Diplomarbeit, 2009
91 Seiten, Note: 1,2
Teil I. Menschen mit Psychiatrieerfahrungen im Kontext mit sich selbst und der Psychiatrie – theoretischer Teil
1 Die „Psychisch Leidende“ im Sprachgebrauch
1.1 Krank, abweichend, verrückt, irre
1.2 Krankheit, Betroffenheit und Kritik
1.3 Zusammenfassung
2 Von der Krise zur „Verrücktheit“
2.1 Die Bedeutung von Krisen
2.2 Entstehen von „Verrücktheit“
2.3 Thesen zum Erleben von Psychosen
2.4 Zusammenfassung
3 Die etikettierte „Verrücktheit“
3.1 Grundsätzliches zum Etikettierungsansatz
3.2 Stabilisierung psychischen Leidens als gesellschaftlich geschaffener Prozess
3.3 Die psychiatrische Etikettierung
3.4 Zusammenfassung
4 Wege der Psychiatrie in Glauchau und Leipzig
4.1 Die sozialpsychiatrische Entwicklung in Leipzig
4.2 Die psychiatriegeschichtliche Entwicklung in Glauchau
4.3 Leipzig und Glauchau - psychosoziale Versorgungsnetze im Vergleich
4.4 Die Psychiatriereform auf Abwegen
4.5 Zusammenfassung
Teil II. Psychiatrieerfahrene Menschen und ihr eigenes Wissen – ausgewählte Einzelinterviews zu Wünschen und Bedürfnissen an die psychosoziale Versorgung in Leipzig und Glauchau
5 Die Interviews
Exkurs: Bedürfnisse von Psychiatrieerfahrenen
5.1 Der methodische Ansatz
5.1.1 Beteiligung psychiatrieerfahrener Menschen an der Forschung
5.1.2 Das halbstrukturierte Interview nach problemzentriertem Ansatz
5.2 Vorgehensweise
5.2.1 Zugang zu den Psychiatrieerfahrenen
5.2.2 Durchführung der Interviews
5.2.3 Auswertung
5.3 Die interviewten Psychiatrieerfahrenen
5.4 Zusammenfassung
6 Aus der Sicht Psychiatrieerfahrener - Ergebnisse einer Befragung
6.1 Erfahrungen mit der eigenen Krise und dem eigenen psychischen Leiden
6.2 Erfahrungen mit der klinischen Psychiatrie
6.3 Erfahrungen mit alternativen Hilfen
6.4 Wünsche und Bedürfnisse psychiatrieerfahrener Menschen
7 Psychiatrie wie sie sein könnte. Ein konzeptioneller Entwurf wirksamer Hilfen zur Bewältigung psychischen Leidens
7.1 Vorschläge für eine hilfreiche Unterstützung
7.2 Gewünschte Unterstützung und vorhandene Hilfeansätze im Vergleich
8 Schlussbetrachtungen
Diese Arbeit untersucht Wünsche und Bedürfnisse von Menschen mit Psychiatrieerfahrung an die psychosoziale Versorgung in den Städten Leipzig und Glauchau, um auf dieser Grundlage konzeptionelle Ansätze für eine hilfreiche Unterstützung bei der Bewältigung psychischer Krisen zu entwickeln.
3.1 Grundsätzliches zum Etikettierungsansatz
Der Etikettierungsansatz entstand in den 60er - Jahren als gegensätzliche Bewegung zu damals vorherrschenden medizinischen Konzepten. Frank Tannenbaum, „Urvater“ des Etikettierungs- oder Reaktionsansatzes (Labeling - Theorie) sah bereits 1938 als entscheidende Ursache für das Auftreten abweichenden Verhaltens, die sozialen Reaktionen der Umwelt auf dieses Verhalten. Vertreten durch beispielsweise Keupp, Becker, Scheff und Szasz erschien der Labeling - Ansatz, aufgrund seiner Gegensätzlichkeit, als „Teil des antipsychiatrischen Totalangriffs auf die Existenz von Psychiatrie als Institution (Keupp S. 200).“ Zum einen heißt es z.B. bei Heiner Keupp: Dass „eine wie immer beschaffene psychiatrische oder psychologische Theorie psychischer Störungen (Keupp 1987, S.90)“ nicht erklären könne, wie sich der Übergang eines als normal bezeichneten gesellschaftlichen Mitglieds zur psychisch Kranken vollzieht. Weiterhin erklären diese Theorien nicht inwiefern das gesellschaftliche System etwas unternommen hat um die Störung zu beseitigen, welches wiederum Einfluss auf die von der Norm abweichende Person ausübt.
An diesem Punkt, so Keupp, setze der Etikettierungsansatz an (vgl. Keupp 1987, S. 91). Die e.g. Vertreter des Ansatzes sehen so verstanden die „Abweichung“ einer Person nicht in ihrem Verhalten an sich, sondern in der Interaktion zwischen einem Menschen, der eine Handlung begeht und Menschen, die darauf reagieren (Riederer 1999, o.S.).“ Demnach ist das abweichende Verhalten einer Person nicht auf deren Störung zurückzuführen sondern liegt in der, sie umgebenden Gesellschaft begründet. Psychische Störungen und Abweichungen gelten somit als Prozesse sozialer Interaktion und Zuschreibung. Folglich würde das abweichende Verhalten durch gesellschaftliche Reaktionen erst als solches definiert.
1 Die „Psychisch Leidende“ im Sprachgebrauch: Dieses Kapitel hinterfragt gängige psychiatrische Fachbegriffe und setzt sich kritisch mit deren Auswirkungen auf die Identität der Betroffenen auseinander.
2 Von der Krise zur „Verrücktheit“: Hier wird die Entstehung von Krisen und Psychosen sowie deren individuelle Bedeutung als Teil des Menschseins thematisiert.
3 Die etikettierte „Verrücktheit“: Das Kapitel analysiert den Etikettierungsansatz und wie soziale Zuschreibungsprozesse psychisches Leiden stabilisieren und als Karriere verfestigen können.
4 Wege der Psychiatrie in Glauchau und Leipzig: Die psychiatriegeschichtliche Entwicklung der beiden Versorgungsgebiete wird dargestellt, inklusive einer kritischen Bestandsaufnahme aktueller Strukturen.
5 Die Interviews: Beschreibung der angewandten qualitativen Forschungsmethode, der Kontaktaufnahme zu den Psychiatrieerfahrenen und der Auswertungslogik.
6 Aus der Sicht Psychiatrieerfahrener - Ergebnisse einer Befragung: Präsentation und Analyse der qualitativen Interviewergebnisse bezüglich Krisenerfahrungen, psychiatrischer Behandlung und alternativer Hilfen.
7 Psychiatrie wie sie sein könnte. Ein konzeptioneller Entwurf wirksamer Hilfen zur Bewältigung psychischen Leidens: Ableitung von konkreten Handlungsvorschlägen für professionelle Akteure und das psychosoziale Hilfesystem basierend auf den Befragungsergebnissen.
8 Schlussbetrachtungen: Zusammenfassende Reflexion der Ergebnisse und Plädoyer für eine betroffenenorientierte Psychiatrie.
Psychiatrieerfahrung, psychosoziale Versorgung, Krisenbewältigung, Etikettierung, Labeling-Ansatz, Betroffenenorientierung, stationäre Psychiatrie, ambulante Hilfen, Selbsthilfe, Psychose, Psychiatriereform, Sozialpsychiatrie, Beziehungsgestaltung, Nutzerpartizipation, Versorgungsstruktur.
Die Arbeit befasst sich mit den Wünschen und Bedürfnissen von Menschen mit Psychiatrieerfahrung hinsichtlich der psychosozialen Versorgungsangebote in Leipzig und Glauchau.
Zentral sind die Themen Krisenbewältigung, die Rolle der psychiatrischen Institutionen, der Einfluss gesellschaftlicher Etikettierung sowie die Bedeutung von Selbsthilfe und alternativen Hilfsangeboten.
Ziel ist es, die Perspektive der Betroffenen sichtbar zu machen und konkrete konzeptionelle Ansätze für eine bedürfnisgerechtere und hilfreiche Unterstützung bei der Bewältigung psychischer Krisen zu formulieren.
Die Autorin wählte einen qualitativen Forschungsansatz mittels halbstrukturierter Interviews, die problemzentriert mit Psychiatrieerfahrenen aus Leipzig und Glauchau durchgeführt wurden.
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Etikettierung und Psychiatriegeschichte sowie einen empirischen Teil, der die persönlichen Erfahrungen, Wünsche und das Wissen der befragten Psychiatrieerfahrenen darlegt.
Die wichtigsten Schlagworte sind Psychiatrieerfahrung, Betroffenenorientierung, soziale Zuschreibung, Versorgungsnetzwerke und die Förderung der Selbsthilfe.
Die Untersuchung zeigt deutliche Unterschiede, insbesondere bei der Dichte ambulanter Angebote und dem Vorhandensein spezifischer Selbsthilfeinitiativen, wobei in Leipzig insgesamt ein breiteres Spektrum an komplementären Diensten existiert.
Gefordert werden vor allem mehr Zeit für Gespräche, eine Haltung auf Augenhöhe, echte Empathie, die Vermeidung von Stigmatisierung und ein Verzicht auf übermäßige Medikalisierung zugunsten einer ganzheitlichen Begleitung.
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