Magisterarbeit, 2002
85 Seiten, Note: 1,0
1.1 Der Gregorius – ein „toter Klassiker“?
1.2 Die höfische Welt im Gregorius
1.3 Familiäre Strukturen
1.4 Zur Vorgehensweise der Untersuchung
2.1 Der adlige Haushalt und die Verwandtschaft
2.2 Der Inzest in der mittelalterlichen Gesellschaft
2.3 Das Kloster als Familie
2.4 Die mittelalterliche Familie in der literarischen Darstellung und der literarhistorischen Forschung
3.1 Der Ödipus-Stoff
3.2 Christliche Inzestlegenden
3.2.1 Die Albanuslegende
3.2.2 Die Judas-Legende
4.1 Inhaltliche Elemente des höfischen Romans
4.2 Strukturelle Elemente des höfischen Romans
4.2.1 Dialoge und Monologe
4.2.2 Motivkorrespondenzen
4.2.3 Das Problem des Doppelwegs
4.3 Legenden-Motive
4.4 Die Stellung von Prolog und Epilog bei der Gattungszuordnung
5.1 Die Raumstruktur
5.2 Die verschiedenen Höfe
5.2.1 Aquitanien I
5.2.1.1 Der Tugendkatalog des Vaters
5.2.1.2 Aquitanien I nach der Geburt des Kindes
5.2.1.3 Bewertung des Hofes durch den Erzähler
5.2.2 Aquitanien II
5.2.3 Der Hof in Rom I
5.2.4 Der Hof in Rom unter Gregorius
5.3 Höfische Elemente
5.3.1 Schönheit
5.3.2 Die Ausbildung zum Ritter
5.3.3 Die Ritterschaft
6.1 Verwandtschaft in La vie du pape saint Grégoire
6.1.1 Aquitanien, das Kloster, der Felsen und das Papsttum
6.2 Herrschaft, Genealogie und Identität in der Adelsgesellschaft des Gregorius
6.3 Das Kloster als Familie des heranwachsenden Gregorius
6.4 Die Inzesthandlungen im Gregorius
6.4.1 Der Geschwisterinzest
6.4.2 Der Mutter-Sohn-Inzest
6.4.3 Der Inzest als Krise des Gesetzes der Unterschiede
6.4.4 Gregorius und Ödipus
6.4.5 Der doppelte Inzest (und die Verheimlichung) als Voraussetzung für die Erwählung
6.4.6 Die Situierung der Inzesthandlungen in der höfischen Welt
6.5 Die Aufhebung der Verwandtschaftsstrukturen als Voraussetzung für die Erwählung?
6.6 Die Rolle der weiblichen Hauptfigur
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung der höfischen Welt im Gregorius von Hartmann von Aue und analysiert deren Bedeutung für den Handlungsverlauf sowie die familiären Strukturen, unter besonderer Berücksichtigung anthropologischer Fragestellungen und der Abgrenzung zur altfranzösischen Vorlage La vie du pape saint Grégoire.
1.1 Der Gregorius – ein „toter Klassiker“?
Der Gregorius Hartmanns von Aue ist vor allem seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder verstärkt in das Blickfeld und Interesse der Forschung gerückt. Hierbei ergaben sich zwei große Schwerpunkte, die die Diskussion zum Gregorius wesentlich geprägt haben.
Untersuchungsgegenstand war zunächst vor allem die Frage nach der Schuld des Protagonisten. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand das Problem, welchen Sinn die so unverhältnismäßig hart erscheinende Buße, die sich Gregorius selbst nach dem Inzest mit seiner Mutter auferlegt, in der Erzählung hat.
Ein weiteres Forschungsgebiet war die Frage der Gattungszugehörigkeit. Hartmanns Quelle ist eine altfranzösische Legende eines unbekannten Dichters, die er vor allem in bezug auf höfische Elemente, wie z.B. das Thema der Ritterschaft, erheblich verändert und ausgearbeitet hat. Diese offensichtliche Verlagerung des Schwerpunktes ließ nun in der Forschung die Frage nach der Gattung aufkommen, denn Hartmann hat mit seinem Gregorius ein Werk geschaffen, das sich keiner der gängigen Gattungen eindeutig zuordnen läßt.
1. Einleitung: Einführung in die Forschungsgeschichte und Zielsetzung der Untersuchung hinsichtlich der höfischen Welt und familiärer Strukturen.
2. Die Familie im Hochmittelalter und die anthropologische Mittelalter-Forschung: Erläuterung des mittelalterlichen Familienbegriffs und der gesellschaftlichen Bedeutung der Abstammungsgemeinschaft.
3. Zur Tradition der Inzest-Thematik in der Literatur: Darstellung literarischer Vorbilder wie Ödipus sowie christlicher Legendenstoffe und deren Rezeption.
4. Zur Gattungsfrage des Gregorius: Diskussion der Ambivalenz zwischen Legendendichtung und höfischem Roman bei der Einordnung des Werkes.
5. Die höfische Welt im Gregorius: Analyse der räumlichen Aufteilung und Darstellung der verschiedenen Höfe als Orte höfischer Tugend und deren Defizite.
6. Verwandtschaftsverhältnisse und Familie im Gregorius und in der Vorlage: Detaillierte Untersuchung der Inzest-Thematik und deren Bedeutung für die genealogische Ordnung und Identität.
Gregorius, Hartmann von Aue, höfische Welt, mittelalterliche Familie, Inzest, Gattungsfrage, Ritterschaft, Anthropologie, Legende, höfischer Roman, Buße, Schuld, Identität, Adelsgesellschaft, strukturanthropologische Forschung.
Die Hausarbeit befasst sich mit der Darstellung der höfischen Welt im Gregorius von Hartmann von Aue und hinterfragt, wie diese den Handlungsverlauf und die familiären Strukturen des Werkes beeinflusst.
Die zentralen Themen sind die familiären Strukturen des Adels, die Bedeutung des Inzest-Motivs, das Spannungsfeld zwischen höfischer Kultur und geistlicher Bußpraxis sowie die Gattungsbestimmung des Werkes.
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, welche Bedeutung die besonderen familiären Strukturen im Gregorius für die Erzählung haben und wie sich diese von der altfranzösischen Vorlage unterscheiden.
Die Arbeit nutzt strukturanthropologische und literarhistorische Ansätze, um den Text im Horizont der mittelalterlichen Adelskultur und der zeitgenössischen Forschung zu interpretieren.
Im Hauptteil werden unter anderem der adlige Haushalt, die Inzest-Thematik, die Rolle der Mutter sowie die Ausbildung zum Ritter und die verschiedenen Schauplätze (Höfe, Kloster) analysiert.
Kernbegriffe sind Gregorius, höfische Welt, Inzest, mittelalterliche Adelsfamilie, Gattungsfrage und geistliche Vaterschaft.
Die Arbeit argumentiert, dass der doppelte Inzest zwar eine genealogische Katastrophe darstellt, aber gleichzeitig eine notwendige Voraussetzung für die Radikalität der Buße und die daraus resultierende Erwählung Gregorius' zum Papst ist.
Hartmann erweitert seine Vorlage insbesondere durch den Fokus auf ritterliche Elemente und die Psychologisierung der Figuren, während die französische Quelle den Gegensatz zwischen natürlicher und spiritueller Verwandtschaft stärker betont.
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