Examensarbeit, 2009
97 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
2. Moderne
2.1 Vorüberlegung: Semantik
2.2 Zeitliche Einordnung
2.3 Ästhetische und gesellschaftliche Moderne
2.4 Merkmale der gesellschaftlichen Moderne
2.4.1 Wirtschaft, Staat & Gesellschaft
2.4.2 Lebenswelt
2.4.3 Denken und Bewusstsein
3. Expressionismus und Moderne – Überblick über die Forschung
4. Darstellung der Moderne im expressionistischen Drama
4.1 Wirtschaft, Staat & Gesellschaft
4.1.1 Industrialisierung und technologische Rationalisierung
4.1.2 Kapitalisierung
4.1.3 Funktionale Differenzierung
4.1.4 Staatliche Entwicklungen
4.2 Lebenswelt
4.3 Denken und Bewusstsein
4.3.1 Rationalität als Leitnorm
4.3.2 Subjektautonomie und Individualismus
4.3.3 Wahrheitspluralismus
5. Gegenentwürfe zwischen Rückschritt und Neuanfang
5.1 Apokalyptische Muster
5.2 Die Vormoderne als Ausweg
6. Zum Selbstbild der Autoren
7. Zusammenfassung & Ausblick
8. Literaturverzeichnis
8.1 Primärliteratur
8.2 Sekundärliteratur
Diese Arbeit untersucht, wie ausgewählte Dramen des Expressionismus Phänomene der Moderne darstellen und bewerten. Das primäre Ziel ist es, Konzepte von Moderne innerhalb dieser Dramen zu identifizieren und zu analysieren, ob die Autoren die Moderne bejahen, ablehnen oder radikale Gegenentwürfe zur gesellschaftlichen Modernisierung präsentieren.
Industrialisierung und technologische Rationalisierung
Die Industrialisierung und die mit ihr einhergehende technische Rationalisierung wurden bereits im Kapitel zum Modernebegriff als wichtige Triebfedern der Modernisierung bezeichnet. Ebenso stark, wie sie auf die Gesellschaft wirkten, waren auch die Reaktionen, die ihnen seitens der gesellschaftlichen Reflexionsorgane, insbesondere der Künste, entgegengebracht wurden. In der Literatur des Expressionismus lassen sich sehr unterschiedliche Reaktionen auf die industrialisierte Gegenwart finden. Während Kasimir Edschmid erklärt, die Expressionisten sähen „das Göttliche in den Fabriken“, lässt sich gerade in der expressionistischen Lyrik so mancher Beleg dafür finden, dass industrielle Erscheinungen oft nicht als göttlich gesehen wurden, sondern vielmehr als teuflischer, unkontrollierbar verselbstständigter Moloch. Beispiele für letztere Tendenz drängen besonders sich in Pinthus‘ Anthologie Menschheitsdämmerung geradezu auf und wurden auch in der Forschung bereits in aller Ausführlichkeit betrachtet, weshalb an dieser Stelle nicht näher darauf eingegangen werden muss.
In der Forschung wird diese innere Gegensätzlichkeit gerne durch den Ersten Weltkrieg erklärt. Das allgemeine Erklärungsmuster lautet dabei oft, der Erste Weltkrieg habe die Technik-Euphorie zunichte gemacht, nachdem die Autoren zu Beginn des Expressionismus die Technik als „Mittel zur rauschhaften Steigerung [des] vitalistisch geprägten Lebensgefühls“ gesehen hätten. Es ist sicherlich richtig, dass sich etwaige Begeisterung für den technischen Fortschritt in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges unter dem Eindruck der Wirkung von chemischen Kampfgase, Panzern und Materialschlachten schnell verflüchtigte. Man darf auch nicht vergessen, dass zwei der drei in dieser Arbeit besprochenen Autoren, nämlich Ernst Toller und Walter Hasenclever, diesen Krieg persönlich miterlebten und beide wohl durch ihn in ihrer Sicht auf die Möglichkeiten der Technik beeinflusst wurden.
Gleichzeitig sollte man den Einfluss des Ersten Weltkrieges auf die Einstellung der Autoren zur Entwicklung von Technik und Industrie auch nicht überbewerten, schließlich gab es auch vor den Materialschlachten des Krieges ein gehöriges Maß an Skeptizismus gegenüber der Technik sowie die Angst, man könne die Kontrolle über sie verlieren und schließlich von ihr kontrolliert werden – man denke hier nur an das mythische Motiv des Golem, einem durch die „Technik“ der Magie zum Leben erweckten Geschöpf, das sich in der Mythologie häufig gegen seinen Schöpfer wendet.
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie expressionistische Dramen mit Phänomenen der Moderne umgehen, und definiert den Fokus auf kanonische Texte von Autoren wie Georg Kaiser und Ernst Toller.
2 Moderne: In diesem Kapitel wird ein Arbeitsbegriff der Moderne entwickelt, der zwischen ästhetischer und gesellschaftlicher Moderne unterscheidet und zentrale Merkmale wie Industrialisierung, Kapitalisierung und rationale Denkweisen erarbeitet.
3 Expressionismus und Moderne – Überblick über die Forschung: Dieses Kapitel gibt einen Forschungsüberblick und kritisiert die oft zu starke Nähe der Literaturwissenschaft zu ihrem Gegenstand, was zu einer unkritischen Übernahme des Modernebegriffs der Autoren führen kann.
4 Darstellung der Moderne im expressionistischen Drama: Der Hauptteil analysiert, wie die Dramen die gesellschaftlichen Modernisierungstendenzen (Wirtschaft, Lebenswelt, Denken) darstellen, wobei die Autoren diese meist als defizitär ablehnen.
5 Gegenentwürfe zwischen Rückschritt und Neuanfang: Dieses Kapitel zeigt, dass die untersuchten Dramen keine Utopien, sondern apokalyptische oder rückwärtsgewandte Gegenentwürfe zur Moderne präsentieren, die eine Rückkehr zu vormodernen Verhältnissen anstreben.
6 Zum Selbstbild der Autoren: Das Kapitel reflektiert das Selbstverständnis der expressionistischen Autoren als politisch wirksame Dichter-Führer, die sich von autonomer Kunst distanzieren, um die Welt zu verändern.
7 Zusammenfassung & Ausblick: Diese Zusammenfassung resümiert, dass die Dramatiker des Expressionismus die Moderne als Ganzes ablehnen und der Leidensdruck eine Verbesserung innerhalb des Systems als unrealistisch erscheinen lässt.
8 Literaturverzeichnis: Dies ist das vollständige Verzeichnis der in der Arbeit verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Expressionismus, Moderne, expressionistisches Drama, Industrialisierung, Kapitalisierung, gesellschaftliche Moderne, ästhetische Moderne, Fragmentierung, Neuer Mensch, Gesellschaftskritik, Literaturwissenschaft, Wahrheitspluralismus, Subjektautonomie, Apokalypse, Vormoderne
Die Arbeit analysiert die Darstellung und Bewertung von Phänomenen der Moderne in zentralen Dramen des Expressionismus.
Zu den Schwerpunkten zählen wirtschaftliche Prozesse, die Veränderung der Lebenswelt durch Urbanisierung, die Rolle wissenschaftlicher Rationalität sowie das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft.
Das Ziel ist es zu untersuchen, wie die expressionistischen Autoren die Moderne als Ganzes wahrnehmen und welche Konzepte sie als Gegenentwurf oder Reaktion darauf entwickeln.
Die Arbeit nutzt einen literaturwissenschaftlichen Ansatz, kombiniert mit soziologischen und philosophiehistorischen Konzepten der Moderne, um die Dramen systematisch zu untersuchen.
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Modernisierungstendenzen (Wirtschaft, Lebenswelt, Denken) und die Untersuchung der von den Autoren entworfenen Gegenmodelle sowie deren Selbstbild.
Wichtige Begriffe sind Expressionismus, Moderne, Fragmentierung, Neuer Mensch, Industrialisierung und Gesellschaftskritik.
Die Autoren empfinden die Moderne als ein fragmentiertes und entfremdendes System, das den Menschen auf eine bloße Funktion reduziert, weshalb sie sich nach einer verlorenen Ganzheit sehnen.
Der Krieg wird zwar oft als Katalysator für die Skepsis gegenüber der Technik genannt, die Arbeit argumentiert jedoch, dass die grundsätzliche Ablehnung der Moderne als tiefere, strukturelle Reaktion zu verstehen ist.
Die Dramen stehen dem Wahrheitspluralismus kritisch gegenüber; statt eines gleichberechtigten Nebeneinanders verschiedener Positionen wird in der Regel eine spezifische Sichtweise als die einzig "richtige" markiert.
Obwohl ihre Kunst modern ist, halten die Autoren am Anspruch fest, als Dichter-Führer die Gesellschaft im Ganzen verändern zu können, was in einer funktional ausdifferenzierten, modernen Gesellschaft faktisch nicht mehr der Fall ist.
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