Examensarbeit, 2009
55 Seiten, Note: 2,0
1. Einleitung
2. Der geschichtliche Raum
2.1. Alexander II. und die Aufhebung der Leibeigenschaft
2.2. Gestaltwandel durch Reformen
2.3. Revolutionäre Aktivität, Nihilismus und Terror
2.4. Asienpolitik, Imperialismus und Panslavismus
3. Kulturelles Leben
3.1. Modernisierungsschub in den beiden Hauptstädten
3.2. Aufschwung von Kunst und Wissenschaft
4. Ästhetik und Literaturkritik
4.1. Polarisierung in der Ästhetik: „reine“ vs. nützliche Kunst
4.2. Der Sovremennik
4.3. Radikale Kritiker
5. Das Zeitalter des realistischen Romans
6. Turgenev-Romanist
7. Otcy i deti (Väter und Söhne) – ein Gegenwartsroman
7.1. Bazarov als eine der Hauptfiguren des Romans Otcy i deti
7.1.1. Beziehung Bazarovs zu dem Adel und den Bauern
7.1.2. Die politischen Ansichten Bazarovs
7.1.3. Die wissenschaftlichen Auffassungen Bazarovs
7.1.4. Bazarovs Nihilismus
7.1.5. Bazarov und Odincova
7.1.6. Die seelische Krise Bazarovs
7.2. Andere handelnde Personen
7.2.1. Pavel Kirsanov
7.2.2. Nikolaj Kirsanov
7.2.3. Arkadij Kirsanov
7.3. Resümee
8. Andere Werke
8.1. Rudin
8.2. Zapiski ochotnika (Aufzeichnungen eines Jägers). Chorʼ i Kalinyč
9. Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit untersucht die kulturellen Entwicklungen Russlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und analysiert, wie diese gesellschaftlichen und politischen Umbrüche das literarische Werk von Ivan Sergejevič Turgenev beeinflusst und durch ihn interpretiert wurden.
7.1.1. Beziehung Bazarovs zu dem Adel und den Bauern
Der Leser lernt Bazarov im 2. Kapitel kennen: „Николай Петрович быстро обернулся и, подойдя к человеку высокого роста в длинном балахоне с кистями, только что вылезшему из тарантаса, крепко стиснул его обнаженную красную руку, которую тот не сразу ему подал. „Душевно рад, - начал он - и благодарен за доброе намерение посетить нас; надеюсь …позвольте узнать ваше имя и отчество?“ - Евгений Васильев, - отвечал Базаров ленивым, но мужественным голосом и, отвернув воротник балахона, показал Николаю Петровичу все свое лицо. Длинное и худое, с широким лбом, кверху плоским, книзу заостренным носом, большими зеленоватыми глазами и висячими бакенбардами песочного цвету, оно оживлялось спокойной улыбкой и выражало самоуверенность и ум. – Надеюсь, любезнейший Евгений Васильич, что вы не соскучитесь у нас, - продолжал Николай Петрович. Тонкие губы Базарова чуть тронулись; но он ничего не отвечал и только приподнял фуражку. Его темно-белокурые волосы, длинные и густые, не скрывали крупных выпуклостей просторнoго черепа“57. Es ist erstaunlich, wie heftig die Eindrücke des Lesers schon im ersten Moment des Kennenlernens von Bazarov wechseln. Man befindet sich noch ganz unter dem Charme von Nikolaj Petrovič, einer etwas schwächlichen Persönlichkeit, die lächerlich schutzlos vor seinem Diener ist. Man erlebt noch die Geschichte seines Lebens mit. Und plötzlich erscheint ein Charakter, der hart und scharf ist, der den Leser mit seinen Männlichkeit, Stärke und Offenheit bezaubert. Neben dem weichen und leichtgläubigen Nikolaj Petrovič lockt und beunruhigt die Schroffheit Bazarovs den Leser.
1. Einleitung: Vorstellung der Relevanz russischer Literatur des 19. Jahrhunderts und der Forschungsfrage bezüglich Turgenevs Werk im gesellschaftlichen Kontext.
2. Der geschichtliche Raum: Analyse der politischen Lage unter Alexander II., der Aufhebung der Leibeigenschaft, der Reformen sowie der Entstehung revolutionärer Bewegungen und des Nihilismus.
3. Kulturelles Leben: Darstellung der Modernisierung in Moskau und St. Petersburg sowie des Aufschwungs von Kunst und Wissenschaft im Reformzeitalter.
4. Ästhetik und Literaturkritik: Untersuchung der Debatten um "reine" versus "nützliche" Kunst und Vorstellung wichtiger zeitgenössischer Kritiker und Publikationen.
5. Das Zeitalter des realistischen Romans: Beschreibung der Entwicklung des russischen Realismus und der zentralen Rolle der Romanform zur Abbildung gesellschaftlicher Spannungen.
6. Turgenev-Romanist: Überblick über Turgenevs Rolle als führender Romancier und seine biografischen Hintergründe.
7. Otcy i deti (Väter und Söhne) – ein Gegenwartsroman: Detaillierte Analyse der Handlung, der Hauptcharaktere (insb. Bazarov) und der thematischen Konflikte zwischen den Generationen.
8. Andere Werke: Kurze Vorstellung der Romane "Rudin" und der Erzählungen "Aufzeichnungen eines Jägers" in Bezug auf ihr gesellschaftliches Erkenntnisinteresse.
9. Zusammenfassung: Abschlussbetrachtung über Turgenevs Werk als Kompensation für fehlende russische Philosophie und Spiegel der existentiellen Grundfragen seiner Zeit.
Russland, 19. Jahrhundert, Ivan Turgenev, Väter und Söhne, Nihilismus, Realismus, Alexander II., Leibeigenschaft, Bazarov, Literaturkritik, Raznočincy, Gesellschaftsroman, Sozialrevolutionäre, Bauernreform, Identität
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen Russlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dem literarischen Schaffen von Ivan Turgenev.
Im Zentrum stehen die Auswirkungen der Reformen Alexanders II., der Aufstieg revolutionärer Ideen, die Entstehung des russischen Realismus in der Literatur und die Analyse von Generationenkonflikten.
Ziel ist es aufzuzeigen, wie kulturelle Umbrüche das Werk Turgenevs beeinflusst haben und inwiefern der Dichter diese Entwicklungen in seinen Romanen, insbesondere in "Väter und Söhne", interpretierte.
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die den Text mit historischen Kontextdaten, zeithistorischer Literaturkritik und biografischen Fakten verknüpft.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einbettung, die Analyse der zeitgenössischen Literaturkritik sowie eine tiefgehende Interpretation des Romans "Väter und Söhne" und ausgewählter früherer Werke Turgenevs.
Begriffe wie Nihilismus, Realismus, Raznočincy, Leibeigenschaft und das Generationenverhältnis zwischen Vätern und Söhnen sind für das Verständnis der Arbeit zentral.
Bazarov fungiert als Prototyp des Nihilisten, der gesellschaftliche Autoritäten und Traditionen radikal hinterfragt, dabei jedoch durch seine persönliche Entwicklung und seine Unfähigkeit, sich emotionalen Wahrheiten zu entziehen, scheitert.
Turgenev zeigt den Adel oft als lebensuntüchtig oder in einer Krise befindlich, während er den Bauern zwar als rechtlos und unterdrückt, aber als psychologisch differenziertes Subjekt mit eigenen Werten porträtiert.
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