Bachelorarbeit, 2023
39 Seiten, Note: 1,0
Einleitung
1 Über Yakup Kadri Karaosmanoğlu und sein Werk Yaban
2 Yaban aus subjektivierungstheoretischer Perspektive
2.1 Parteilichkeit des Histors
2.2 Ideologische Fremdheit aus literaturwissenschaftlicher Perspektive
2.3 Yaban als nationales Epos
2.4 Sozialisationseinflüsse
2.5 Der richtige Glaube an die Nation
2.6 Physische Unversehrtheit im Subjektivierungsprozess
2.7 Wissenshoheit im Subjektivierungsprozess
2.8 Soziale Schichten als distinktive Merkmale
3 Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht hermeneutisch, wie Yakup Kadri Karaosmanoğlu in seinem Roman Yaban (1932) türkische Identität, gesellschaftlich konstruierte Subjekte und die entindividualisierende Wirkungskraft kemalistischer Diskurse darstellt und historisch kontextualisiert.
Yaban und das Gefühl der Fremdheit
Tag für Tag verstehe ich es besser: Der türkische Intellektuelle, der türkische Gebildete, ist auf dieser endlosen und leeren Erde namens Türkisches Land eine fremde und einsame Person. Ein Eremit? Nein, ein eigenartiges Geschöpf müsste ich sagen. Stellt euch einen Menschen vor, dessen Rasse oder dessen Geschlecht unbekannt ist. Je mehr er sich dem Land nähert, das er für seine Heimat gehalten hat, fühlt er, dass er sich von seiner Wurzel entfernt.
Individualität sowie subjektive Wahrnehmungen und Erfahrungen sind hemmende Faktoren für die Schaffung einer homogenen Gesellschaft. Insbesondere in Bezug auf die Auseinandersetzung mit den alten osmanischen Ordnungen und traditionellen Werten auf der einen Seite sowie der Verwestlichung auf der anderen Seite mussten im Zuge der türkischen Nationalbewusstseinsschaffung sehr durchgreifende Reformen durchgesetzt werden, um die Bevölkerung dazu zu bringen, sich mit ihrer neuen Republik zu identifizieren. Die Ernüchterung Ahmet Celals in der Geschichte entspricht derselben Ernüchterung, die das Kader an idealistischen kemalistischen republikanischen Intellektuellen erlebt hat.
In dem Werk schwankt Ahmet Celal durchweg zwischen dem Gefühl der Fremdheit als Resonanzboden des Eigenen und dem Identifizierungsversuch mit der Dorfgesellschaft. So lässt Yakup Kadri seinen Protagonisten kundtun, dass er mit dem gesamten türkischen Volk in genealogischer Verbindung stünde, indem er Ahmet Celal die Frage stellen lässt, wie er den DorfbewohnerInnen erklären könne, dass das Blut in [s]einen Adern das gleiche [sei], das auch in ihren Adern fließt. Gleichzeitig wird ersichtlich, anhand welcher Kriterien der Protagonist seine Verbundenheit zur Dorfgesellschaft festmacht.
Einleitung: Einführung in die Fragestellung und den hermeneutischen Ansatz der Arbeit zur Diskursanalyse des Romans Yaban im Kontext des Kemalismus.
1 Über Yakup Kadri Karaosmanoğlu und sein Werk Yaban: Biographische Skizze des Autors und Einordnung des Romans in die Tradition der türkischen Nationalliteratur.
2 Yaban aus subjektivierungstheoretischer Perspektive: Theoretische Auseinandersetzung mit Begriffen wie Kollektivität, Fremdheit und Identitätskonstruktion in der frührepublikanischen Türkei.
2.1 Parteilichkeit des Histors: Analyse der Rolle des Autors als Konstrukteur seiner Geschichte und dessen subjektiver Wahrnehmung im Vorwort.
2.2 Ideologische Fremdheit aus literaturwissenschaftlicher Perspektive: Untersuchung der Entfremdung des Protagonisten durch die Erfindung einer starren nationalen Identität.
2.3 Yaban als nationales Epos: Anwendung von Bhabhas Konzepten zur pädagogischen Funktion von Literatur bei der Staatsgründung.
2.4 Sozialisationseinflüsse: Analyse des Einflusses der Umgebung auf das Individuum und die Scheiterung von Reformversuchen.
2.5 Der richtige Glaube an die Nation: Untersuchung der sakralen Intensität der Hingabe an die Nation innerhalb des Romans.
2.6 Physische Unversehrtheit im Subjektivierungsprozess: Betrachtung der ableistischen Rhetorik des Autors gegenüber der bäuerlichen Bevölkerung.
2.7 Wissenshoheit im Subjektivierungsprozess: Analyse der Macht-Wissen-Verhältnisse zwischen der intellektuellen Elite und den Dorfbewohnern.
2.8 Soziale Schichten als distinktive Merkmale: Auswertung der sozialen Schichtung als Grenzlinie zwischen dem Eigenen und dem Fremden.
3 Fazit: Zusammenfassende Einschätzung der Ergebnisse hinsichtlich der Konstruktion von Identität und Macht durch kemalistische Diskurse.
Yaban, Yakup Kadri Karaosmanoğlu, Kemalismus, Türkische Identität, Nationalbewusstsein, Fremdheit, Subjektivierung, Literaturwissenschaft, Diskursanalyse, Nationbuilding, Anatolien, Intellektuelle, Machtverhältnisse, Moderne, Sozialisation.
Die Arbeit analysiert die Konstruktion von Identität und die Wahrnehmung von Fremdheit im Roman "Yaban" von Yakup Kadri Karaosmanoğlu vor dem Hintergrund des kemalistischen Diskurses der frühen Republik Türkei.
Zentrale Themen sind die Abgrenzung zwischen intellektueller Elite und bäuerlicher Bevölkerung, der Einfluss nationalistischer Diskurse auf die Identitätsbildung sowie die Rolle der Literatur als Epos für die Vermittlung staatlicher Ideologien.
Ziel ist es, die Wechselwirkungen zwischen Individualität und Kollektivität in einer Phase gesellschaftlicher Transformation zu verstehen und aufzuzeigen, wie Diskurse soziale Subjekte hervorbringen beziehungsweise ausschließen.
Die Arbeit nutzt eine hermeneutische Herangehensweise, ergänzt durch eine wissenssoziologische Diskursanalyse, um das Werk in seinem sozio-kulturellen Kontext zu rekonstruieren.
Der Hauptteil gliedert sich in eine subjektivierungstheoretische Analyse, die Aspekte wie soziale Schichtung, Sprache als Exklusionsinstrument, körperliche Unversehrtheit und Wissenshoheit kritisch beleuchtet.
Die wichtigsten Begriffe sind Kemalismus, Identitätskonstruktion, Subjektivierung, Fremdheit und Nationbuilding.
Benedict Andersons Theorie dient als theoretische Grundlage, um zu verstehen, welche Kriterien wie Sprache, Religion und Traditionen zur Formung einer homogenen, imaginierten türkischen Nation verwendet wurden.
Aufgrund seiner Ausbildung und seiner elitären, durch den Kemalismus geprägten Weltsicht existiert eine tiefe Kluft zwischen ihm und den ländlich-traditionellen Bewohnern Anatoliens, die er nicht überbrücken kann.
Die Sprache dient als Code für soziale Zugehörigkeit. Der abwertende Ton des Protagonisten gegenüber dem anatolischen Dialekt fungiert als Instrument, um die Dorfbevölkerung als unterlegen zu stigmatisieren.
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