Bachelorarbeit, 2020
39 Seiten, Note: 1,7
1 Einleitung
2 Miss Sara Sampson (1755)
2.1 Sara: eine tugendhafte Tochter mit Fehltritt
2.2 Die „Entartung der Muttergestalt“: Marwood
2.3 Die Konfrontation von Tugend und Laster: Saras Begegnung mit Marwood
2.4 Zusammenfassung
3 Emilia Galotti (1772)
3.1 Die unmündige Tochter: Emilia
3.2 Die revolutionäre Frau: Orsina
3.3 Claudia – eine stereotypische Mutter
3.4 Zusammenfassung
4 Kabale und Liebe (1784)
4.1 Luise – die zu Fehltritten neigende Tochter
4.2 Lady Milford – das lasterhafte Gegenteil Luises?
4.3 Die Repräsentantinnen der Stände: Luises Begegnung mit Lady Milford
4.4 Das „Klischee der Typenkomödie“: Frau Miller
4.5 Zusammenfassung
5 Schlussfolgerungen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theatrale Operation des Auftritts von weiblichen Figuren im deutschen bürgerlichen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts, um aufzuzeigen, wie diese zur Konstitution von Tugend, Laster und der gesellschaftlichen Legitimation der Protagonistinnen beitragen.
2.1 Sara: eine tugendhafte Tochter mit Fehltritt
Sara tritt zwar in der allerersten Szene des Stückes noch nicht selbst auf, wird aber durch ihren Vater Sir William in einem Gespräch mit seinem Diener Waitwell eingeführt. Bereits hier wird ihr Fehler, sich nicht nach dem Wunsch des Vaters gerichtet zu haben, angesprochen, gleichzeitig aber auch verziehen:
Sir William. […] Wenn sie mich noch liebt, so ist ihr Fehler vergessen. Es war der Fehler eines zärtlichen Mädchens, und ihre Flucht war die Wirkung ihrer Reue. Solche Vergehungen sind besser als erzwungene Tugenden. - […] Ich würde doch lieber von einer lasterhaften Tochter als von keiner geliebt sein wollen.
Sampson kann seiner Tochter diesen „Fehler“ also vergeben, da sie ihm offensichtlich wichtiger ist als die bürgerlichen Konventionen, weist aber im selben Moment darauf hin, dass sie sich scheinbar zu einer „lasterhaften Tochter“ entwickelt hat. Wirft man einen genaueren Blick auf den Begriff ‚Tugend‘ und dessen Bedeutung für die Gesellschaft im 18. Jahrhundert, so scheint Sir William jedoch nur teilweise Recht zu haben: Sturges weist darauf hin, dass „ein tugendhaftes Mädchen“ aus Lessings Sicht „Gehorsam, Aufopferung und Selbstdisziplin“ sowie „Frömmigkeit“ besitzen müsse. Auch Schmitt-Sasse bezeichnet „das vorzeitige Innehaben des Wohls der anderen“ als Tugend, was sich offenbar gut mit ‚Aufopferung‘ verbinden lässt; Fick macht auf den christlichen Tugendbegriff aufmerksam, welcher ein Kind gegenüber seinen Eltern „zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet“. Demnach erhalten die Zuschauenden zu Beginn des Stückes keinen besonders tugendhaften Eindruck von Sara.
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik des deutschen bürgerlichen Trauerspiels ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Funktion weiblicher Auftritte sowie deren Bezug zur Tugenddarstellung.
2 Miss Sara Sampson (1755): Dieses Kapitel analysiert das erste deutsche bürgerliche Trauerspiel und untersucht die Auftritte von Sara und Marwood im Hinblick auf deren Tugend bzw. Lasterhaftigkeit.
3 Emilia Galotti (1772): Die Untersuchung widmet sich den Auftrittsbedingungen von Emilia, Orsina und Claudia, wobei die Bedeutung von Gemälden und die männliche Kontrolle über die weibliche Tugend im Vordergrund stehen.
4 Kabale und Liebe (1784): Hier wird Schillers Werk analysiert, wobei besonders die Rolle der Luise, die Figur der Lady Milford als adligem Gegenbild und das Klischee der Frau Miller beleuchtet werden.
5 Schlussfolgerungen: Dieses Kapitel zieht ein Fazit über die Bedeutung der Auftritte weiblicher Charaktere für die Wirkung des Mitleids und der gesellschaftskritischen Darstellung im Trauerspiel.
Bürgerliches Trauerspiel, Auftritt, Tugend, Laster, Mitleid, Lessing, Schiller, Frauengestalten, Ständegesellschaft, Theaterästhetik, Identifikation, Weibliche Rollenbilder, Unschuld, Vaterfigur, Gesellschaftskritik.
Die Hausarbeit setzt sich mit der Darstellung weiblicher Figuren im deutschen bürgerlichen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts auseinander und fokussiert dabei spezifisch auf die Funktion und die Art ihrer Auftritte auf der Bühne.
Zu den zentralen Themen gehören Tugendkonstruktionen, das Verhältnis von bürgerlicher Moral zu adligem Laster, der Einfluss von Müttern und Vätern auf die Töchter sowie die theatrale Bedeutung des Auftritts als legitimierendes Element.
Das Ziel ist aufzuzeigen, ob und inwiefern weibliche Auftritte im damaligen Theater das Ziel verfolgten, beim Publikum Mitleid zu erregen und moralische Besserung anzuregen, während sie gleichzeitig subtile Kritik an der zeitgenössischen Ständegesellschaft üben.
Die Autorin stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primärtexten und nutzt dabei theaterwissenschaftliche Theorien, etwa zur Auftrittsstruktur von Juliane Vogel, um die Präsenz und Bedeutung der Figuren auf der Bühne zu deuten.
Der Hauptteil gliedert sich in drei zentrale Dramenanalysen: Lessings "Miss Sara Sampson" und "Emilia Galotti" sowie Schillers "Kabale und Liebe". Für jedes Werk werden die Auftritte der Protagonistinnen, ihrer lasterhaften Gegenspielerinnen und deren Mütter intensiv untersucht.
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie "Bürgerliches Trauerspiel", "Tugend", "Auftritt", "Gesellschaftskritik" sowie die Namen der untersuchten Dramatiker Lessing und Schiller sowie deren spezifische Frauenfiguren charakterisieren.
Die Autorin argumentiert, dass in allen drei untersuchten Stücken die bloßen weiblichen Auftritte für die Tugendbewahrung nicht ausreichen; es bedarf des Eingreifens der Vaterfigur, um die Moral der Tochter zu retten oder vor Fehltritten zu bewahren.
Im Gegensatz zu Marwood oder Orsina wird Milford von der Autorin als tugendhafter gezeichnet, da ihr Laster nicht unmittelbar bildlich auf der Bühne sichtbar wird und sie zudem aktiv versucht, durch eigene gute Taten einen Teil ihrer verloren geglaubten Ehre zurückzugewinnen.
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