Magisterarbeit, 2008
74 Seiten, Note: 1.3
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen
3 Konzepte von Zeit
3.1 Die grausame Gottheit Zeit und die Metaphysik der Geschichte
3.2 Eine Topografie der Zeit: Bahnhöfe
3.3 Leben in einem anderen (Zeit-) Modus
4 Zwischenbetrachtung
5 Familienähnlichkeiten
5.1 Sprache und Wissen
5.2 Architektur
5.3 Zwei Beispiele: Das Eichhörnchen und das Archiv
5.3.1 Das Gedächtnis der Dinge – das Eichhörnchen, „veverka“
5.3.2 Die Bibliothèque Nationale
6 Medien der Erinnerung – Fotografie und Film
6.1 Fotografien
6.2 Film
7 Schlusswort
Die vorliegende Magisterarbeit analysiert W. G. Sebalds Roman Austerlitz im Hinblick auf die Darstellung von Trauma, Erinnerung und die konzeptuelle Ausgestaltung von Zeit. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie sich (Phantom-)Spuren der Vergangenheit in den Protagonisten und die Narration einschreiben und auf welche Weise Zeit als blockierende oder strukturgebende Instanz für die Identitätsfindung fungiert.
Die grausame Gottheit Zeit und die Metaphysik der Geschichte
Der Erzähler trifft Austerlitz zum ersten Mal im Wartesaal des Antwerpener Zentralbahnhofs, der „Salle des pas perdus“ (A 12). Dies setzt den Ton für die gesamte Erzählung: Sowohl Austerlitz als auch der Erzähler sind verlorenen Schritten, dunklen Erinnerungen und unergründlichen Ahnungen auf der Spur. Noch bevor Austerlitz’ Lebensgeschichte beleuchtet wird, führt der Text seine ausführliche, in Teilen obsessive Beschäftigung mit europäischer Baugeschichte ein. Der Bahnhof in Antwerpen sei 1905 nach zehnjähriger Bauzeit auf Wunsch König Leopolds, „unter dessen Patronat sich anscheinend unaufhaltsame Fortschritt vollzog“ (A 18) als Manifestation des „grenzenlosen Optimismus“ (A 17) seiner Epoche fertig gestellt worden. In seinen monumentalen Ausmaßen gleiche das Bauwerk einer „dem Welthandel und Weltverkehr geweihten Kathedrale“ (A 20), in der „in hierarchischer Anordnung die Gottheiten des 19. Jahrhunderts vorgeführt werden – der Bergbau, die Industrie, der Verkehr, der Handel und das Kapital“.
An höchster Stelle befinde sich „die durch Zeiger und Zifferblatt vertretene Zeit“ als „Statthalterin der neuen Omnipotenz“ (A 21). Austerlitz’ Benjaminischem Blick erscheint sie als die Inkarnation der Religiosität der Moderne; ihre „Kathedrale“ zelebriert die zentrale Stellung der Mobilität innerhalb des Erwartungshorizonts der neuen Epoche. Austerlitz erkennt in der auch innenarchitektonisch hervorgehobenen Stellung der neuen Gottheit, die den Reisenden überwacht und ihn zum Aufblicken zwingt, den absoluten Machtanspruch der gleichgeschalteten Zeit (vgl. A 22).
1 Einleitung: Hinführung zur Thematik des Traumas bei Sebald und Definition der zentralen Begriffe wie (Phantom-)Spuren der Zeit.
2 Theoretische Grundlagen: Darstellung klassischer und moderner Traumatheorien, insbesondere mit Bezug auf Freud, Caruth und Laub.
3 Konzepte von Zeit: Untersuchung der zeitlichen Dimensionen in Austerlitz, unterteilt in die Metaphysik der Geschichte, die Topografie der Bahnhöfe und alternative Zeitmodi.
4 Zwischenbetrachtung: Synthese der bisherigen Überlegungen zur metaphysischen Zeitkonzeption und der Verlusterfahrung des Protagonisten.
5 Familienähnlichkeiten: Analyse der Sammel- und Katalogisierungspraktiken als gescheiterte Versuche der Identitäts- und Wissenskonstruktion.
6 Medien der Erinnerung – Fotografie und Film: Erörterung der Rolle medialer Zeugenschaft und der Unzulänglichkeit von Fotografie und Film bei der Aufarbeitung der Vergangenheit.
7 Schlusswort: Resümee der Arbeit und Fazit zur Unmöglichkeit einer abschließenden Identitätsrekonstruktion für die Figur Austerlitz.
W. G. Sebald, Austerlitz, Trauma, Erinnerungskultur, Zeitkonzepte, Fotografie, Archiv, Postmemory, Holocaust, Identitätsverlust, Gedächtnis, Metaphysik, Architektur, Phantomspuren, Zeugenschaft.
Die Arbeit befasst sich mit W. G. Sebalds Roman Austerlitz und untersucht, wie der Protagonist versucht, seine durch ein Trauma verlorene Identität und Vergangenheit mittels verschiedener Medien und Orte zu rekonstruieren.
Im Fokus stehen das Trauma des Holocaust, die Philosophie der Zeit und des Gedächtnisses sowie die Rolle von Architektur, Fotografie und Archivierung als Mittel der Erinnerung.
Ziel ist es, die Konzepte von Zeit und die Bedeutung der (Phantom-)Spuren freizulegen, durch die sich das Trauma in Austerlitz’ Leben ausdrückt.
Die Autorin verwendet eine textanalytische Herangehensweise, die eng mit traumatheoretischen Diskursen (u.a. von Freud, Caruth, LaCapra und Assmann) verknüpft ist.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Zeitkonzepten, die Analyse der „Familienähnlichkeiten“ (Sammlungen/Archiv) sowie eine medienwissenschaftliche Betrachtung von Fotografie und Film im Kontext des Erinnerns.
Zentrale Begriffe sind Trauma, Identitätsverlust, Zeitkonzepte, Erinnerungsmedien, Archivierung und das Sebaldsche Motiv der Phantomspuren.
Bahnhöfe werden als Orte der „gleichgeschalteten Zeit“ und als topografische „Gedenkorte“ interpretiert, an denen sich Austerlitz’ Obsession und seine Konfrontation mit der eigenen Geschichte manifestieren.
Die Archivierung erweist sich als „Ersatzgedächtnis“ oder „Sicherheitsvorkehrung“, die den Wissenszuwachs vom eigentlichen Erfahren der Vergangenheit entkoppelt, wodurch keine echte Heilung des Traumas erreicht wird.
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