Diplomarbeit, 2009
82 Seiten, Note: 1,0
Geowissenschaften / Geographie - Kartographie, Geodäsie, Geoinformationswissenschaften
I. Einleitung
1. Anblick
2. spatial turn
3. Form und Inhalt
II. Vom theologischen Raum des Mittelalters zum mathematischen Raum der Neuzeit oder von Kosmografie zu Geografie
1. Was ist eine Karte?
2. Mappae mundi: kartografische Repräsentation des theologischen Raums
2.1 Die Ebstorfer Weltkarte (um 1290)
2.2 Die Karte als Hypertext und das Primat der Zeit
2.3 Mappae mundi als kompensatorische Heterotopie
3. Projektion und Perspektive: die Erfindung des mathematischen/geografischen Raums in der Renaissance
3.1 Von Ptolemäus bis Alberti: Zusammenhänge zwischen kartografischen Projektionsverfahren und Zentralperspektive
3.2 Die Perspektive als symbolische Form und das Primat des Raums
3.3 Gradnetz und Verortung: die Aneignung des Raums
III. Raumrepräsentationen durch technische Bilder
1. Die Fotografie als technisches Dispositiv
1.1 Die Zentralperspektivische Darstellung als Vorläufer der technischen Bilder
1.2 Fotografie und Authentizität – analog und digital
2. Vom Anblick zum Aufblick: der leiblose, orbitale Blick
2.1 Der Blick wird vertikal: Luftbilder
2.2 Satellitengestützte Kartografie
3. Google Earth (seit 2005) und der virtuelle ZeitRaum
3.1 Interaktivität und Netzwerk
3.2 Die Erde als virtueller Raum
3.3 Die Re-Etablierung des Zeitfaktors
3.4 Die Erde als Panopticon
IV. Die Karte als symbolische Form: mappae mundi und Google Earth im Vergleich
1. Strukturähnlichkeiten vorneuzeitlicher und aktueller Raumrepräsentation
1.1 Hypertextualität
1.2 Enzyklopädischer Charakter
1.3 Repräsentationen des Zeitraums
1.4 Wachender und überwachender Blick
2. Symbolische Form
V. Resümee und Ausblick
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen Weltbildern und ihrer kartografischen Repräsentation. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie sich das Raumverständnis einer Epoche in Karten manifestiert und wie diese Karten umgekehrt das Raumverständnis beeinflussen, wobei der Fokus auf dem Vergleich mittelalterlicher "mappae mundi" und zeitgenössischer digitaler Geobrowser wie Google Earth liegt.
Die Perspektive als symbolische Form und das Primat des Raums
Um ein zentralperspektivisch organisiertes Bild zu erstellen, muss der Zeichner einen Beobachterstandpunkt festlegen, der später unwillkürlich vom Betrachter eingenommen wird. War die Darstellung eines bestimmten kanonisierten Personals im Bild früher noch genau festgelegt durch seine hierarchischen Verhältnisse untereinander, ist es nun die Perspektive des Betrachters, die den Bildinhalt nach räumlichen Kriterien ordnet. Das Verhältnis der Figuren im Bild zueinander wird durch ihre räumliche Distanz bestimmt, die ja durch die perspektivische Konstruktionsmethode vorgegeben ist, und nicht mehr durch die relative Wichtigkeit der Figuren. Die Methode erzeugt eine auf den Fluchtpunkt ausgerichtete räumliche Tiefe, sodass sich alle Objekte mit ihrer zunehmenden Entfernung vom Betrachter verkleinern. Der Inhalt eines Bildes wird damit relativiert. Es ist sogar möglich, das Bildpersonal ganz weg zu lassen und bspw. reine Architektur oder Landschaft darzustellen, was vorher kaum einen Sinn ergeben hätte. Waren mittelalterliche Darstellungen durch das in ihnen abgebildete kanonisierte Heiligenpersonal überhaupt erst legitimiert, ist jetzt der Blick des Betrachters das Sinn konstituierende Element – und damit die augenfällige Kongruenz zwischen Wirklichkeit und Repräsentation.
Die Zentralperspektive ist deshalb so wichtig, weil sie die Weltanschauung des Mittelalters ablöst und den Weg bereitet für ein anthropozentrisches Weltbild. Die Inszenierung eines individuellen Standpunktes im Bild ermöglichte erst die Vorstellung, dass die Erde möglicherweise gar nicht der Mittelpunkt des Universums sei, sondern dass es im unendlichen Raum überhaupt keinen Mittelpunkt gebe, ja dass der Mensch seinen individuellen Standpunkt zum Maß der Wirklichkeit erklären könne. Dieser paradigmatische Wechsel prägte die Weltvorstellung des Menschen bis in die Moderne. Deshalb bezeichnete Erwin Panofsky die Zentralperspektive in seinem Aufsatz von 1927 in Anlehnung an Cassirer als symbolische Form. Denn es ist diese spezifische Form, die den Blick des Betrachters in das Bild mit einbezieht (nicht sein Inhalt), und damit für ein neues, der Neuzeit eigenes Selbst- und Weltverhältnis steht.
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problemstellung ein, den Raum simultan zu überblicken und sukzessiv zu beschreiben, und verortet die Arbeit im Kontext des "spatial turn" und des medientheoretischen Diskurses.
II. Vom theologischen Raum des Mittelalters zum mathematischen Raum der Neuzeit oder von Kosmografie zu Geografie: Dieses Kapitel analysiert den Wandel des Kartenverständnisses, insbesondere am Beispiel der Ebstorfer Weltkarte als "mappa mundi", und den Übergang zum mathematisch konstruierten Raum der Renaissance.
III. Raumrepräsentationen durch technische Bilder: Dieser Teil befasst sich mit der Geschichte technischer Bilder von der Fotografie bis zur Satellitenkartografie und untersucht deren Rolle als Instrumente der Authentizität und Überwachung.
IV. Die Karte als symbolische Form: mappae mundi und Google Earth im Vergleich: In diesem Kapitel werden die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen vorneuzeitlichen Karten und aktuellen digitalen Raumrepräsentationen herausgearbeitet, insbesondere in Bezug auf Hypertextualität und enzyklopädischen Charakter.
V. Resümee und Ausblick: Das Fazit fasst die zentralen Thesen zusammen und reflektiert die Karte als "symbolische Form", die unsere heutige Vorstellung von Raum maßgeblich mitbestimmt.
Kartografie, Raumrepräsentation, Mappa mundi, Google Earth, spatial turn, Zentralperspektive, technische Bilder, Authentizität, Panopticon, Hypertextualität, Weltbild, Medienwissenschaft, Ebstorfer Weltkarte, Raumtheorie, Virtualität.
Die Arbeit untersucht, wie Karten als mediale Dispositive unsere Wahrnehmung von Raum und Welt konstruieren, indem sie historische mittelalterliche Weltkarten mit modernen digitalen Geobrowsern vergleicht.
Die zentralen Felder umfassen die Geschichte der Kartografie, Medientheorie, die Rolle der Zentralperspektive sowie die Auswirkungen digitaler Technologien auf unser aktuelles Weltverständnis.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Karten mehr als nur geografische Abbilder sind; sie sind "symbolische Formen", die die Vorstellung davon, was Raum ist, aktiv mitgestalten und verändern.
Der Autor nutzt eine medientheoretische und diskursgeschichtliche Analyse, wobei er insbesondere Konzepte wie den "spatial turn", Foucaults "Heterotopien" und Panofskys "symbolische Form" auf das Kartenmaterial anwendet.
Der Hauptteil analysiert die Entwicklung vom theologisch geprägten Raum des Mittelalters zur mathematischen Raumvermessung der Renaissance und führt diese Entwicklungslinie fort bis zur digitalen Satellitenkartografie und den damit verbundenen Überwachungseffekten.
Zu den prägenden Begriffen zählen Kartografie, Raumrepräsentation, "mappae mundi", Google Earth, "spatial turn", Zentralperspektive, Authentizitätsversprechen und Panopticon.
Der Autor zeigt auf, dass beide Formen hypertextuell strukturiert sind, als enzyklopädische Wissensspeicher fungieren und nicht so sehr der direkten Navigation dienen, sondern der Verortung des Subjekts in einem umfassenden Weltbild.
Der Begriff beschreibt den Effekt, dass durch die hochauflösende, flächendeckende Erfassung der Welt und die Verlinkung mit Nutzerdaten ein Gefühl der permanenten Sichtbarkeit und potenziellen Überwachung erzeugt wird, ähnlich wie bei Jeremy Benthams Gefängnisentwurf.
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