Bachelorarbeit, 2019
37 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Schriftsteller als Geschichtsschreiber – Hans Magnus Enzensberger
3. Heiner Müllers Geschichtsphilosophie
3.1 Autobiographische Wurzeln
3.2 Der Einfluss Walter Benjamins
3.3 Ernst Blochs Utopie bei Heiner Müller
4. Müllers Dramenkonzeption
4.1 Ein postmodernes Drama?
4.2 Exkurs: Das Müllersche Vorbild – Bertolt Brecht
5. Deskriptive Analyse
5.1 Struktur
5.2 Sprache
6. Inhaltliche Analyse
6.1 Motiv der Totenbeschwörung
6.2 Anachronismus
6.3 Intertextualität
6.4 Das Motiv der Gewalt
6.5 Das Deutschlandmotiv
7. Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Geschichtsdrama Germania Tod in Berlin von Heiner Müller. Ziel ist die Analyse der literarischen Techniken und geschichtsphilosophischen Konzepte, durch die Müller die deutsche Geschichte als ein Panoptikum von Katastrophen und Gewalterfahrungen darstellt und dabei den Zuschauer zu einer aktiven, kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zwingt.
3.1 Autobiographische Wurzeln
Eine Analyse von Müllers Dramaturgie-Konzeption in Germania Tod in Berlin kann bezüglich seiner Geschichtsauffassung jedoch nur dann Erkenntnisse offenbaren, wenn zuvor auch seine spezielle Denkweise, die als Grundlage seines literarischen Schaffens diente, umrissen werden konnte. Hierzu hilft zunächst ein Blick auf den biographischen Hintergrund seiner Person sowie auf einige geschichtsphilosophische Gedankengänge von Walter Benjamin und Ernst Bloch, an denen sich Müller orientierte und welche er in sein literarisches Geschichtsbild einbaute.
Von Beginn an war die Thematik der Geschichtsbewältigung zentral für Müllers Schaffensperiode. Waren sie in seinen früheren Werken noch geprägt vom sozialistischen Realismus, der sich mit den Härten und Umbrüchen der Alltagswirklichkeit der Nachkriegszeit befasste, widmete er sich nach der Eskalation um seine 1961 uraufgeführte Komödie Die Umsiedlerin und dem anschließenden Ausschluss aus dem Schriftstellerbund der DDR in den 60er-Jahren vermehrt der Adaption von Texten aus der Antike oder von Shakespeare, wie den Stücken Philoktet und Die Hamletmaschine, zu. Erst mit Germania Tod in Berlin kehrte Müller 1971 zu einem seiner Hauptaspekte zurück: Der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, in der Müller einen roten Faden der kontinuierlichen Gewaltexzesse und katastrophalen Entwicklungen herauskristallisiert. Besonders deutlich wird an diesem Stück, dass Müller den Faschismus der Jahre 1933 bis 1945 hierbei nicht als Endpunkt dieser Entwicklung betrachtet, sondern auch die Nachkriegsereignisse als Fortsetzung dieser Unglücksgeschichte zeichnet.
1. Einleitung: Stellt das Forschungsinteresse sowie die Rolle des Schriftstellers als Geschichtsschreiber im Kontext von Enzensberger und Müller vor.
2. Schriftsteller als Geschichtsschreiber – Hans Magnus Enzensberger: Diskutiert die Gegenüberstellung von historischer Faktenorientierung und literarischer Deutungshoheit am Beispiel von Golo Mann und Alfred Döblin.
3. Heiner Müllers Geschichtsphilosophie: Erörtert die biographischen Prägungen Müllers sowie seinen theoretischen Rückgriff auf Walter Benjamin und Ernst Bloch.
4. Müllers Dramenkonzeption: Analysiert Müllers Abkehr vom klassischen Drama und die damit verbundene bewusste Distanzierung zu Brechts Lehrstück-Tradition.
5. Deskriptive Analyse: Beleuchtet die szenische Struktur und die extreme, auf Schockwirkung ausgerichtete Sprachgestaltung des Stücks.
6. Inhaltliche Analyse: Untersucht systematisch die zentralen Motive wie Totenbeschwörung, Anachronismus, Gewalt, Intertextualität sowie das Bild Deutschlands im Drama.
7. Fazit: Führt die Analyseergebnisse zusammen und begründet Müllers Inszenierung der deutschen Geschichte als bewusste Provokation zur kritischen Selbstreflexion.
Heiner Müller, Germania Tod in Berlin, Geschichtsphilosophie, Walter Benjamin, Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Postmoderne, Dramaturgie, Totenbeschwörung, Gewaltmotiv, Deutschlandbild, Vergangenheitsbewältigung, literarische Archäologie, Anachronismus, Intertextualität.
Die Arbeit analysiert das Drama Germania Tod in Berlin von Heiner Müller und beleuchtet, wie der Autor durch spezifische literarische Techniken und geschichtsphilosophische Bezüge eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte provoziert.
Zu den Hauptthemen zählen die Vergangenheitsbewältigung, die Kontinuität von Gewalt in der Historie und die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Narrativen von der Antike bis in die DDR-Zeit.
Ziel ist es, Müllers Intention hinter der „Poetik des Schocks“ zu verstehen und aufzuzeigen, wie er den Rezipienten durch ein „offenes Denken“ zur kritischen Reflexion über Geschichte anregt.
Die Arbeit stützt sich maßgeblich auf die Geschichtsphilosophien von Walter Benjamin (z.B. der „Engel der Geschichte“) und Ernst Bloch (Prinzip Hoffnung) sowie auf die Theaterkonzeptionen von Bertolt Brecht.
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit zentralen Stilmitteln wie Anachronismus, Intertextualität und einer gewaltgeladenen Sprache, die gemeinsam das Bild einer in Katastrophen verstrickten deutschen Bevölkerung zeichnen.
Wichtige Begriffe sind u.a. literarische Archäologie, Doppelbildstruktur, Katastrophismus, dekonstruktivistische Dramaturgie und die Subjektivierung der Geschichtsauffassung.
Durch die Montage zeitlich weit entfernter Ereignisse, die sich in ihrer Struktur ähneln, möchte Müller verdeutlichen, dass Geschichte nicht linear verläuft, sondern in einem ständigen, oft gewaltvollen Wiederholungszwang gefangen bleibt.
Während Brecht durch sein Theater explizit zur Erkenntnis und Meinungsbildung beitragen wollte, verweigert Müller geschlossene Antworten und setzt stattdessen auf Verstörung und die Provokation der eigenen Urteilskraft des Zuschauers.
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