Magisterarbeit, 2005
86 Seiten, Note: 1,3
Einleitung
I. Kraftwerk - semantisches Zeichen in der Erlebnisgesellschaft
II. Niklas Luhmann - Die Realität der Massenmedien
1. Das soziale Gedächtnis
2. Neu wird alt, alt wird neu
III. Kraftwerk zur Einführung
IV. Kraftwerk - Akteur und Gegenstand im Diskurs über Popmusik
1. Gegen das Rockerklischee
2. Eine „typisch deutsche“ Band
3. Fritz Lang
4. Ein Labor auf dem Elfenbeinturm
5. „Kultureller Stalinismus“: Das Neuschreiben der Bandgeschichte
6. Design
7. Kraftwerk – prinzipiell bedeutsam
a) Text und Ton
b) Electric Café
c) Kraftwerk Live und auf Vinyl
d) Konstruktionen
8. Kraftwerk – prinzipiell unbedeutend
V. Kraftwerk in „neuen Kontexten“
1. Die „Coverversion“ im Diskurs über Popmusik
2. Balanescu Quartet – “Possessed”
a) Ein Rumänisches Wunderkind spielt Kraftwerk
b) Gerhard Schulze: Das Hochkulturschema
c) Kraftwerk = E-Musik
3. Terre Thaemlitz – „Die Roboter Rubato“
a) Der Ambient-Konzeptkünstler
b) „Techno mit Hirn“
4. Señor Coconut y su Conjunto – „El Baile Aleman“
a) Uwe Schmidt, ein musikalisches Chamäleon
b) „El Baile Aleman“ und die Anbindung an Kraftwerk
c) Chile, das „Gegenteil“ von Deutschland
d) Kraftwerks legitimer Erbe?
Ausblick
Die Arbeit untersucht, wie die Band Kraftwerk im Diskurs über Popmusik konstruiert wird und welche Rolle sie als symbolhaftes Zeichen für technologischen Fortschritt und kulturelle Identität einnimmt. Dabei wird analysiert, wie Medien und Rezipienten die Band in bestehende Deutungsschemata – insbesondere das der "Erlebnisgesellschaft" und der "Hochkultur" – einordnen, um der Unübersichtlichkeit des modernen Musikmarktes zu begegnen.
Ein Labor auf dem Elfenbeinturm
In dem Bemühen, nicht als normale Band wahrgenommen zu werden, verließen sich Kraftwerk nicht allein auf die Strategie der Abgrenzung gegen das „Rockerklischee“. Durch Verweise auf ihre Arbeitsprozesse unter Zuhilfenahme naturwissenschaftlichen Vokabulars näherte sich die Band zusätzlich dem Image des Wissenschaftlers bzw. Klangforschers an. Ihre Art zu musizieren wurde von ihnen als „scientific approach“, ihr Kling Klang-Studio als „Labor“ und die dort entstandene Musik als „zwangsläufiges Ergebnis unserer Forschungsarbeit“ bezeichnet. Für die Glaubwürdigkeit des Bildes vom bescheidenen Wissenschaftler oder „Musikarbeiter“ veranlassten Hütter und Schneider, dass von den Bandmitgliedern seit der Produktion des Albums „Die Menschmaschine“ nicht mehr Mercedes, sondern Volkswagen gefahren wurde. Wie ein Blick in die Zeitschrift Raveline zeigt, war das Bemühen um die Verortung als altruistische Wissenschaftler erfolgreich: „Was die Öffentlichkeit von ihnen erwartet, hat Kraftwerk eben noch nie wirklich interessiert.“
Sowohl der Eindruck, Kraftwerk sei egal, was „die Öffentlichkeit“ von ihnen denkt, als auch das streng naturwissenschaftliche Image stehen in einem direktem Zusammenhang mit der beinahe mythischen Selbstisolation der Band, auf die sich in fast jedem Artikel über Kraftwerk ein Hinweis findet. Dass die Band niemals Post beantwortet und auf Interviewanfragen meist nicht reagiert, gilt in der Musikpresse als bekannt. Interviews mit der Band haben Seltenheitswert und sind bis ins Detail abgesprochen. Tourneen mit anderen Bands hat es in den letzten 31 Jahren ebenso wenig gegeben wie eine Kooperation Kraftwerks mit anderen Künstlern. Laut Wolfgang Flür schlugen Hütter und Schneider Angebote unter anderem von Rainer Werner Fassbinder, David Bowie und Michael Jackson aus. Selbst in potentiell konfliktschwangeren Situationen bleiben Lebenszeichen der Band aus: Terre Thaemlitz, Produzent eines Albums mit Neuinterpretationen von Kraftwerk-Stücken und Pascal Bussy, Verfasser einer Biographie der Band, ließen jeweils ihre fertig gestellten Werke der Band zukommen. Mangels Reaktion werteten sie ausbleibende rechtliche Schritte von Kraftwerks Seite als stille Zustimmung und schritten zur Veröffentlichung fort.
Einleitung: Einführung in die Thematik der medialen Konstruktion von Kraftwerk anhand des Beispiels von Señor Coconuts "El Baile Aleman" und der allgemeinen Bedeutung der Band für das Deutschlandbild.
I. Kraftwerk - semantisches Zeichen in der Erlebnisgesellschaft: Theoretische Grundlegung durch Gerhard Schulzes Konzept der Erlebnisgesellschaft, um zu erklären, wie Musik als Zeichen für Ästhetik und Distinktion konsumiert wird.
II. Niklas Luhmann - Die Realität der Massenmedien: Untersuchung der Rolle massenmedialer Kommunikation bei der Bereitstellung von Hintergrundwissen und der Stabilisierung des sozialen Gedächtnisses.
III. Kraftwerk zur Einführung: Kurzer historischer Abriss der Bandgeschichte von ihren Anfängen als "Organisation" bis hin zu den internationalen Erfolgen der "klassischen Phase".
IV. Kraftwerk - Akteur und Gegenstand im Diskurs über Popmusik: Analyse der bewussten Inszenierung der Band als Gegenentwurf zum Rockerklischee, der "typisch deutschen" Identität und der wissenschaftlichen Arbeitsweise.
V. Kraftwerk in „neuen Kontexten“: Untersuchung, wie verschiedene Cover-Künstler Kraftwerk instrumentalisieren, um sich im Musikdiskurs neu zu positionieren, und wie das Image der Band dabei adaptiert oder kritisiert wird.
Ausblick: Zusammenfassung der Ergebnisse und Einschätzung der zukünftigen Rolle von Kraftwerk als "Marke" und kulturelles Symbol vor dem Hintergrund eines Generationenwechsels im Musikgeschäft.
Kraftwerk, Popmusik, Diskursanalyse, Erlebnisgesellschaft, Niklas Luhmann, Massenmedien, Coverversionen, Elektronische Musik, Musiksoziologie, Señor Coconut, Balanescu Quartet, Terre Thaemlitz, Industriekultur, Mythos, Distinktion
Die Magisterarbeit untersucht, wie die Popgruppe Kraftwerk im Diskurs von Musikpresse und Feuilletons als kulturelles Zeichen konstruiert wird. Dabei steht die Frage im Zentrum, warum die Band trotz ihrer geringen Veröffentlichungsfrequenz als eine der einflussreichsten und bedeutendsten Formationen der Popmusikgeschichte wahrgenommen wird.
Die Arbeit analysiert die Strategien zur Abgrenzung vom gängigen Rocker-Klischee, die Inszenierung der Bandmitglieder als technologische "Musikarbeiter" sowie die Bedeutung der deutschen Herkunft für das Image der Band im internationalen Kontext.
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Kraftwerk als "semantisches Zeichen" in der modernen Erlebnisgesellschaft funktioniert und wie Medien durch die Einordnung in bestehende Schemata (z.B. Hochkultur oder Avantgarde) das Bild der Band konstruieren, pflegen und fortwährend aktualisieren.
Es handelt sich primär um eine diskursanalytische Untersuchung. Der Autor stützt sich dabei auf soziologische Konzepte wie Gerhard Schulzes "Erlebnisgesellschaft" und Niklas Luhmanns Systemtheorie der Massenmedien, um die mediale Berichterstattung über die Band und ihre Einflüsse zu dekonstruieren.
Die Cover-Projekte (Balanescu, Thaemlitz, Señor Coconut) dienen als Fallbeispiele, um zu zeigen, wie Künstler versuchen, die "mythische" Bedeutung von Kraftwerk für die eigene Profilierung zu nutzen und wie diese Adaptionen in den Medien wiederum auf den Ausgangs-Mythos Kraftwerk zurückwirken.
Die Arbeit bietet eine tiefgehende Analyse der medialen Strategien der Band (z.B. die "Neuschreibung" der eigenen Geschichte) und zeigt auf, dass der Status von Kraftwerk als technologische Pioniere maßgeblich ein Produkt der massenmedialen Konstruktion und nicht ausschließlich durch die rein musikalischen Fakten belegbar ist.
Der Autor ordnet den Erfolg als Produkt einer günstigen Konstellation ein, in der die mediale Vorliebe für lateinamerikanische Themen (die sogenannte "Kuba-Welle") auf das starke semantische Zeichen "Kraftwerk" traf, welches dem Projekt Señor Coconut erst die notwendige mediale Aufmerksamkeit verschaffte.
Der Autor bezeichnet dies als "kulturellen Stalinismus" und dokumentiert ausführlich, wie die Band ihr Image im Laufe der Jahrzehnte bereinigt hat (z.B. Tilgung der frühen Rock-Alben von der Homepage), um ein kohärentes Bild als futuristische, elektronische Pioniere aufrechtzuerhalten.
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