Magisterarbeit, 2008
68 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
1.1.Zum Aufbau dieser Arbeit
1.2.Zu Forschungsstand und Literaturlage
2. Akrasia – Abgrenzung und Hinführung
2.1.Abgrenzung
2.2.Zur Position des Sokrates
2.3.Zur Handlungstheorie des Aristoteles
2.4.Gegenstandsbereich der akrasia
3. Wissen und Handeln des akratēs
3.1.Meinungen und Aporien
3.2.Arten des Wissens
3.3.Syllogismen
3.4.Arten der akrasia und ihre ‚Heilbarkeit‘
4. Über Aristoteles hinaus
4.1.Kritik an der aristotelischen Untersuchung der akrasia
4.2.Donald Davidson über Willensschwäche
5. Zusammenfassung
Die vorliegende Magisterarbeit untersucht das Phänomen der Akrasia (Willensschwäche) im siebenten Buch der aristotelischen Nikomachischen Ethik und analysiert kritisch, wie Aristoteles das Handeln wider besseres Wissen handlungstheoretisch begründet und einordnet.
2.1. Abgrenzung
Im siebenten Buch der Nikomachischen Ethik hält es Aristoteles für notwendig, „einen neuen Anfang“ zu machen und schließt damit die Betrachtung der dianoetischen und ethischen Tugenden ab. Er knüpft damit auch an die Ankündigung des vierten Buches an, sich mit charakterlichen Haltungen auseinandersetzen zu wollen, die weder als tugendhaft noch schlecht im Sinne des Unterscheidungsmodells aretē/kakia zu verstehen sind. Zu diesen in Buch IV genannten Mischformen gehört nach Aristoteles neben der Scham (aidos) auch die Beherrschtheit (enkrateia). Beiden gemeinsam ist, dass sie sich ausschließlich negativ definieren lassen. So setzt einerseits die Schamempfindung eine schamhafte Handlung voraus, andererseits muss hinsichtlich der enkrateia ein unvernünftiges Maß an Begierden vorhanden sein, das es zu beherrschen gilt. Folglich lassen sich weder Scham noch Beherrschtheit dem tugendhaften Menschen zuordnen, da dieser keine Handlungen ausführt, derer er sich schämen müsste beziehungsweise die Begierden gemäß der Besonnenheit (sōphrōsyne) bereits im rechten Maß besitzt.
Da die Scham in Buch IV bereits ausführlich besprochen wurde, erwähnt Aristoteles sie im siebenten Buch nicht gesondert, sondern konzentriert sich vornehmlich auf das Gegensatzpaar Beherrschtheit/Unbeherrschtheit (enkrateia/akrasia). Darüber hinaus nennt Aristoteles zwei weitere Verhaltensarten, die sich der Unterscheidung zwischen aretē und kakia entziehen. Diese führt er unter den Bezeichnungen tierische Rohheit (thēriotēs) beziehungsweise übermenschliche Tugend als drittes Gegensatzpaar ein und erläutert in verhältnismäßig knapper Darstellung die grundsätzliche Differenz der thēriotēs und ihres Gegenteils zu menschlicher Tugend oder Schlechtigkeit. So könne ein Mensch, der „aufgrund eines Übermaßes an Gutheit“ den Göttern ähneln scheint, nicht an menschlichen Kriterien gemessen werden, sondern bedürfe der Kategorien, innerhalb derer sich auch göttliches Handeln bewerten lasse. Ebenso sei ein ‚vertierter Mensch‘ nach Maßstäben zu beurteilen, die auch an Tiere anzulegen seien. Trotz dieser offensichtlichen Gegensätzlichkeit von göttlichem und tierischem Verhalten ist beiden Arten gemeinsam, dass sie weder über eine ethische Grundhaltung (hexis) verfügen, noch eine solche benötigen.
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Phänomen der Akrasia als handlungstheoretisches Problem ein und skizziert den Aufbau der Untersuchung sowie den Forschungsstand.
2. Akrasia – Abgrenzung und Hinführung: Das Kapitel grenzt die Akrasia von verwandten Haltungen wie Scham, Besonnenheit und Zügellosigkeit ab, beleuchtet die sokratische Position und führt die aristotelische Handlungstheorie ein.
3. Wissen und Handeln des akratēs: Hier werden die Rollen von Wissen, Meinungen und praktischen Syllogismen im Kontext von Akrasia analysiert, um zu erklären, wie Handeln wider besseres Wissen möglich ist.
4. Über Aristoteles hinaus: Dieses Kapitel behandelt die moderne Kritik an der aristotelischen Untersuchung der Akrasia und stellt die Theorie Donald Davidsons zur Willensschwäche gegenüber.
5. Zusammenfassung: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zur aristotelischen Analyse der Akrasia zusammen und reflektiert die Stärken sowie Grenzen des aristotelischen Erklärungsmodells.
6. Anhang: Der Anhang enthält Quellentexte, ein Glossar der griechischen Begriffe sowie die Verzeichnisse der verwendeten Literatur.
Akrasia, Willensschwäche, Aristoteles, Nikomachische Ethik, Handlungstheorie, Enkrateia, Prohairesis, Phronesis, praktischer Syllogismus, Sokrates, Vernunft, Begierde, Hexis, Donald Davidson, Handlungsphilosophie
Die Arbeit untersucht das aristotelische Konzept der Akrasia (Unbeherrschtheit oder Willensschwäche), bei der ein Mensch entgegen seinem besseren Wissen oder Vorsatz handelt.
Zentrale Themen sind die handlungstheoretische Verortung von Akrasia bei Aristoteles, die Rolle des Wissensbesitzes im Moment der Handlung und das Verhältnis zwischen vernünftigen Vorsätzen und affektiven Begierden.
Ziel ist es, die aristotelische Analyse der Akrasia kritisch darzustellen und zu klären, wie Aristoteles das Phänomen des Handelns wider besseres Wissen innerhalb seines eigenen Systems, insbesondere durch die Unterscheidung verschiedener Wissensarten, zu erklären versucht.
Die Arbeit nutzt eine philologische und systematische Textanalyse der Nikomachischen Ethik, ergänzt durch einen Vergleich mit dem sokratischen Dialog Protagoras und modernen Interpretationen (z.B. Donald Davidson).
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Abgrenzung der Akrasia von anderen Haltungen, eine tiefgehende Analyse der Syllogismen als Erklärungsmodell für das Versagen der Vernunft und eine Diskussion der Möglichkeiten, diese Handlungsweise zu heilen.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Akrasia, Willensschwäche, Prohairesis, Handlungstheorie, praktischer Syllogismus und Phronesis charakterisieren.
Aristoteles differenziert vor allem zwischen der Akrasia aus Voreiligkeit und der Akrasia aus Schwäche.
Überraschenderweise hält Aristoteles die Akrasia für heilbarer als die Zügellosigkeit, da der Unbeherrschte im Gegensatz zum Zügellosen sein Handeln später als falsch erkennt und Reue empfindet.
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