Masterarbeit, 2009
52 Seiten, Note: 1.0
1. Einleitung
2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Zur Terminologie des Märchens
2.2 Ursprüngliche Funktion des Märchens
2.3 Das Volksmärchen
2.4 Charakteristische Merkmale des Märchens
2.4.1 Eindimensionalität (Verhältnis zum Numinosen)
2.4.2 Flächenhaftigkeit
2.4.3 Abstraktheit
2.4.4 Isolation und Allverbundenheit
2.4.5 Sublimation und Welthaltigkeit
3. Grausamkeiten im Volksmärchen
3.1 Definitonsversuche des Begriffs Grausamkeit
3.2 Konkrete Beispiele physischer und psychischer Grausamkeiten im Volksmärchen
3.3 Die Frage nach dem Wirklichkeitsbezug von Märchengrausamkeiten
4. Untersuchung
4.1 Methodische Vorgehensweise
4.2 Inhaltsangabe Hänsel und Gretel
4.3 Auflistung der Grausamkeiten in Hänsel und Gretel
4.3.1 Andeutung körperliche Grausamkeiten
4.3.2 Umsetzung körperlicher Grausamkeiten
4.3.3 Andeutung seelischer Grausamkeiten
4.3.4 Umsetzung seelischer Grausamkeiten
4.4 Vorstellung des untersuchten Materials
4.5 Analyse und Interpretation der Bilder
4.6 Wiedergabe der Einzelgespräche
4.7 Zusammenfassung der Einzelgespräche
5. Auswertung
5.1 Analyse und Interpretation der Einzelgespräche
6. Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren die im Volksmärchen "Hänsel und Gretel" dargestellten physischen und psychischen Grausamkeiten wahrnehmen und verarbeiten. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob diese Grausamkeiten bei Kindern Ängste erzeugen, sie zu eigenen brutalen Handlungen verleiten oder ob sie aufgrund der märchenhaften Erzählstruktur von den Kindern als Teil einer notwendigen, gerechten Entwicklungshilfe wahrgenommen werden.
3.2 Konkrete Beispiele physischer und psychischer Grausamkeiten im Volksmärchen
Obwohl die Gebrüder Grimm, wie bereits in Kapitel 2.2 erwähnt, ihre weiteren Ausgaben der KHM verharmlost und verkindlicht haben, finden sich trotzdem in sehr vielen ihrer Volksmärchen diverse Schilderungen von Grausamkeiten. Als Begründung dafür führen sie die Überlieferungstreue an, da „die grausamen Züge […] eine wichtige Seite der Volksüberlieferung dar[stellen]“ (Grimm, zitiert nach Röhrich/1964; S. 124). Im Folgenden habe ich versucht, eine grobe Einteilung der in den Grimmschen Volksmärchen geschilderten Grausamkeiten vorzunehmen. Hierbei unterscheide ich zwischen psychischen (seelischen) und physischen (körperlichen) Grausamkeiten.
Interessant scheint mir an dieser Stelle zu sein, dass es in den Märchen der Gebrüder Grimm eigentlich keine psychische Gewalt stattfindet, die ihren Ausdruck nicht auch in physischer Gewalt findet!
Diese werden nun durch Beispiele aus den verschiedensten Grimmschen Volksmärchen vorgestellt.
Die folgenden konkreten Beispiele physischer (körperlicher) Grausamkeiten sind in fast jedem Grimmschen Märchen zu finden.
Verbrennen (Hänsel und Gretel, KHM 15): Gretel schubst die Hexe in den brennenden Ofen.
„Nun fing die Alte an in dem heißen Backofen zu schreien und zu jammern, Gretel aber lief fort und sie mußte elendiglich verbrennen. [sic!]“
Vergiften (Sneewittchen, KHM 53): Die böse Stiefmutter vergiftet einen Apfel, den sie Schneewittchen zu Essen gibt.
„Sneewittchen lusterte den schönen Apfel an, und als es sah, dass die Bäuerin davon ass, so konnte es nicht länger widerstehen, streckte die Hand hinaus und nahm die giftige Hälfte. Kaum aber hatte es einen Bissen davon im Mund, so fiel es tot zur Erde nieder. [sic!]“
Aufschneiden (Rotkäppchen, KHM 26): Der Jäger schneidet dem schlafenden Wolf den Bauch auf.
1. Einleitung: Einführung in die Kontroverse um das Märchen und Formulierung der Forschungsfrage zur kindlichen Wahrnehmung von Grausamkeiten.
2. Theoretischer Hintergrund: Darstellung der Terminologie, Geschichte und charakteristischen Merkmale des Volksmärchens nach Max Lüthi.
3. Grausamkeiten im Volksmärchen: Definition des Grausamkeitsbegriffs und Analyse von Beispielen sowie deren Bezug zur historischen Wirklichkeit.
4. Untersuchung: Beschreibung der methodischen Durchführung, Inhaltsangabe von "Hänsel und Gretel" sowie Vorstellung und Interpretation der Kinderbilder und Einzelgespräche.
5. Auswertung: Synthese der Ergebnisse unter Bezugnahme auf die psychologischen Theorien von Bruno Bettelheim.
6. Fazit: Zusammenfassende Antwort auf die Forschungsfrage mit dem Ergebnis, dass Märchen trotz Grausamkeiten als Entwicklungshilfe dienen und von Kindern meist als positiv und gerecht empfunden werden.
Hänsel und Gretel, Gebrüder Grimm, Volksmärchen, Grausamkeit, Kinder, Wahrnehmung, Angst, Entwicklungspsychologie, Märchenanalyse, physische Gewalt, psychische Gewalt, Bruno Bettelheim, Max Lüthi, Interpretation, Pädagogik
Die Arbeit untersucht die kindliche Wahrnehmung von grausamen Elementen in den Märchen der Gebrüder Grimm, speziell am Beispiel von "Hänsel und Gretel".
Im Zentrum stehen die Unterscheidung von physischer und psychischer Grausamkeit, die historische Einordnung dieser Motive und die psychologische Verarbeitung solcher Themen durch Kinder.
Die Autorin geht der Frage nach, ob Kinder durch die im Märchen dargestellte Gewalt Angst entwickeln, zu Brutalität angeregt werden oder ob die Geschichten sie in ihrer Entwicklung unterstützen.
Es wurde eine empirische Untersuchung mit sechs Kindergartenkindern durchgeführt, die das Märchen zunächst bildlich darstellten und anschließend in Einzelgesprächen dazu befragt wurden.
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil über Volksmärchen, eine begriffliche und inhaltliche Analyse von Märchengrausamkeiten sowie den praktischen Teil der Untersuchung inklusive Bildanalyse.
Die Untersuchung ist geprägt durch die Begriffe Märchenforschung, kindliche Rezeption, Grausamkeit, Angstbewältigung und die psychologischen Ansätze von Bruno Bettelheim.
Die Kinder identifizieren die Stiefmutter häufig als zentrale böse Instanz, schreiben ihr die Verantwortung für das Aussetzen der Kinder zu und bewerten ihr Verhalten als "gemein" oder "böse".
Entgegen der moralischen Bewertung durch Erwachsene empfinden die Kinder keinerlei Mitleid mit der Hexe; sie betrachten deren Verbrennen als gerechte Strafe, die notwendig war, um Hänsel und Gretel zu retten.
Die Analyse zeigt, dass Vorerfahrungen durch Medien, wie Fernsehverfilmungen, die Angstintensität steigern können, da diese visuell "schrecklichere" Bilder liefern als das reine Vorlesen.
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