Magisterarbeit, 2008
122 Seiten, Note: 2,1
1. Einleitung
2. Sturm und Drang
2.1 Zur literarischen Bewegung
2.2 Lenz und Goethe im Fokus des Sturm und Drang
2.2.1 Jakob Michael Reinhold Lenz
2.2.2 Johann Wolfgang Goethe
2.3 Zur Dramentheorie des Sturm und Drang
3. Vorstellung der Dramen
3.1 Lenz’ Dramen
3.1.1 Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung
3.1.2 Die Soldaten
3.2 Goethes Urfaust
4. Exkurs: 18. Jahrhundert – sozialhistorische Bezüge
4.1. Familie und Geschlechterrollen im gesellschaftlichen Kontext
4.2. Kindsmord im zeitgenössischen Diskurs
4.3. „Sie ist die erste nicht!“ – Die Quelle des Kindsmordmotivs im Urfaust
5. Verführung als literarisches Motiv
5.1 Motivgeschichte
5.2 Verführung in Dramen des Sturm und Drang
5.2.1 Voraussetzungen
5.2.2 Geschlechterrollen
5.2.2.1 Die Frau als Verführerin und als Verführte
5.2.2.2 Der Mann als Verführer und als Verführter
5.2.3 Täter und Opfer im Vergleich
5.2.4 Die Rolle des Retters
5.2.5 Die Schuldfrage – zwischen Konvention und „neuer Moral“
5.2.6 Bedeutung der Untersuchungsergebnisse für die literarische Bewegung
6. Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv der Verführung in den Dramen Der Hofmeister und Die Soldaten von J. M. R. Lenz sowie in J. W. Goethes Urfaust. Ziel ist es, zu klären, ob die weiblichen Hauptfiguren dem klassischen Motiv der „verführten Unschuld“ entsprechen oder eine aktive Rolle einnehmen, und wie diese Figuren sowie ihre männlichen Gegenparts in den Kontext der literarischen Sturm-und-Drang-Bewegung einzuordnen sind.
3.1.2 Die Soldaten
Während Lenz’ Aufenthalt in Straßburg, also in den 1770er-Jahren, ist die französische Stadt militärisch geprägt durch die nahe Garnison. Soldaten sind ein vertrautes Bild in den Straßen. Dieses gesellschaftliche Milieu gehört für Lenz aufgrund seiner Dienerschaft bei den Baronen von Kleist zu seinem sozialen Alltag (vgl. Kapitel 2.2.1). Vor dem Hintergrund dieser persönlichen Alltagserfahrungen entsteht im Winter 1774/1775 Lenz’ Drama Die Soldaten. Eine Komödie. Doch die biografischen Bezüge dieses Stücks gehen wesentlich darüber hinaus: Friedrich Georg Baron von Kleist hat ein Verhältnis mit Cleophe Fibich, einer „Freundin Friederike Brions“ und Tochter eines Straßburger Juweliers und Ratsherrn. Als der Vater der Verbindung gewahr wird, lässt er den Baron ein notariell beglaubigtes Eheversprechen unterzeichnen, das ihn verpflichten soll, Cleophe zu heiraten.
Aus Angst vor dem Verlust der Ehre seiner Tochter infolge einer Verführung ohne eine anschließende Heirat, aufgrund der Befürchtung vor dem daraus resultierenden gesellschaftlichen Abstieg seiner Familie und der vermeintlichen Aussicht auf eine gute Partie, wird der Vertrag aufgesetzt. Im Fall des Vertragsbruchs soll eine Entschädigung gezahlt werden. Doch der Baron zieht sich in seine Heimat nach Kurland zurück, „um die Einwilligung seiner Eltern einzuholen“, wie Winter berichtet. Während seiner Abwesenheit entsteht aus Lenz’ Beschützerwillen gegenüber Cleophe eine Zuneigung zu ihr, die jedoch nur mit „der kalten Grausamkeit ihrer Koketterie“, so Winter, beantwortet wird. Der Baron kommt seinen vertraglichen und moralischen Verpflichtungen – der Heirat oder alternativ zumindest der Zahlung der vereinbarten Summe – schließlich nicht nach, und der Vertrag wird nach vier Jahren aufgelöst. Cleophe verliert damit ihre „bürgerliche Integrität“.
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Motiv der „verführten Unschuld“ ein, stellt die untersuchten Dramen vor und formuliert die Forschungsfrage zur aktiven oder passiven Rolle der Figuren.
2. Sturm und Drang: Dieses Kapitel erläutert die literarische Bewegung, die Rolle der Autoren Lenz und Goethe sowie die grundlegenden Konzepte der Dramentheorie des Sturm und Drang.
3. Vorstellung der Dramen: Hier werden die Inhalte der Dramen Der Hofmeister, Die Soldaten und Urfaust sowie deren jeweilige Entstehungskontexte und Intentionen erläutert.
4. Exkurs: 18. Jahrhundert – sozialhistorische Bezüge: Dieses Kapitel bettet das Thema in den sozialhistorischen Kontext ein, insbesondere hinsichtlich Familienstrukturen, Geschlechterrollen und der Kindsmordthematik.
5. Verführung als literarisches Motiv: Der Hauptteil analysiert die Motivgeschichte der Verführung, die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen, die Dynamik von Täter- und Opferrollen sowie die Bedeutung der Ergebnisse für die literarische Epoche.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und bewertet die unterschiedlichen dramaturgischen Einsatzweisen des Verführungsmotivs bei Lenz und Goethe.
Sturm und Drang, Verführung, verführte Unschuld, Kindsmord, Lenz, Goethe, Urfaust, Der Hofmeister, Die Soldaten, Geschlechterrollen, Sozialkritik, Aufklärung, Dramentheorie, Täter-Opfer-Konstellation, bürgerliches Trauerspiel.
Die Arbeit analysiert das literarische Motiv der Verführung in den Werken von Lenz und Goethe im Kontext der Sturm-und-Drang-Periode.
Die Themenfelder umfassen die Rolle der Frau und des Mannes in Verführungskonstellationen, gesellschaftskritische Aspekte des Soldatenstandes, den Diskurs über Kindsmord sowie die Erziehungsproblematik.
Die Arbeit geht der Frage nach, inwieweit die Frauenfiguren in den genannten Dramen dem klassischen Motiv der „verführten Unschuld“ entsprechen oder aktiv auf ihr Schicksal Einfluss nehmen.
Es handelt sich um eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die den Textinhalt in den sozialhistorischen und epochenspezifischen Kontext einbettet.
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung der Dramen, einen sozialhistorischen Exkurs, die theoretische Aufarbeitung des Verführungsmotivs sowie die detaillierte Analyse der Figurenkonstellationen.
Schlüsselbegriffe sind Sturm und Drang, Verführung, Geschlechterrollen, Kindsmord und Sozialkritik.
Kindsmord war im 18. Jahrhundert ein intensiv debattiertes soziales Problem, das in der Literatur als Ausdruck moralischer Missstände und als Konsequenz verfehlter oder unterdrückter weiblicher Sexualität diente.
Während Lenz das Motiv der Verführung nutzt, um explizit sozialpolitische Kritik an Standesunterschieden und Erziehungsmodellen zu üben, konzentriert sich Goethe im Urfaust stärker auf die individuelle psychologische Tragödie des Individuums.
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