Bachelorarbeit, 2022
70 Seiten, Note: 1,3
Diese Bachelorarbeit untersucht die professionelle Beziehungsgestaltung zu Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) im Kontext der Sozialen Arbeit. Angesichts der oft als schwierig empfundenen Beziehungsgestaltung mit dieser Klientel und dem Mangel an spezifischen Handlungsanweisungen zielt die Arbeit darauf ab, ein tieferes Verständnis für die Auswirkungen der BPS-Symptomatik auf die Beziehung zu entwickeln und konkrete Gestaltungsansätze für die sozialarbeiterische Praxis zu erarbeiten.
5.1.1. Affektregulation
Die Emotionsregulation ist eines der zentralen Probleme der Borderline-Störung, welche neurobiologischen und psychotherapeutischen Forschungen belegen (vgl. Bertsch, Herpertz, 2021, S.653). Erkrankte haben eine niedrige Reizschwelle, wodurch Emotionen schnell ausgelöst werden. Die Emotionen werden als intensiver empfunden und halten länger an als bei Gesunden, die Rückkehr in das Ausgangsniveau geschieht langsamer. Folglich reagieren Borderline-Patienten häufig impulsiv und wesentlich stärker als andere Menschen in gleichen Situationen, teilweise mit heftigen Wutausbrüchen, die mit einer geringen Frustrationstoleranz, kleinen Enttäuschungen, Kritik oder Zurückweisung Anderer in Verbindung gebracht werden (vgl. Möhlemkamp, 2013, S.59). Diese Wutausbrüche können sich gegen andere, folglich auch Fachkräfte, aber auch gegen den Klienten selber richten. Sie verlieren die Beherrschung, äußern sich ausfallend oder lassen sich auf körperliche Auseinandersetzungen ein (vgl. American Psychiatric Association, 2005, S.78).
Diese heftigen Reaktionen führen häufig zu Unverständnis der Umwelt oder zu Konflikten (vgl. Sendera, 2016, S.16), auch mit Fachkräften. Ebenso können diese Emotionen nicht immer differenziert wahrgenommen werden, das bedeutet, Betroffene empfinden häufig einen „Gefühlsgemisch“, sie können zum Beispiel Traurigkeit nicht von Wut unterscheiden, bzw. eigene Emotionen schlecht wahrnehmen. Dieses Erleben der eigenen Gefühlswelt führt zu Unsicherheit hinsichtlich des Vertrauens in die eigenen Gefühle (vgl. Prölß et al., 2019, S.109), bis hin zu einer enormen Angst vor Gefühlen. Daraus folgt ein Sicherheitsverlust in Beziehungen (vgl. Rahn, 2019, S.44). Weiter können widersprüchliche Gefühle zeitgleich auftreten oder Klienten werden von ihren Emotionen überflutet. Diese widersprüchlichen Gefühle können stark aversiven Spannungszustände auslösen, welche mehrmals täglich, auch sehr schnell im Wechsel auftreten können (vgl. Bohus, 2019, S.6).
Diese Aspekte können in der professionellen Beziehungsgestaltung eine Rolle spielen. Zwar soll die Fachkraft dem Klienten eine positive Wertschätzung entgegenbringen, trotzdem ist in manchen Situationen die Verhaltensweise des Klienten zu reflektieren und gegebenenfalls auch zu kritisieren, um Veränderungsprozesse gestalten zu können. Wenn sich der Klient nun aber durch angemessene Kritik zurückgewiesen fühlt, und mit heftiger Wut reagiert, kann die Beziehung gefährdet sein. Treten solche aversiven Spannungszustände auf, versuchen Borderline-Patienten häufig durch selbstverletzendes Verhalten, Suchtverhalten, oder Zwanghaftes Verhalten die Spannung abzubauen und sich selbst zu entlasten (vgl. Sendera, 2016, S.19). Dieser Versuch, der inneren Spannung zu entkommen, kann Auswirkung auf die professionelle Beziehung haben, denn das Gegenüber, hier die Fachkraft, wird dringend zur Kompensation gebraucht (vgl. Rahn, 2019, S.44). Die Fachkraft wird deshalb, teilweise durch eine erhebliche Dramatisierung, auf die Probleme aufmerksam gemacht und alarmiert. Diese Art der Beziehungsaufnahme kann aber bei der Fachkraft den Eindruck erwecken, manipuliert, ausgenutzt und kontrolliert zu werden und eine empathische, wertschätzende Haltung dem Klienten gegenüber gefährden.
1. Einleitung: Das Einleitungskapitel stellt die Relevanz professioneller Beziehungen in der Sozialen Arbeit dar und beleuchtet die besonderen Herausforderungen im Umgang mit Klienten, die eine Borderline-Persönlichkeitsstörung aufweisen. Es werden die Forschungsfragen formuliert, die im Verlauf der Arbeit beantwortet werden.
2. Theoretische Aspekte der Sozialen Arbeit als Beziehungsarbeit: Dieses Kapitel definiert die professionelle Beziehung, ihre Relevanz in der Sozialen Arbeit und die verschiedenen Beziehungsformen. Es beleuchtet Einflussfaktoren, Ziele und Voraussetzungen einer gelingenden Beziehungsgestaltung, einschließlich Gahleitners Fünf-Schritte-Modell.
3. Bindungstheoretische Aspekte: Hier werden die Grundlagen der Bindungstheorie nach Bowlby und die verschiedenen Bindungstypen nach Mary Ainsworth erläutert. Der Einfluss frühkindlicher Bindungserfahrungen auf die Beziehungsgestaltung und die Entstehung psychischer Erkrankungen wird diskutiert.
4. Das Konzept der Borderline-Persönlichkeitsstörung: Dieses Kapitel beschreibt die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) anhand diagnostischer Kriterien des DSM V und ICD 10. Es werden mögliche Entstehungsursachen, Komorbiditäten, Krankheitsverlauf, Prognose und Therapieansätze sowie die Bedeutung der BPS im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit dargestellt.
5. Konzept der Borderline-Persönlichkeitsstörung im Kontext der professionellen Beziehung: Dieses Kapitel analysiert, wie sich die Symptome, Abwehrmechanismen und Schemata von BPS-Klienten auf die professionelle Beziehungsgestaltung auswirken. Es werden spezifische Herausforderungen für professionelle Helfer aufgezeigt und die Bedeutung eines kontinuierlichen Beziehungsangebots betont.
6. Implikationen für die praktische professionelle Beziehungsgestaltung zu Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung: In diesem Kapitel werden konkrete Handlungsansätze und Methoden zur Unterstützung der Vertrauensbildung und zur Gestaltung der professionellen Beziehung mit BPS-Klienten erörtert. Themen wie Nähe und Distanz, klientenzentrierte Gesprächsführung, Haltung und Kompetenzen von Fachkräften sowie das Konzept der komplementären Beziehungsgestaltung werden behandelt.
7. Resumée: Das Resumée fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit zusammen und beantwortet die initial gestellten Forschungsfragen. Es betont die Notwendigkeit einer reflexiven, individualisierten und professionellen Beziehungsgestaltung im Umgang mit BPS-Klienten und weist auf den Bedarf an weiteren Studien und Fortbildungen hin.
Professionelle Beziehungsgestaltung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Soziale Arbeit, Bindungstheorie, Affektregulation, Abwehrmechanismen, Schemata, Nähe-Distanz-Regulation, Vertrauensbildung, Klientenzentrierte Gesprächsführung, Haltung, Kompetenzen, Interaktionsmuster, Psychosoziale Unterstützung, Herausforderungen.
Diese Arbeit untersucht, wie professionelle Beziehungen zu Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung im Rahmen der Sozialen Arbeit effektiv gestaltet werden können, um Herausforderungen zu begegnen und Unterstützungsprozesse zu optimieren.
Die zentralen Themenfelder umfassen die Theorie der professionellen Beziehungsgestaltung in der Sozialen Arbeit, bindungstheoretische Aspekte, das Konzept der Borderline-Persönlichkeitsstörung und deren Auswirkungen auf Beziehungen sowie praktische Implikationen für die Beziehungsgestaltung mit BPS-Klienten.
Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, wie sich die Symptomatik von Klienten mit BPS auf die professionelle Beziehung auswirkt und welche Methoden zur Gestaltung einer professionellen Beziehung in der sozialarbeiterischen Praxis eingesetzt werden können.
Die Arbeit basiert auf einer intensiven Literaturrecherche und Sekundäranalyse deutschsprachiger Publikationen aus den Bereichen Psychologie, Psychiatrie und Sozialer Arbeit, um ein umfassendes theoretisches Verständnis zu entwickeln und Handlungsansätze abzuleiten.
Der Hauptteil behandelt theoretische Aspekte der Sozialen Arbeit als Beziehungsarbeit, bindungstheoretische Grundlagen, das Konzept der Borderline-Persönlichkeitsstörung (einschließlich Diagnostik, Ursachen und Verlauf) und spezifische Implikationen der BPS für die praktische professionelle Beziehungsgestaltung.
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie professionelle Beziehungsgestaltung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Soziale Arbeit, Bindungstheorie, Affektregulation, Abwehrmechanismen, Vertrauensbildung und Nähe-Distanz-Regulation charakterisiert.
Die Beziehungsgestaltung ist besonders schwierig, da Klienten mit BPS oft unter Emotionsregulationsstörungen, Misstrauen, instabilen Selbstbildern und der Neigung zu manipulativen Verhaltensweisen leiden, was zu Konflikten und dem Infragestellen der Beziehung führen kann.
Frühkindliche, oft negative Bindungserfahrungen und ein desorganisierter Bindungsstil werden als wichtige Risikofaktoren für die Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung angesehen und beeinflussen maßgeblich das spätere Beziehungsverhalten der Betroffenen.
Fachkräfte sollten manipulative Verhaltensweisen erkennen und nicht persönlich nehmen, sondern als Ausdruck dysfunktionaler Schemata verstehen. Es ist wichtig, klare Grenzen zu setzen, die Eigenverantwortung des Klienten zu stärken und eine zugewandte, empathische, aber gleichzeitig professionelle Haltung zu bewahren.
Komplementäre Beziehungsgestaltung bedeutet, dass der professionell Helfende die Beziehung so gestaltet, dass die zentralen Beziehungsmotive des Klienten befriedigt werden, um Beziehungskredit aufzubauen. Dies ermöglicht es, später problematische Verhaltensweisen zu konfrontieren und Veränderungsprozesse zu fördern, ohne das Vertrauen zu verlieren.
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