Examensarbeit, 1996
112 Seiten, Note: 1,0
I Einführung
1. Einleitung
1.1 Bildungs- und Erziehungsdenken in den "Wanderjahren"
1.2 Bildung und Erziehung im Leben des Dichters
2. Bildung versus Erziehung
3. Überlegungen zur Methode
4. Goethe als Wissenschaftstheoretiker und systematischer Denker
II Bildung
1. WMW im Umbruch der Zeiten
2. Bildung als Funktion der Gemeinschaft
2.1 Der Auswandererbund
3. Formale und inhaltliche Bildung
3.1 Der Lebensberuf
4. Entelechie
4.1 Biologisierung des Humanen
4.2 Dämon
4.3 Tyche
5. Wilhelm
5.1 Methoden
5.1.1 Die Wanderung
5.1.2 Stationen
5.1.2.1 Ordnungen und Sittlichkeit
5.1.2.2 Erfolge
5.1.3 Bildsamkeit
5.2 Entsagung
5.2.1 Begrenzungen
5.2.2 Zufälle
5.3 Tätigkeit
5.3.1 Tat und Sittlichkeit
5.3.2 Tat und Sinn
5.3.3 Weg und Ziel
5.4 Entsprechungen
5.4.1 Schranken
5.4.2 Streben und Wirkung
III Die pädagogische Provinz
1. Ehrfurcht
1.1 Oben
1.2 Unten
1.3 Mitte
2. Stufen
2.1 Imagination
2.2 Symbole
2.3 Befreiung im Denken
2.4 Die oberste Ehrfurcht
3. Die Pädagogische Provinz im Kontext des Romans
4. Erziehung
4.1 Formen
4.1.1 Die Lehrer
4.1.1.1 Lehrer und Lehre
4.1.1.2 Übertragungen von der Lehre auf die Lehrer
4.1.2 Der Aufbau des Internats
4.2 Erziehungsstil
4.3 Sittlichkeitserziehung
4.3.1 Funktion der Gebärden
4.4 Individualerziehung und Anlage
4.5 Berufspädagogik
4.5.1 Kunsterziehung als Berufserziehung
4.6 Ökonomische Elementarerziehung
4.6.1 Schulische Elementarerziehung
4.7 Vorbilder
4.7.1 Goethe und Pestalozzi
IV Schlußbetrachtung
Die Arbeit untersucht das Bildungsdenken in Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre" vor dem Hintergrund der historischen Umbrüche des frühen 19. Jahrhunderts. Ziel ist es, die spezifische Konzeption von Bildung als Teil einer gesellschaftlichen Ordnung sowie die anthropologischen Voraussetzungen für das individuelle Streben zu erörtern.
1.1 Bildungs- und Erziehungsdenken in den „Wanderjahren“
Dieses Ergebnis nun ist freilich nicht ohne weiteres auf den zwar inhaltlich verwandten, strukturell aber ganz unterschiedlichen, mehr als dreißig Jahre später erschienenen Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden“ (zitiert im folgenden: WMW), übertragbar. Auf den ersten Blick bereits unterscheiden sich die WMW von den „Lehrjahren“ in wesentlichen Aspekten. Als Alterswerk Goethes sind sie durchaus den Stimmungen des aufkommenden Maschinenzeitalters bzw. der beginnenden industriellen Revolution verpflichtet. Diese einschneidenden politischen, ökonomischen und sozialen Veränderungen, die Abkehr vom „ancien regime“, sah der Dichter, wie Flitner überzeugend darlegt, am Ende seines Lebens voraus.
Bastian ist in diesem Zusammenhang gar der Ansicht, daß Goethes Altersroman bzw. die dort verhandelten Beschreibungen der geplanten Binnenkolonisation, als „die erste literarische Diskussion der industriellen Revolution“ gelten können. Die bereits in den „Lehrjahren“ anklingenden Motive der Ausbildung des Menschen zwecks Nutzbarwerdung für die Gemeinschaft werden daher in WMW aufgegriffen und erfahren hier eine weitaus stärkere Akzentuierung. Kannten die „Lehrjahre“ durchaus noch den Gedanken der vielseitigen geistigen Entfaltung, des Probierens und der heilsamen Wirkung von Irrwegen, um den Einzelnen zu einer letztendlich wünschbaren Bestimmung zu führen, steht in WMW die Funktion des Individuums als einzelnes, nützliches und dienendes Bestandteil einer großen Gemeinschaft im Vordergrund.
I Einführung: Erörtert grundlegend den Bildungsbegriff Goethes und stellt die methodischen Weichen für die Analyse der "Wanderjahre".
II Bildung: Analysiert zentrale Konzepte wie Entelechie, das Verhältnis zur Gemeinschaft und die spezifischen Methoden wie Wandern und Entsagung im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen.
III Die pädagogische Provinz: Untersucht die "Pädagogische Provinz" als konkreten Erziehungsraum, ihre hierarchischen Strukturen sowie die zentrale Rolle der Ehrfurcht als erzieherisches Leitprinzip.
IV Schlußbetrachtung: Reflektiert kritisch über die Übertragbarkeit der Goetheschen Pädagogik und deren Bedeutung für die moderne Bildungstheorie.
Wilhelm Meisters Wanderjahre, Bildung, Erziehung, Johann Wolfgang von Goethe, Entelechie, Pädagogische Provinz, Entsagung, Ehrfurcht, Gemeinschaft, Individualität, Berufspädagogik, Industrialisierung, Bildungsroman, Metamorphose.
Die Arbeit analysiert den Bildungsbegriff in Goethes Spätwerk "Wilhelm Meisters Wanderjahre" und dessen Bezug zu gesellschaftspolitischen Entwicklungen der Zeit.
Im Zentrum stehen die Konzepte der Bildung, Erziehung, Entsagung sowie das Verhältnis des Individuums zur Gemeinschaft.
Ziel ist es, die pädagogischen Ideen in den "Wanderjahren" zu systematisieren und ihren Stellenwert für das Verständnis des Goetheschen Bildungsbegriffs herauszuarbeiten.
Die Untersuchung nutzt eine werkimmanente Analyse, ergänzt durch kulturhistorische und forschungsliteraturbezogene Einordnungen.
Der Hauptteil behandelt die theoretische Fundierung des Bildungsbegriffs (z.B. Entelechie) sowie die konkrete pädagogische Praxis in der "Pädagogischen Provinz".
Wesentliche Begriffe sind Entelechie, Ehrfurcht, Entsagung, Individualität und das Verhältnis von Denken und Tun.
Während die "Lehrjahre" die subjektive Ich-Entfaltung betonen, steht in den "Wanderjahren" die Nützlichkeit des Einzelnen für die Gemeinschaft und die Anpassung an moderne industrielle Bedingungen im Vordergrund.
Sie fungiert als pädagogisches Modell, das durch eine stufenweise Erziehung zur Ehrfurcht versucht, den Einzelnen in eine stabile, sittlich fundierte Ordnung zu integrieren.
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