Bachelorarbeit, 2019
42 Seiten, Note: 1,7
1. Einleitung
2. Tacitus – Zeitzeuge des politischen Umbruchs
2.1. Literarische Einordnung der Annales
2.2. Moralgeschichte – Tacitus in der Tradition senatorischer Gegenwarts-/Vergangenheitsdeutung
2.3. Der mos maiorum – Vom ‚Maß aller Dinge‘ zum Argument
3. Begriffstheoretische Voraussetzungen – Der mos maiorum als dynamisches Konzept
3.1. mos maiorum – Begriffsgeschichte
3.2. Der Verhaltens- und Tugendkodex des mos maiorum – exempla virtutis
3.3. Annullierung des methodischen Einwandes – Der republikanische mos maiorum als taciteisches Argument in der Kaiserzeit?
4. Tacitus‘ Konstruktion des Augustus- und Tiberiusbildes
4.1. Augustus – Begründer des Prinzipates und Ursprung allen Übels
4.2. Tiberius – Zwischen ‚gut‘ und ‚böse‘
4.2.1. Senatssitzung: Luxusproblem und Sittenverfall I
4.2.2. Crimen laesae maiestatis I
4.2.3. Germanicus‘ Tod und Beisetzung
4.2.4. Crimen laesae maiestatis II
4.2.5. Brief an Senat: Luxusproblem und Sittenverfall II
4.2.6. Tiberius‘ Rüge für Drusus
4.2.7. Der mos maiorum als tiberianisches Handlungsparadigma
5. Tacitus‘ Geschichtsbild
6. Fazit
Die Arbeit untersucht, inwiefern der „mos maiorum“ (die Sitte der Vorfahren) in den „Annales“ des Tacitus als entscheidendes Instrument dient, um die Herrschaft von Augustus und Tiberius zu bewerten und die Prinzipatszeit als Ära des Sittenverfalls zu konstruieren.
Der mos maiorum – Vom ‚Maß aller Dinge‘ zum Argument
Noch interessanter aber ist, wie der Rekurs des Tacitus auf den moralischen Verhaltens- und Tugendkodex des mos maiorum in der zuvor zitierten Passage eine argumentative Kraft entfaltet – das Prinzipat sei schlecht, weil die prisci et integri mores der Republik untergehen. Diese Methodik moralischer Diskursivität, bei der der mos maiorum zum argumentativen Instrument wird, lässt sich auch in der taciteischen Herrscherdarstellung nachweisen. Ob ein Herrscher gut oder schlecht ist, hängt maßgeblich von seinem Verhältnis zum mos maiorum ab. Das bedeutet, dass Kaiser, die den republikanischen mos maiorum missachten, schnell zu Tyrannen werden. Als Negativexempla für den mos maiorum werden sie zu Symptomen des Sittenverfalls. Kaiser hingegen, die den mos maiorum achten und dessen Werte verkörpern, würden zu Positivexempla. Also birgt der mos maiorum als maßgeblicher Bewertungsapparat bei der Herrscherdarstellung von Tacitus ein bidirektionales Argumentationspotential (negativ/positiv).
Das mag auf den ersten Blick nach einer sehr einseitigen und einfachen Argumentationsstruktur in der Herrscherdarstellung klingen, die eine Schwarz-Weiß-Malerei nach sich ziehen könnte. Dass der mos maiorum als Argument der Herrscherbewertung deutlich komplexer ist, zeigt sich gerade im von Tacitus konstruierten und teilweise inkohärenten Tiberiusbild. Zudem besteht die Komplexität des argumentativen mos maiorum darin, dass Argumentationspotential des mos maiorum auf alle Bereiche bezogen werden kann, in denen er seine argumentative Kraft entfalten kann. Und da der mos maiorum quasi das gesamte Leben eines Römers durchzog, kann ein Herrschurteil theoretisch ebenso vielfältig ausfallen, wie es Bereiche gibt, die der mos maiorum tangiert (z.B. Klientelwesen, Militärwesen, Rechtswesen, Politik, Privatleben etc.).
1. Einleitung: Die Einleitung etabliert den mos maiorum als zentralen Maßstab der senatorischen Geschichtsschreibung und definiert die Forschungsfrage nach Tacitus' Konstruktion der Augustus- und Tiberiusbilder.
2. Tacitus – Zeitzeuge des politischen Umbruchs: Dieses Kapitel verortet Tacitus innerhalb der senatorischen Historiographie und begründet, warum er das Prinzipat unter dem Aspekt des Sittenverfalls kritisch betrachtet.
3. Begriffstheoretische Voraussetzungen – Der mos maiorum als dynamisches Konzept: Hier wird der mos maiorum als wandelbarer Verhaltens- und Tugendkodex definiert, der durch die schriftliche Konsolidierung bei römischen Historikern einen moralisch normativen Rahmen erhielt.
4. Tacitus‘ Konstruktion des Augustus- und Tiberiusbildes: Der Hauptteil analysiert chronologisch verschiedene Passagen (Luxusdebatten, Majestätsprozesse, Germanicus-Beisetzung), in denen Tacitus Tiberius gezielt an den Maßstäben des mos maiorum misst, um ihn als Tyrannen zu demaskieren.
5. Tacitus‘ Geschichtsbild: Das Kapitel reflektiert, wie Tacitus durch seine Enthüllungstechnik bewusst positive kaiserzeitliche Quellenberichte revidiert, um seine pessimistische Sicht auf die Prinzipatszeit als vermeintliche Wahrheit darzustellen.
6. Fazit: Das Fazit bestätigt, dass der mos maiorum das ausschlaggebende argumentative Werkzeug ist, mit dem Tacitus die Prinzipatszeit systematisch als Epoche des moralischen Niedergangs konstruiert.
Tacitus, Annales, Augustus, Tiberius, mos maiorum, Prinzipat, Sittenverfall, Senat, Historiographie, moralische Diskursivität, exempla virtutis, Heuchelei, politische Macht, Tugendkodex, Autorität.
Die Arbeit analysiert, wie der römische Historiker Tacitus in seinem Werk „Annales“ das Konzept des „mos maiorum“ (Sitte der Vorfahren) verwendet, um die kaiserliche Herrschaft von Augustus und Tiberius politisch und moralisch zu bewerten.
Im Fokus stehen die römische Historiographie, das Geschichtsbild des Tacitus unter dem Prinzipat, die Definition des mos maiorum als Verhaltenscodex und die detaillierte Untersuchung der Kaiserbilder in den Annales.
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Tacitus den mos maiorum als „Argument“ missbraucht oder gezielt einsetzt, um die Prinzipatszeit als eine Epoche des unaufhaltsamen moralischen und politischen Zerfalls darzustellen.
Der Autor nutzt eine textanalytische Methodik, indem er Passagen untersucht, in denen der mos maiorum explizit als Argumentationsgrundlage vorkommt. Dabei werden diese stichprobenartig mit dem historischen Quellenkontext abgeglichen, um Tacitus' Konstruktionsleistung aufzudecken.
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit Augustus als „Ursprung allen Übels“ sowie der komplexen „Frühphase“ des Tiberius, in der das Bild zwischen vermeintlichen Tugenden und tatsächlicher Tyrannei durch gezielte Erzählkommentare von Tacitus manipuliert wird.
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sittenverfall, Heuchelei, Machtakkumulation, mos maiorum, senatorische Geschichtsschreibung und exempla virtutis charakterisiert.
Tacitus unterstellt Tiberius häufig, seine Besinnung auf altrömische Sitten sei rein opportunistisch, um entweder persönliche Machtinteressen zu sichern oder die durch den Sittenverfall entstandene Handlungsunfähigkeit zu kaschieren.
Ja, der Autor argumentiert, dass Tacitus als ehemaliger Staatsdiener und Senator eine politische Außenperspektive einnimmt, die durch seine konservative Haltung gegenüber dem Machtverlust des Senats und sein internalisiertes Geschichtsbewusstsein geprägt ist.
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