Magisterarbeit, 2006
107 Seiten, Note: 1,3
1 Vorbemerkungen
1.1 Einleitung
1.2 Forschungsstand
1.3 Problemstellung
2 Theoretischer Rahmen
2.1 Das Verhältnis von Liberalismus, Bürgertum und Geschlechterverhältnissen
2.2 Liberale Konzeptionen bei John Locke und Immanuel Kant
2.2.1 Kant und das Verhältnis zwischen Freiheit und Verantwortung
2.2.2 Lockes und Kants Bedeutung für den Liberalismus
2.3 Liberalismus
2.3.1 Die Prinzipien des Liberalismus
2.4 Folgeerscheinungen: Die Industrielle Revolution
2.4.1 Die Bedeutung des Bank- und Finanzwesens
2.4.2 Liberalismus und industrielle Entwicklung in Norwegen
2.5 Die soziale Bedeutung des Liberalismus
2.5.1 Die Rolle des Bürgertums im 19. Jahrhundert
2.5.2 Bürgerliche Geschlechterverhältnisse
2.5.3 Öffentliche und private Sphäre
3 Methode
4 Analyse
4.1 Liberales Gedankengut und liberalstaatliche Zustände in John Gabriel Borkman
4.1.1 Das Scheitern des Kantischen Liberalismus
4.1.2 Der Aufstieg des empirischen Liberalismus
4.1.3 Liberalstaatliche Zustände
4.1.4 Das Dilemma des Liberalismus
4.1.5 Die internationale Bedeutung Englands
4.2 John Gabriel Borkman im bürgerlichen Kontext des 19. Jahrhunderts
4.2.1 Das Bürgertum
4.2.2 Bürgerliche Wertvorstellungen
4.2.3 Bürgerliche Ideologie
4.3 Geschlechterverhältnisse in John Gabriel Borkman
4.3.1 Das Verhältnis von Patriarchat und Liberalismus
4.3.2 Alternative Konzepte der Selbstverwirklichung und des Geschlechterverhältnisses
4.3.3 Die Bewertung der Geschlechterverhältnisse im klassischen Liberalismus
4.3.4 Einflüsse öffentlicher Strukturen auf bürgerliche Geschlechterverhältnisse
4.4 Ausblick: Das Versagen des Liberalismus
5 Fazit
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Henrik Ibsens Drama "John Gabriel Borkman" im gesamtgesellschaftlichen Kontext des 19. Jahrhunderts zu analysieren, um das Verhalten der Protagonisten als Reflexion zeitgenössischer Ideologien und Machtstrukturen zu verstehen. Dabei wird insbesondere untersucht, wie sich die liberalen Theorien, die Rolle des aufstrebenden Bürgertums und die restriktiven Geschlechterverhältnisse in den Handlungsweisen und den tragischen Scheitern der Charaktere widerspiegeln.
4.1.1 Das Scheitern des Kantischen Liberalismus
Kants Forderung einer Freiheitsauffassung mit Bindung an eine soziale Verantwortung und der Ersatz der Glückseligkeitsethik durch eine Pflichtethik erfuhr in den Jahrzehnten vor und nach der Wende zum 19. Jahrhundert eine enorme Popularität. Kant forderte die Pflicht zur Selbstüberprüfung nach den Kriterien des Kategorischen Imperativs und Selbstbeschränkung der individuellen Freiheit, Neigungen und Affekte zur Schaffung einer höheren, gemeinschaftlicheren Moral und Kultur.99 Der konkreteste Beweis für Kants gesellschaftlichen Einfluss lässt sich in der richtungsweisenden Erklärung der Französischen Bürgerrechte auftun.
Doch genau an dieser Stelle beginnt der Zerfall von Kants Wertvorstellungen. Die Französische Revolution hatte eine Terrorherrschaft zur Folge, denn die bürgerliche Freiheit offenbarte sich nicht in Toleranz, sondern Maßlosigkeit. Eines der neuerschaffenen bürgerlichen Grundrechte, das Recht auf Eigentum, wurde unter Napoleons Herrschaft zur Rechtfertigung von Terror, in Form der französischen Angriffskriege, herangezogen. Ähnlich verhielt es sich mit dem Freiheitsbegriff. Napoleon erklärte seine Eroberungen im Namen der Befreiung der Völker und seines Kreuzzugs für die Freiheit.100
Auch bei Borkman finden wir das Motiv der Befreiung als Rechtfertigung für persönliche Interessen. Zunächst richtet Borkman seine Befreiungsambitionen auf eine Kindheitserinnerung, die von Borkmans Vater, einem Bergarbeiter, erzählt, der ihn ab und zu in die Grube mitnahm:
Borkman. [...] Der nede synger malmen.
Frida. Ja så, - synger den?
Borkman (nikker). Når den blir løsnet. Hammerslagene, som løsner den, - det er midnattsklokken, som slår, og gjør den fri. Derfor synger malmen – av glede – på sin vis. (204)101
Vorbemerkungen: Einführung in die Thematik und Einordnung des Dramas in den zeitgenössischen Forschungskontext.
Theoretischer Rahmen: Darstellung der liberalen Grundlagen durch Locke und Kant sowie die Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen wie der industriellen Revolution.
Methode: Erläuterung der literaturwissenschaftlichen und historisch-kontextuellen Herangehensweise zur Deutung des Dramas.
Analyse: Untersuchung des Verhältnisses von Liberalismus, bürgerlicher Ideologie und Geschlechterverhältnissen in Bezug auf die Charaktere des Dramas.
Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Bestätigung des Dramas als Spiegel sozialer und ökonomischer Widersprüche des 19. Jahrhunderts.
Henrik Ibsen, John Gabriel Borkman, Liberalismus, Bürgertum, Industrielle Revolution, Geschlechterverhältnisse, John Locke, Immanuel Kant, Macht, Eigentum, öffentliche Sphäre, private Sphäre, Patriarchat, Kapitalismus, Freiheit.
Die Arbeit analysiert das Ibsen-Drama "John Gabriel Borkman" als Spiegelbild der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ideologischen Umbrüche des 19. Jahrhunderts unter Berücksichtigung liberaler Theorien.
Im Zentrum stehen der Liberalismus als herrschende Ideologie, die Rolle und das Selbstverständnis des Bürgertums sowie die starren Geschlechterverhältnisse und die strikte Trennung von privater und öffentlicher Sphäre.
Das Ziel ist es, die Handlungsweisen der Protagonisten aus ihrem historischen und soziologischen Kontext heraus zu erklären und zu untersuchen, inwiefern das Drama als Kritik am liberalen Fortschrittsglauben verstanden werden kann.
Die Analyse stützt sich auf eine kontextuelle Methode in Anlehnung an den "New Historicism", wobei literarische Texte als historische Dokumente verstanden werden, die mit zeitgenössischen philosophischen und soziologischen Theorien verknüpft werden.
Der Hauptteil gliedert sich in eine liberaltheoretische Analyse, die Untersuchung des bürgerlichen Kontexts im 19. Jahrhundert sowie die kritische Auseinandersetzung mit der patriarchalen Geschlechterordnung im Drama.
Die wesentlichen Begriffe sind Liberalismus, Bürgertum, Industrialisierung, Patriarchat, Macht, Kapitalismus und die philosophischen Ansätze von John Locke und Immanuel Kant.
Borkman verkörpert als gescheiterter Bankier das Dilemma der norwegischen Industrialisierung, in der ökonomische Ambitionen und der Wunsch nach privater und öffentlicher Macht auf ein unterentwickeltes Finanzsystem trafen.
Die weiblichen Figuren (Gunhild und Ella) werden als Gefangene eines patriarchalischen Systems dargestellt, die ihre eigene Identität fast ausschließlich über den Mann definieren, während Fanny Wilton als einzige eine Emanzipation andeutet.
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