Bachelorarbeit, 2020
28 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Postmemory und „Vielleicht Esther“
2.1 Postmemory und Fotos am Beispiel von Warschau
2.2 Bahnhöfe und Züge
2.3 Autofiktion nach dem Vergessen
2.4 Kontaminierte Landschaften in Kiew
2.5 Erinnerungsräume und -perspektiven von Berlin aus
3. Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Katja Petrowskajas Roman „Vielleicht Esther“ die Konzepte von Postmemory, Erinnerungsräumen und kontaminierten Landschaften integriert, um eine individuelle Rekonstruktion familiärer Geschichte und Identität zu ermöglichen. Dabei wird analysiert, wie die Ich-Erzählerin durch Reisen an historische Orte und die Einbindung medialer Artefakte versucht, klaffende Leerstellen im familiären Gedächtnis zu überbrücken.
2.2 Bahnhöfe und Züge
Diese Verbindung zur Vergangenheit ist auch symbolisch im Roman durch Bahnhöfe und Züge dargestellt. „Mir wäre es lieber, ich müsste meine Reise nicht hier beginnen, in der Ödnis um den Bahnhof, die immer noch von der Verwüstung der Stadt zeugt“, lautet die erste Aussage des Romans. (Petrowskaja 7) Hier begibt sich Katja auf den Weg in die Geschichte ihrer Familie, indem sie sich auf die Reise durch Ort und Zeit macht – in die Erinnerung ihrer Familie hinein, an Orte des Geschehens, in Archive der Orte, wo ihre Familie einmal gelebt hat und die sie nun ganz anders vorfindet. Dieser Auftakt der Reise am Bahnhof signalisiert nicht nur die Bewegung, die sie aufnimmt, sondern erinnert auch an die Rolle der Bahnhöfe, Züge und Transporte in der Geschichte ihrer (sehr mobilen) Familie, sowie der Rolle der Deutschen Bahn während des Holocaust. Denn „ein Ort, an dem es immer zieht und wo sich der Blick auf eine Ödnis öffnet“, eine „Leere inmitten der Stadt, die keine Regierung füllen kann, mit keinen großzügigen Bauten und keinen guten Absichten“, kann als Repräsentation der Leere in der Erinnerung des Einzelnen und das Fehlen der Menschen und Kultur gedeutet werden, die durch den Holocaust ausgelöscht wurden.
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentralen Begriffe Postmemory, Erinnerungsräume und kontaminierte Landschaften ein und erläutert die methodische Herangehensweise an Petrowskajas Roman.
2. Postmemory und „Vielleicht Esther“: In diesem Hauptkapitel wird analysiert, wie die Erzählerin durch verschiedene Orte und Medien versucht, die Familiengeschichte zu rekonstruieren und sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen.
2.1 Postmemory und Fotos am Beispiel von Warschau: Dieses Unterkapitel untersucht die Bedeutung von Fotografien als Beweisstücke und deren Rolle bei der Entwicklung eigenständiger Erinnerungen in der Nachfolgegeneration.
2.2 Bahnhöfe und Züge: Hier wird die symbolische Rolle von Zügen und Bahnhöfen als Nicht-Orte und Orte der traumatischen Erfahrung in der Familiengeschichte diskutiert.
2.3 Autofiktion nach dem Vergessen: Dieses Kapitel thematisiert die erzählerische Authentizität und die Einordnung des Romans als autofiktionales Werk, das den Wahrheitsanspruch neu verhandelt.
2.4 Kontaminierte Landschaften in Kiew: Der Fokus liegt hier auf den Orten der eigenen Kindheit in Kiew wie Babij Jar, die durch die Verbrechen des Nationalsozialismus dauerhaft kontaminiert wurden.
2.5 Erinnerungsräume und -perspektiven von Berlin aus: Dieses Kapitel betrachtet Museen und Archive in Berlin als Orte der Erinnerung und setzt sich mit der Rolle der Nachkommen bei der aktiven Erinnerungsarbeit auseinander.
3. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung bündelt die Ergebnisse zur Bedeutung von Orten und Erzählungen für die Identitätskonstruktion und mahnt einen sensiblen Umgang mit der Geschichte an.
Postmemory, Vielleicht Esther, Katja Petrowskaja, Holocaust, Erinnerungskultur, Autofiktion, Kontaminierte Landschaften, Identität, Familiengeschichte, Erinnerungsorte, Nicht-Orte, Warschau, Kiew, Trauma, Narrativ.
Die Arbeit analysiert, wie in Katja Petrowskajas Roman „Vielleicht Esther“ Orte als Mediatoren fungieren, um persönliche Familiengeschichte im Kontext des Holocaust zu rekonstruieren.
Zentral sind die theoretischen Konzepte von Marianne Hirsch (Postmemory), Marc Augé (Nicht-Orte) und Martin Pollack (kontaminierte Landschaften) sowie deren Anwendung auf literarische Texte.
Ziel ist es zu zeigen, wie die Erzählerin durch räumliche Exkurse und die Auseinandersetzung mit medialen Relikten Lücken in der Familienerinnerung schließt, ohne dabei einen absoluten Wahrheitsanspruch zu erheben.
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Ansätze zur Erinnerungskultur mit einer detaillierten Textanalyse des Romans kombiniert.
Im Hauptteil werden verschiedene Schauplätze (Warschau, Kiew, Berlin) und mediale Aspekte wie Fotos, Architektur und mündliche Überlieferungen auf ihre Funktion im Prozess der Postmemory-Bildung untersucht.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Postmemory, Autofiktion, Erinnerungsrekonstruktion und das Spannungsfeld zwischen „History“ und „Memory“ geprägt.
Das Foto fungiert als „ghostly revenant“ (Geistererscheinung) der Vergangenheit, das Katjas falsche Annahmen korrigiert und ihr das Ausmaß der Betroffenheit ihrer polnischen Verwandten bewusst macht.
Sie beschreibt den Zustand, dass durch wiederholte Zerstörung, Vertuschung und Umnutzung des historischen Ortes ein direkter Zugang zur Vergangenheit versperrt bleibt und nur durch eine langwierige, fragmentarische Rekonstruktion eine Ahnung davon gewonnen werden kann.
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