Bachelorarbeit, 2009
41 Seiten, Note: 1,7
1. Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Methode
1.3 Forschungsüberblick
1.3.1 Zu der Opposition in Mathilde Möhring
1.3.2 Zu der Opposition in der Erzählhaltung und Programmatik
1.4 Untersuchungsgang
2. Die lehrenden Frauenfiguren in Wilhelm Meisters Lehrjahren
2.1 Literarische Typen, Vorbilder und Motivtraditionen
2.2 Die amazonische Frauengestalt Therese
2.3 Die amazonische Frauengestalt Natalie
2.3.1 Die Verbindung von Tat und Krankheit
2.3.2 Erziehung als Ausgleich der Dichotomie
3. Die ästhetische Erziehung des Verlobten
3.1 Friedrich Schillers Die ästhetische Erziehung des Menschen
3.2 Theodor Fontanes poetologische Finessen-Technik
4. Hugos Merkmalsatz: „ernst, schwärmerisch und bescheiden“
4.1 Schwärmen statt Handeln
4.2 Die Mehrdimensionalität der Figur: Ein Wahrnehmungsvergleich
5. Die Moralität und Destruktivität des nüchternen Bezugs zu Hugo
6. Mathilde Möhring und Mathilde Großmann: Die Entwicklung der Heldin
6.1 Der Fensterblick als Leitmotiv
6.2 Das Bild vor dem Fenster
6.2.1 „Es ließe sich vielleicht ausdeuten“: Die Titelfigur als Verlobte
6.2.2 „Lang auf das alles hinausgestarrt“: Die Titelfigur als Witwe
6.3 Der Blick aus dem Fenster: Eine idealrealistische Rezeption
7. Ergebnisse
Diese Arbeit untersucht die Dialektik von Prosa und Poesie in Theodor Fontanes Kurzroman Mathilde Möhring. Zentral ist dabei die Analyse der Figurenkonstellation und wie die Protagonistin Mathilde durch ihre Handlungen und ihr pädagogisches Wirken die Wahrnehmung des als "lebensuntüchtig" dargestellten Hugo Großmann beeinflusst, wobei literarische Anspielungen als entscheidendes Strukturmerkmal dienen.
1.1 Fragestellung
Mathilde Möhring ist das Ende der Träume nicht nur vom Theater, sondern auch von einem Frauenbild, das die Phantasie des Mannes bisher mit Poesie ausstattete, nach der die bürgerliche Prosa verlangt. Die Frau hat sich auf die Seite der Prosa geschlagen, als deren Gegenpol der Mann sie sich eigentlich wünschte.
Diese Behauptung von Maria Lypp möchte ich als Ausgangsthese meiner Arbeit verwenden und im Folgenden infrage stellen. Theodor Fontane schrieb den Kurzroman Mathilde Möhring 1891, am Ende der realistischen Literaturepoche, überarbeitete ihn in den Jahren 1895 und 1896 und hinterließ ihn nach seinem Tod 1898 als einen unvollendeten Text.
Die Figuren, die in Mathilde Möhring auftreten, können bestimmten Oppositionen zugeordnet werden: Das „Personal“ wird von dem „dominante[n] Prinzip der wechselseitigen Spiegelung“ strukturiert, das Manfred Pfister vorrangig für das Drama feststellt. Die Hauptfiguren lassen sich zum einen mit den überhistorisch konstanten Gruppenmerkmalen ‚männlich’ vs. ‚weiblich’ einander gegenüber stellen; zum anderen mit einer weiteren Kontrastbeziehung, die hier besonders beachtet werden soll und den traditionellen Geschlechterrollen nicht entspricht: Auf der Ebene des Werkganzen kann der männlichen Hauptfigur ein poetisches Weltbild, das „Verständniß für ein Buch oder ein Bild“ (4: S. 21), zugeordnet werden, der weiblichen eine prosaische Sicht auf ihre Umwelt und auf ihr „Programm[…] von Glück u. Zufriedenheit“ (9: S. 59). Es ist der „Problemkreis des Künstlerischen, die Spannung zwischen Kunst und Wirklichkeit, die sich bei Fontane auch als Spannung und Dialektik zwischen Mann und Frau zeigt“.
1. Einleitung: Die Einleitung etabliert die Ausgangsthese über das Ende traditioneller Frauenbilder und definiert die methodischen Grundlagen der Figurenanalyse sowie den Forschungsstand.
2. Die lehrenden Frauenfiguren in Wilhelm Meisters Lehrjahren: Dieses Kapitel vergleicht die Titelfigur Mathilde mit literarischen Amazonen-Vorbildern aus Goethes Werk, um ihren Typus als "Lehrerin" und "Handlungsträgerin" zu schärfen.
3. Die ästhetische Erziehung des Verlobten: Hier wird untersucht, wie Mathilde durch eine spezielle Methode, die mit Schillers Ästhetik-Konzepten in Verbindung gebracht wird, versucht, Hugo pädagogisch zu formen.
4. Hugos Merkmalsatz: „ernst, schwärmerisch und bescheiden“: Das Kapitel analysiert die männliche Hauptfigur Hugo, seine Neigung zur literarischen Schwärmerei und die Diskrepanz zu seinem tatsächlichen Handeln.
5. Die Moralität und Destruktivität des nüchternen Bezugs zu Hugo: Es wird diskutiert, inwieweit Mathildes rationaler und pädagogischer Zugriff auf den kranken Hugo als moralisch oder destruktiv zu bewerten ist.
6. Mathilde Möhring und Mathilde Großmann: Die Entwicklung der Heldin: Das Kapitel widmet sich der dynamischen Entwicklung Mathildes unter besonderer Berücksichtigung des Fensterblicks als zentralem Leitmotiv.
7. Ergebnisse: Die Ergebnisse fassen zusammen, wie die Protagonisten die binäre Opposition von Prosa und Poesie durch ihre gegenseitige Beeinflussung aufbrechen und neu bewerten.
Theodor Fontane, Mathilde Möhring, Prosa und Poesie, Figurenanalyse, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Amazonenfigur, pädagogisches Verfahren, Finessen-Technik, literarische Anspielungen, Fensterblick, Realismus, Genderdiskurs, Entwicklungsroman, Handlungsträgerin, Identitätskonstruktion.
Die Arbeit analysiert die thematische Gegenüberstellung von Prosa und Poesie in Theodor Fontanes Kurzroman "Mathilde Möhring" und untersucht die daraus resultierende Interaktion der Hauptfiguren.
Zu den zentralen Feldern gehören die Rollenbilder von Mann und Frau, die Theorie der Figurenanalyse, der Einfluss literarischer Traditionen (insbesondere Goethe und Schiller) sowie die Entwicklung von Charakteren in einem realistischen Roman.
Das Ziel ist es, die gängige Einordnung der Titelfigur Mathilde als rein prosaisch-berechnende Figur kritisch zu hinterfragen und ihr Handeln im Kontext einer dynamischen, mehrdimensionalen Figurenkonzeption zu betrachten.
Die Arbeit stützt sich primär auf die Figurenanalyse nach Manfred Pfister und kombiniert diese mit Fieguths Modell der Kommunikationsniveaus sowie literaturtheoretischen Ansätzen zum Realismus und zur Intertextualität.
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Figurenmerkmale, den intertextuellen Vergleich mit Goethe-Figuren, die Untersuchung der ästhetischen Erziehung Hugos durch Mathilde sowie die Deutung des Leitmotivs "Fensterblick" für die Entwicklung der Heldin.
Wichtige Begriffe sind unter anderem Realismus, Figurenkonstellation, Intertextualität, pädagogische Methode, Genderdiskurs, Finessen und das Motiv des Fensterblicks.
Mathilde fungiert als "Lehrerin", die versucht, den als schwach und weltfremd dargestellten Hugo durch eine strukturierte pädagogische Einflussnahme in das praktische Leben zu integrieren, wobei Hugo gleichzeitig Mathildes Wahrnehmung von Schönheit und Kunst prägt.
Der Fensterblick dient als räumliches Leitmotiv, das den Übergang zwischen der privaten und öffentlichen Sphäre markiert und Mathildes sich wandelnde Wahrnehmung der Welt vom Beginn der Verlobung bis zur Witwenschaft widerspiegelt.
Die Arbeit diskutiert, ob Mathildes zielgerichtetes und ökonomisches Handeln, das Hugo zuweilen überfordert, als destruktiv oder eher als notwendiges Korrektiv für seine Lebensuntüchtigkeit anzusehen ist, wobei sie zu einer differenzierten Einschätzung kommt.
Die Arbeit identifiziert Mathilde als eine moderne Variante der gelehrten Amazone, die, ähnlich wie Therese oder Natalie, männlich konnotierte Wissensbereiche (wie das "Rechnen" oder das Erziehen) übernimmt und somit die traditionelle Geschlechterdichotomie problematisiert.
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