Examensarbeit, 2009
127 Seiten, Note: 2,0
1 Einleitung
2 Die Natur in Zeiten eines anthropogenen Klimawandels
2.1 Das globale Klimasystem
2.1.1 Der Aufbau des Klimasystems
2.1.2 Die Variabilität des Klimasystems
2.1.3 Der Aufbau von Ökosystemen
2.1.4 Der Treibhauseffekt
2.2 Aktuelle und zukünftige klimabedingte Problemkreise
2.2.1 Problemkreis 1: Anthropogene Umwelteingriffe
2.2.2 Problemkreis 2: Beeinträchtigung menschlicher Lebensstandards
2.2.3 Problemkreis 3: Zunahme politischer Brennpunkte
2.3 Gegenwärtige Lösungsansätze klimabedingter Problemkreise
2.3.1 Politische Lösungsansätze
2.3.2 Ökonomische Lösungsansätze
2.4 Zusammenfassung
3 Eine philosophische Bestimmung der Natur
3.1 Der Naturbegriff
3.2 Naturethik vs. Naturphilosophie
3.3 Naturphilosophische Positionen
3.3.1 Das vorsokratische Naturverständnis
3.3.2 Das aristotelische Naturverständnis
3.3.3 Das mittelalterliche Naturverständnis
3.3.4 Das Naturverständnis der Renaissance
3.3.5 Das rationalistische Naturverständnis
3.3.6 Das Naturverständnis des Deutschen Idealismus
3.4 Naturethische Positionen
3.5 Zusammenfassung
4 Schweitzers Philosophie der „Ehrfurcht vor dem Leben“ als elementares Verhältnis zur Natur
4.1 Schweitzers Leben als Ausdruck einer praktischen Naturethik
4.2 Kurzer Überblick über Schweitzers philosophisches Werk
4.3 Schweitzers Naturverständnis
4.4 Das Denken als grundlegende Beziehung zur Welt
4.4.1 Das Denken als Erwachen zum Leben
4.4.2 Das Denken als Selbstbesinnung
4.4.3 Das Denken als Weltanschauung
4.4.4 Das Denken als Suche nach dem Sinn des Lebens
4.5 Die vier Grundtypen der Lebens- und Weltanschauung
4.5.1 Die nichtethische Lebens- und Weltverneinung
4.5.2 Die ethische Lebens- und Weltverneinung
4.5.3 Die nichtethische Lebens- und Weltbejahung
4.5.4 Die ethische Lebens- und Weltbejahung
4.6 Die Humanität und ihre mögliche Erweiterung auf die Natur
4.7 Zusammenfassung
5 Von der „Ehrfurcht“ zur ethischen Verantwortung
5.1 Der Ehrfurchtsbegriff und die „Ehrfurcht vor dem Leben“
5.2 Der Verantwortungsbegriff
5.3 Ausgewählte Positionen einer Ethik der Verantwortung
5.3.1 Die Gesinnungs- und Verantwortungsethik Max Webers
5.3.2 Die Ethik einer Verantwortung aus der Furcht Hans Jonas‘
5.3.3 Die Handlungstheorie einer globalen Verantwortung Hannah Arendts
5.4 Schweitzers Bestimmung einer Ethik der Verantwortung
5.4.1 Merkmal 1: Persönliche Verantwortung
5.4.2 Merkmal 2: Verantwortung vor der Menschheit
5.4.3 Merkmal 3: Geschichts- und Zukunftsverantwortung
5.4.4 Merkmal 4: Natur- und Weltverantwortung
5.5 Zusammenfassung
6 Verantwortungsvolle Klimapolitik im Sinne Schweitzers
6.1 Schritt 1: Die Verantwortungsübernahme
6.2 Schritt 2: Die kritische Haltung gegenüber naturwissenschaftlichen Lösungsansätzen
6.3 Schritt 3: Die Auseinandersetzung mit der Natur
6.4 Schritt 4: Die Übertragung der Humanität auf die Natur
6.5 Schritt 5: Die optimistisch-praktische Naturethik des Weniger-Ist-Mehr
7 Schluss
Die Arbeit untersucht das Verhältnis des Menschen zur Natur im Kontext des anthropogenen Klimawandels und stellt die Philosophie Albert Schweitzers als ethisches Korrektiv dar. Ziel ist es, durch die Analyse von Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“ ein Konzept für eine verantwortungsvolle, praktisch-ethische Klimapolitik zu entwickeln, die über rein ökonomische Ansätze hinausgeht und das Leben als absolute Größe in das Zentrum des Handelns rückt.
1 Einleitung
Die Geschichte von dem Verhältnis des Menschen zur Natur ist schon immer zwiespältig gewesen. Es ist im Grunde einerseits die Geschichte der gesamten Menschheit, die in ihrer bisherigen Entwicklung stets darum bemüht war, sich aus einer anfänglichen Abhängigkeit gegenüber der Natur zu befreien, die Natur „endgültig“ hinter sich zu lassen, die Grenzen zwischen Mensch und Natur in einer „vermenschlichten“ Natur zu verwischen und, durch den technischen Fortschritt beflügelt, „die Vermessung der Welt“ (Kehlmann 2009, 238) voranzutreiben. Andererseits ist es aber auch immer wieder die Geschichte von Menschen, die im astronautischen Blick auf die Erde die Ästhetik der Natur in einer vollkommenen „Schönheit des Planeten“ (Schmid 2008, 14) intensiv wahrnehmen, sich von einem nur rein schaffenden Menschen wie dem des homo fabers zu einem „Teilnehmer“ in der Natur entwickeln und ihr Leben dann selbst „im knallblauen Himmel [und in] der schwarzen Pinie“ (Frisch 2007, 115) wiederentdecken, aber sich letztlich auch immer wieder von der Natur treiben lassen, darin ihre Inspirationsquelle sehen, ihren Motivationsgrund auffinden und die Natur als das große Ganze empfinden auf der Suche nach dem „Rätsel des Lebens“ (Heine 1997, 21).
Doch die menschliche Beherrschung der Natur hat seine Schattenseiten. So offenbart die Ironie der Geschichte, dass gerade durch die industrielle Unterdrückung der Natur die Unberechenbarkeit der Naturkräfte, die unmittelbar auf das Leben des Menschen wirken, zugenommen hat: 2008 waren weltweit „fast 214 Millionen Menschen von Naturkatastrophen betroffen, 2007 waren es 201 Millionen Menschen“ (2008 war ein Jahr der Katastrophen 2009). Die menschliche Logik zerbricht notwendig an der Kontingenz und den Wirkungsmechanismen der Natur. Ihre Beherrschung wendet sich letztlich gegen den Menschen selbst. Zu den von Karl Jaspers (1883-1969) aufgestellten menschlichen Grenzsituationen wie Tod, Kampf, Leiden und Schuld (vgl. Kunzmann 2005, 201) tritt die Erfahrung der Naturkatastrophe hinzu, die den Menschen auf seine eigene Existenz in der Welt zurückwirft.
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Ambivalenz des menschlichen Naturverhältnisses zwischen Beherrschung und Teilhabe und identifiziert den anthropogenen Klimawandel als existenzielle Krise, die eine ethische Neuorientierung im Sinne Schweitzers erfordert.
2 Die Natur in Zeiten eines anthropogenen Klimawandels: Dieses Kapitel zeichnet die wissenschaftlichen Grundlagen des Klimasystems nach, analysiert die drei Problemkreise der Umwelteingriffe, Lebensstandardbeeinträchtigung sowie politischer Konflikte und kritisiert die gegenwärtigen rein ökonomischen Lösungsansätze.
3 Eine philosophische Bestimmung der Natur: Hier erfolgt eine philosophiegeschichtliche Untersuchung der Naturbegriffe von der Antike über die Renaissance bis zur Neuzeit, um die Notwendigkeit einer moralischen Ausweitung der Naturphilosophie zur Naturethik aufzuzeigen.
4 Schweitzers Philosophie der „Ehrfurcht vor dem Leben“ als elementares Verhältnis zur Natur: Das Kapitel rekonstruiert das philosophische Werk Albert Schweitzers, expliziert sein Verständnis des Denkens als grundlegende Weltbeziehung und leitet daraus sein Ethikkonzept sowie dessen Erweiterung auf die gesamte Natur ab.
5 Von der „Ehrfurcht“ zur ethischen Verantwortung: Ausgehend von verschiedenen Verantwortungstheorien definiert dieses Kapitel die spezifisch schweitzersche Ethik der Verantwortung, die sechs Dimensionen – vom Ich bis zur Gesamtheit der Welt – umfasst.
6 Verantwortungsvolle Klimapolitik im Sinne Schweitzers: Das Schlusskapitel operationalisiert die ethischen Forderungen Schweitzers in fünf konkrete Schritte für eine neue Klimapolitik, die Handeln, Humanität und eine Lebenshaltung des „Weniger-ist-mehr“ in den Mittelpunkt stellt.
7 Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Notwendigkeit einer praktischen Umsetzung von Schweitzers Philosophie zusammen, um dem freien Fall der gegenwärtigen ökologischen Krise durch ein ethisch geleitetes Handeln Einhalt zu gebieten.
Anthropogener Klimawandel, Albert Schweitzer, Ehrfurcht vor dem Leben, Naturethik, Verantwortungsethik, Klimapolitik, Ökologische Krise, Humanität, Weltanschauung, Lebensbejahung, Ethik der Verantwortung, Nachhaltigkeit, Anthropozentrismus, Physiozentrismus, Mensch-Natur-Verhältnis.
Die Arbeit untersucht, wie das philosophische Konzept der „Ehrfurcht vor dem Leben“ von Albert Schweitzer dazu beitragen kann, eine ethisch fundierte und praktische Antwort auf die Herausforderungen des anthropogenen Klimawandels zu finden.
Die zentralen Felder sind die Klimawissenschaft, die Philosophiegeschichte der Natur, die Naturethik, die Verantwortungsethik sowie die praktische Anwendung dieser Konzepte in einer klimapolitischen Strategie.
Das Ziel ist es, ein ethisches Konzept zu entwerfen, das über rein ökonomische oder naturwissenschaftliche Analysen hinausgeht und den Menschen dazu verpflichtet, Verantwortung für die gesamte Welt als Lebensgemeinschaft zu übernehmen.
Es handelt sich um eine philosophische und systematische Arbeit, die durch die Analyse von Primärquellen (Schweitzer), Sekundärliteratur (Jonas, Arendt, Weber u.a.) und die Einbeziehung aktueller ökologischer Daten eine theoretische Basis für praktisches Handeln schafft.
Der Hauptteil gliedert sich in die wissenschaftliche Problemanalyse, die philosophische Einordnung der Natur, die exzellente Aufarbeitung von Schweitzers Philosophie und die daraus abgeleitete Ethik der globalen Verantwortung.
Die Begriffe wie „Ehrfurcht vor dem Leben“, „Lebensbejahung“ und „globale Verantwortung“ spiegeln das Bestreben wider, eine ganzheitliche ethische Perspektive zu etablieren, die den Menschen nicht als Herrscher, sondern als Teil eines lebendigen Ganzen sieht.
Schweitzer lehnt rein ökonomische oder technische Mechanismen, wie den Emissionshandel oder Geo-Engineering, als unzureichend ab, weil ihnen das menschliche Mitgefühl und die ethische Orientierung fehlen, die für eine echte Lösung notwendig sind.
Das „Mitsein“ beschreibt das unvermeidliche Verbundensein des Menschen mit der Natur und anderen Lebewesen, woraus für Schweitzer eine direkte moralische Verpflichtung zu rücksichtsvollem Handeln erwächst.
Es fordert einen kulturellen Wandel weg vom blinden Fortschrittsglauben und der Effizienzmaximierung hin zu einer Lebensweise, die durch bewussten Verzicht, Wahrhaftigkeit und die Anerkennung des Eigenwerts der Natur geprägt ist.
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