Masterarbeit, 2023
74 Seiten, Note: 2,3
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
1. Einleitung
2. Kindsmord – eine Definition
3. Kindsmord im 18. Jahrhundert
4. Kindsmord oder Kindstötung?
5. Kindsmord im 20./21. Jahrhundert
6. Gesetzgebung im 18. Jahrhundert
7. Gesetzgebung im 20./21. Jahrhundert
8. Gesetzgebung des Tötungsdelikts
9. Gründe und Konsequenzen für Kindsmord
10. Die Täterinnen im 18. Jahrhundert
11. Die Täterinnen im 20./21. Jahrhundert
12. Bekannte Fälle von Kindsmörderinnen
12.1 Reale Kindsmörderinnen im 18. Jahrhundert
12.2 Reale Kindsmörderinnen im 20./21. Jahrhundert
13. Übergang
14. Johann Wolfgang von Goethe: Urfaust (1772-1775)
14.1 Gretchen in Goethes Urfaust
14.2 Die Beziehung zum Kindsvater: Gretchen und Faust
14.3 Gretchens Situation, Tat und Motiv
14.4 Gretchens Leben nach dem Mord
14.5 Fazit Gretchen
15. Heinrich Leopold Wagner: Die Kindermörderin (1776)
15.1 Evchen in Wagners Die Kindermörderin
15.2 Die Beziehung zum Kindsvater: Evchen und v. Grönigseck
15.3 Die Situation zwischen den Eltern und Evchen
15.4 Die Entwicklung der Beziehung zwischen Evchen und v. Grönigseck
15.5 Evchens Situation, Tat und Motiv
15.6 Evchens Leben nach dem Mord
15.7 Fazit Evchen
16. Vergleich der Frauenfiguren in der Literatur des 18. Jahrhunderts
17. Gattungswechsel
18. Elfriede Jelinek: Lust (1989)
18.1 Gertin in Jelineks Lust
18.2 Die Beziehung zum Kindsvater: Gerti und ihr Ehemann
18.3 Das Verhältnis zum Kind
18.4 Gertis Situation, Tat und Motiv
18.5 Gertis Leben nach dem Mord
18.6 Fazit Gerti
19. Michael Kumpfmüller: Durst (2003)
19.1 Conny in Kumpfmüllers Durst
19.2 Die Beziehung zum Kindsvater: Conny und ihr(e) Schwängerer
19.3 Das Verhältnis zu den Kindern: Connys Söhne
19.4 Connys Situation, Tat und Motiv
19.5 Connys Leben nach dem Mord
19.6 Fazit Conny
20. Vergleich der Frauenfiguren aus dem 20./21. Jahrhundert
21. Vergleich der Kindsmörderinnen in den verschiedenen Jahrhunderten
22. Fazit: Kindsmord in verschiedenen Jahrhunderten
23. Weitere Literatur und Ausblick
24. Literaturverzeichnis
24.1 Primärliteratur
24.2 Sekundärliteratur
24.3 Digitale Quellen
Diese Arbeit zielt darauf ab, die literarischen Frauenfiguren in Bezug auf ihren Kindsmord zu analysieren, wobei der Fokus auf ihren individuellen Lebenssituationen, ihrem sozialen Umfeld und den rechtlichen Gegebenheiten des 18. sowie des 20./21. Jahrhunderts liegt, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Umgang mit diesem Phänomen aufzuzeigen.
14.2 Die Beziehung zum Kindsvater: Gretchen und Faust
Der erste Kontakt zwischen Margarete und Faust kommt auf einer Landstraße zustande. Faust legt seinen Arm um Margarete, sie befreit sich jedoch aus der Umarmung und sagt, sie könne ohne Begleitung nach Hause gehen. Schon bei der ersten Begegnung weist Margarete auf die sozialen Unterschiede zwischen den beiden handelnden Figuren hin, indem sie sich weder als Fräulein noch als schön betiteln lässt, somit die Möglichkeit einer Zusammenkunft zunächst ausschließt und sich selbst aktiv aus der Situation zieht.
Die erste Kontaktaufnahme beruht somit von Anfang an auf missverständlicher Kommunikation und Abweisung. Fehr beschreibt die hier beginnende Beziehung von Faust und Margarete dementsprechend als „Suche und […] Erkennen des anderen, das im Bann des Mißverstehens steht“. Bereits in der ersten Gretchen-Szene werden also „soziale Positionierungen, Geschlechterverhältnisse und kulturelle Handlungsnormen kommunikativ manifest bzw. verhandelt […]“, welche sich im weiteren Geschehen des Trauerspiels zuspitzen.
Doch seit dieser Begegnung schwärmt Faust von Margarete („Die hat was in mir angezündt [sic!]“) und beschreibt sie als sittlich und tugendreich. Er liebt es, wie sie die „Augen niederschlägt“, dieser kurze Moment habe sich „tief in [s]ein Herz geprägt“. Margarete jedoch verwendet das Augenniederschlagen als „intentionales Zeichen“ des Desinteresses. Faust findet ihre „schnippisch[e]“ Art und ihr Desinteresse allerdings sehr anziehend. Für Faust ist diese Art der Begegnung neu, es geht nicht länger ausschließlich um „Wissen, sondern um Gefühle, nicht mehr Ein -, sondern um Zweisamkeit, es geht nicht mehr um die Welt und ihre Rätsel, sondern um ein Gegenüber und dessen Zugänglichkeit“.
Daraufhin befiehlt er Mephisto, ihm die „Dirne“ zu „[be]schaffen“. Mephisto beschreibt sie als „unschuldig Ding / Das […] für nichts zur Beichte ging“ und merkt an, dass er über sie keine Gewalt habe. Bereits zu Beginn wird also die Unschuld der Margarete hervorgehoben, welche im Verlauf des Trauerspiels infolge ebendieser Begegnung mit Faust zu ihrem Tod führen wird.
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Motivation und den Fokus der Arbeit: eine Analyse literarischer Frauenfiguren im Kontext ihrer individuellen Notlagen beim Kindsmord in zwei verschiedenen Zeitepochen.
2. Kindsmord – eine Definition: Dieses Kapitel definiert den Kindsmord fachsprachlich, unterscheidet zwischen Neonatizid und Infantizid und skizziert die verschiedenen Tötungsmethoden.
3. Kindsmord im 18. Jahrhundert: Hier wird der historische Rechtsbegriff des Kindsmords im 18. Jahrhundert und die damals übliche Praxis der Hinrichtung thematisiert.
4. Kindsmord oder Kindstötung?: Es erfolgt eine Erläuterung der juristischen Unterscheidung zwischen der Tötung eines ehelichen versus eines unehelichen Kindes bis etwa 1998.
5. Kindsmord im 20./21. Jahrhundert: Dieses Kapitel behandelt die veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen und das Strafmaß für Kindsmord in der Moderne.
6. Gesetzgebung im 18. Jahrhundert: Es wird die drastische Rechtsprechung der "Carolina" und die gesellschaftsrechtliche Situation für ledige, schwangere Frauen beleuchtet.
7. Gesetzgebung im 20./21. Jahrhundert: Das Kapitel betrachtet die moderne Gesetzeslage, einschließlich der Abschaffung des Sondertatbestandes und der Einführung legaler Abtreibungsmöglichkeiten.
8. Gesetzgebung des Tötungsdelikts: Ein Vergleich der Bestrafungspraktiken über die Jahrhunderte hinweg, mit Fokus auf den Wandel von der Hinrichtung zur Resozialisierung.
9. Gründe und Konsequenzen für Kindsmord: Das Kapitel listet verschiedene psychosoziale Faktoren und Lebensumstände auf, die als Beweggründe für Kindstötungen dienen.
10. Die Täterinnen im 18. Jahrhundert: Untersuchung der sozialen Prekarität und Stigmatisierung, die junge Mägde und ledige Frauen im 18. Jahrhundert in den Kindsmord trieb.
11. Die Täterinnen im 20./21. Jahrhundert: Analyse der Täterinnenprofile in der Moderne, wobei die Forschungslage und sozio-ökonomische Gemeinsamkeiten mit den literarischen Vorbildern diskutiert werden.
12. Bekannte Fälle von Kindsmörderinnen: Skizzierung historischer Fälle aus dem 18. Jahrhundert und modernen Beispielen, die als Inspiration für literarische Werke dienten.
13. Übergang: Einleitung des praktischen Analyseteils, in dem die literarischen Frauenfiguren und ihre Gefühlslagen untersucht werden.
14. Johann Wolfgang von Goethe: Urfaust (1772-1775): Analyse von Gretchens Schicksal, ihrer Beziehung zu Faust und ihrer verzweifelten Lebenssituation.
15. Heinrich Leopold Wagner: Die Kindermörderin (1776): Detaillierte Untersuchung von Evchens Situation, der gewaltvollen Beziehung zum Offizier v. Grönigseck und ihrer psychischen Verfassung.
16. Vergleich der Frauenfiguren in der Literatur des 18. Jahrhunderts: Gegenüberstellung von Gretchen und Evchen hinsichtlich ihrer sozialen Stellung, Moralvorstellungen und Schicksalhaftigkeit.
17. Gattungswechsel: Überleitung von den bürgerlichen Trauerspielen des 18. Jahrhunderts hin zur Gattung des Romans in der Literatur des 20./21. Jahrhunderts.
18. Elfriede Jelinek: Lust (1989): Untersuchung der Protagonistin Gerti, deren Leben durch eine gewaltsame Ehe und die Entfremdung von ihrem Sohn geprägt ist.
19. Michael Kumpfmüller: Durst (2003): Analyse der Figur Conny, deren Kindsmord durch Vernachlässigung aus einer tiefen persönlichen Überforderung resultiert.
20. Vergleich der Frauenfiguren aus dem 20./21. Jahrhundert: Synthese und Vergleich der Schicksale von Gerti und Conny.
21. Vergleich der Kindsmörderinnen in den verschiedenen Jahrhunderten: Übergreifender Vergleich, der Gemeinsamkeiten und Unterschiede in allen vier untersuchten literarischen Werken zusammenfasst.
22. Fazit: Kindsmord in verschiedenen Jahrhunderten: Abschließende Reflexion darüber, dass Kindsmord als Verzweiflungstat über Epochen hinweg ein zentrales, gesellschaftlich sensibles Motiv bleibt.
23. Weitere Literatur und Ausblick: Ein kurzer Ausblick auf weitere literarische Bearbeitungen und Anregungen für zukünftige wissenschaftliche Untersuchungen.
Kindsmord, Kindstötung, Literaturanalyse, 18. Jahrhundert, Moderne Literatur, Frauenfiguren, Mutterliebe, Tabubruch, Strafrecht, soziale Notlage, Gretchen, Evchen, Gerti, Conny, Verzweiflungstat, Patriarchat.
Die Arbeit untersucht das literarische Motiv des Kindsmords anhand von vier exemplarischen Werken aus dem 18. Jahrhundert und der zeitgenössischen Literatur, um Motive, soziale Hintergründe und gesellschaftliche Konsequenzen zu analysieren.
Die Themenfelder umfassen die rechtshistorische Entwicklung von Bestrafungsformen, die soziologische Betrachtung junger Frauen in prekären Verhältnissen sowie die literarische Darstellung von Machtverhältnissen und psychischen Ausnahmesituationen.
Ziel ist es, die Beweggründe der betroffenen Frauenfiguren zu verstehen und aufzuzeigen, wie unterschiedliche epochen- und gattungsspezifische Rahmenbedingungen ihre Handlungen und deren gesellschaftliche Bewertung beeinflussen.
Die Autorin wählt eine komparative literaturwissenschaftliche Analyse, die textnahe Interpretationen mit rechtsgeschichtlichen und sozialwissenschaftlichen Kontextinformationen verbindet.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-juristische Einführung und eine tiefgehende Analyse der vier literarischen Protagonistinnen (Gretchen, Evchen, Gerti, Conny) hinsichtlich ihrer Lebenssituationen, Taten und Motive.
Zentrale Begriffe sind Kindsmord, Kindstötung, soziale Notlage, Patriarchat, rechtliche Stigmatisierung, weibliche Opferrolle und moralische Konflikte.
Während bei Gretchen und Evchen eine aktive, direkte Tat zum Schutz vor Schande vorliegt, zeichnet sich Connys Handeln durch eine passive Vernachlässigung aus, die in einer tiefen persönlichen Lebenskrise wurzelt.
Gerti tötet ihren Sohn, weil er ein männliches Wesen ist und sie das Heranwachsen eines weiteren "Tyrannen", der ihr und anderen Frauen Leid zufügen könnte, präventiv verhindern möchte.
Conny, die selbst kaum über die Rolle der Protagonistin hinausgewachsen ist, empfindet die eigene Mutterrolle als massive Belastung, was letztlich dazu führt, dass sie ihre Kinder als Fremde wahrnimmt und im Stich lässt.
Die Autorin schließt, dass Kindsmorde nicht isoliert als Straftat betrachtet werden dürfen, sondern immer den gesellschaftlichen Druck und die individuelle Ausweglosigkeit der Mütter berücksichtigen müssen.
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