteilen. Dieser geht daraufhin in sein Zimmer und knallt laut die Tür zu. Kurz darauf steht er wieder auf dem Flur und verkündet lautstark, jetzt doch zur Tankstelle gehen zu wollen. Als sich ihm ein anderes Kind nähert und ihn fragt, warum er so laut schreie, greift der Junge das Kind an. Er schlägt, tritt und versucht, das Kind zu würgen. Zwei Mitarbeiter erscheinen und können den immer noch schlagenden Jungen von dem Kind trennen. Unter lautem Geschrei und um sich tretend wird der Junge in sein Zimmer gebracht, wo er sich im Gespräch mit einem der Mitarbeiter nur langsam wieder beruhigen kann.
Dieser Vorfall beschreibt eine von vielen Situationen, die ich in meiner Zeit als Mitarbeiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie erlebt habe. Nicht selten kam es vor, dass sich Kinder oder Jugendliche der Station plötzlich „aggressiv“ verhielten. Ihre Handlungen reichten vom Beschimpfen bis zum Schlagen. In solchen Situationen habe ich nicht nur die jeweilige Handlung der Kinder als emotional aufgeladen, bedrohlich und gewaltbereit erlebt, sondern auch bei mir selbst das Anschwellen emotionaler Spannungen gespürt. In der geschilderten Situation habe ich z.B. Wut darüber empfunden, dass der Junge ein unbeteiligtes Kind in die Situation hineinzieht. Aber nicht nur im Rahmen der Kinder- und Jugendpsychiatrie kommt es zu aggressiven Handlungen.
1. Einleitung: Die Einleitung illustriert anhand eines Fallbeispiels aus der psychiatrischen Praxis die Herausforderungen im Umgang mit Aggressivität und legt die Zielsetzung sowie das methodische Vorgehen der Arbeit dar.
2. Die psychoanalytische Pädagogik: Dieses Kapitel definiert die psychoanalytische Pädagogik, beleuchtet deren Geschichte und Wesenszüge sowie die Spannungsfelder zwischen Psychoanalyse und Pädagogik.
3. Aggressivität: Versuch einer Definition: Hier erfolgt eine theoretische Abgrenzung der Begriffe Aggressivität, Aggression und Gewalt sowie eine Herleitung der verschiedenen Begriffsverständnisse.
4. Historische Entwicklung des Aggressionsbegriffs in der Psychoanalyse: Das Kapitel bietet einen historischen Überblick, von Freuds Triebtheorie über die Ich-Psychologie bis hin zur Objektbeziehungstheorie.
5. Aktuelle psychoanalytische Theorien zur Entstehung von Aggression: Hier werden modernere Theorien, wie die der motivationalen Systeme und Erkenntnisse aus der Säuglingsforschung, in Bezug auf die Entstehung von Aggression diskutiert.
6. Traditionelle Umgangsformen mit Aggressivität aus Sicht der psychoanalytischen Pädagogik: Dieser Teil untersucht historische pädagogische Ansätze von Aichhorn, Bernfeld, Zullinger, Erikson, Redl, Wineman und Bettelheim hinsichtlich ihrer Methoden und Haltungen.
7. Aktuelle Überlegungen zum Umgang mit Aggressivität: Das Kapitel stellt moderne Interventionsansätze wie den Klärungsdialog, Kampfspiele, szenisches Verstehen und die Konfrontationsmethode vor.
8. Konsequenzen für den Umgang mit Aggressivität in der Schule: Abschließend werden die praktischen Konsequenzen für Lehrkräfte beleuchtet, insbesondere hinsichtlich Lehrerprofessionalität, Strukturen, Gewaltprävention und der Öffnung der Schule.
Psychoanalytische Pädagogik, Aggressivität, Aggression, Gewalt, Kindheit, Jugendliche, Triebtheorie, Ich-Psychologie, Objektbeziehungstheorie, Frustration, Pädagogik, Erziehung, Grenzsetzung, Konfrontation, Lehrerrolle
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Umgang mit aggressiven Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen aus der theoretischen und praktischen Perspektive der psychoanalytischen Pädagogik.
Die zentralen Themen umfassen die psychoanalytischen Erklärungsmodelle für Aggression, die Geschichte dieser Disziplin und die Entwicklung praktischer Interventionsmethoden im pädagogischen Kontext.
Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für die unbewussten Hintergründe von Aggression zu vermitteln, um pädagogisches Handeln kompetenter, reflektierter und zielgerichteter gestalten zu können.
Es handelt sich um eine theoretische und literarische Aufarbeitung, die verschiedene psychoanalytische Strömungen vergleicht, deren Entwicklung nachzeichnet und in Bezug zur pädagogischen Praxis setzt.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Aggressionstheorien, die Darstellung traditioneller und aktueller pädagogischer Ansätze sowie die Ableitung spezifischer Konsequenzen für den Schulalltag.
Die zentralen Begriffe sind Psychoanalytische Pädagogik, Aggressionslust, szenisches Verstehen, Grenzsetzung, Ich-Funktionen und professionelle Lehrerrolle.
Das „Life-Space-Interview“ ist eine zentrale psychoanalytisch orientierte Methode, die dazu dient, in akuten Krisensituationen gemeinsam mit dem Kind den Vorfall zu rekonstruieren und zu deuten, um so Lernprozesse zu ermöglichen.
Der Autor argumentiert, dass Aggression komplexe, oft unbewusste Hintergründe hat; ein bloßes Unterdrücken oder Bestrafen greife daher zu kurz und könne die zugrundeliegenden Störungen sogar verstärken.
Die Arbeit betont, dass Lehrkräfte ihre eigene psychische Befindlichkeit reflektieren müssen, um als stabile Partner („Container“) für Schüler zu fungieren und nicht selbst in destruktive Übertragungsprozesse verwickelt zu werden.
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