Masterarbeit, 2020
88 Seiten, Note: 6,0 (Schweiz)
1 EINLEITUNG
1.1 Einführung in das Forschungsprogramm der evolutionären Literaturwissenschaft
1.2 Mittelalterliche Heldenepik in evolutionärer Perspektive
1.3 Forschungsfragen, -stand und Zielsetzung
2 POETIK DER SOZIALITÄT IM ‹ROLANDSLIED›
2.1 sîn lant, daz was fraissam, daz liut, daz ist grimme: Xenophobisch motivierte Ingroup- und Outgroup-Konstruktionen
2.2 wie grôze in got lônet, mîn trechtîn, die brüederlîchen mit ain ander sîn!: Verwandtschaftspräferenz und familiale Argumentationsfiguren
2.3 Der keiser zurnte harte. mit gestreichtem barte: Moderne kaiserliche und kämpferische Emotionsdramaturgien
2.4 dîn muoter ist mîn wîb. mîn sun Baldewîn scholde dîn bruoder sîn: Evolutionäre Störfälle im Spannungsfeld zwischen evolutionärer Logik und christlicher Heilsgeschichte
3 SEXUELLE SELEKTION UND STATUS IM ‹NIBELUNGENLIED›
3.1 vil manigen puneiz rîchen man vor den juncvrouwen vant: Räume der intra- und intersexuellen Selektion im Turnier und Krieg
3.2 swer ir minne gerte, der muose âne wanc driu spil angewinnen: Genderrelativ divergierende Partnerselektionsstrategien
3.3 Kriemhilt niht langer lie, vor des kuniges wîbe inz münster si dô gie: Status als identitätsstiftendes Universalkonzept
3.4 dô hiez si ir bruoder nemen sînen vil schoenen lîp: Zufall und Schicksal, biologische Logik und evolutionäre Störmomente
4 EXKURS: EVOLUTIONÄRE ÄSTHETIK IM ‹STRASSBURGER ALEXANDER›
4.1 Sus lussame sache is al der werlt unkunt: Ästhetisierung durch die Gestaltung anthropophiler Landschaftsstrukturen
4.2 Ih ne sach nie von wîbe scôner antluzze mê, noh ougen alsô wol stê: Erotisierte Koppelung natürlich-urwüchsiger mit weiblicher Schönheit
5 PROBLEME DER GENETIK UND GENEALOGIE IM ‹OTNIT› UND ‹WOLF DIETRICH›
5.1 wenn im die muoter stirbet, so will er die tochter nemen: Inzest als Störfaktor und organisierendes Motiv zugleich
5.2 ir sagt mir wer ich selber und mein geschlächte sei: Gestörte genealogische Strukturen
5.3 wo namest du das kindelein, du namests von dem teufel!: Vaterschaftsunsicherheit als evolutionäres Narrativ
6 SYNTHESE: ERGEBNISSE DER FALLSTUDIEN UND FAZIT
Die Arbeit untersucht die mittelalterliche Heldenepik durch die Linse der Evolutionspsychologie und -biologie, um fundamentale menschliche Verhaltensmuster in diesen fiktionalen Narrativen zu identifizieren. Es wird erforscht, wie evolutionäre Grundmotive wie Paarungsstrategien, Verwandtenselektion und Statusstreben als strukturbildende Elemente in den untersuchten Epen fungieren und teilweise in Konflikt mit religiösen oder heilsgeschichtlichen Inhalten der Texte treten.
2.1 sîn lant, daz was fraissam, daz liut, daz ist grimme: Xenophobisch motivierte Ingroup- und Outgroup-Konstruktionen
Evolutionsbiologisch stellt Fremdenfeindlichkeit oder Xenophobie ein überlebensdienliches Erbe aus dem Tier-Mensch-Übergangsfeld dar. Bereits jägergesellschaftliche Kollektive beanspruchten wie ihre hominiden Vorgänger Territorien, um die darin enthaltenen überlebensnotwendigen Ressourcen zu akkumulieren. Im ‹Rolandslied› wird dieses Motiv durch Topoi der keineswegs profanen, sondern christlich motivierten Territorialpolitik umcodiert. Bereits im Prolog erwähnt der Erzähler, dass durch Karl der Expansionsradius des Christentums vergrössert werden soll:
vor gote ist er,
want er mit gote überwant
vil manige heideniske lant,
dâ er die cristen hât mit gêret,
alse uns daz buoch lêret. (V. 12–16)
Zudem kann die Suche nach heilsgeschichtlicher Wahrheit als eine Art Suche nach Ressourcen interpretiert werden, denn die Heiden wissen vor der Intervention der Christen nicht, wer ihr Schöpfer ist (sîne wessen ê nicht, wer ir schephaere was. V. 22 f.). Auf einer höheren Abstraktionsebene lässt sich die These aufstellen, dass die Christen im ‹Rolandslied› als Emittenten einer Botschaft fungieren: Sie müssen den Heiden die Ressource der Wahrheit vermitteln. Das frühzeitliche Sozialgefüge des Menschen war von Gruppen mit maximal 100–150 Individuen geprägt. Mögliche kognitive und verhaltensrelevante Adaptationen für kooperative Gruppenformen können Vorurteile gegenüber Outgroup-Mitgliedern sein, die um überlebens- und reproduktionsrelevante Ressourcen mitkonkurrieren. Aus diesem kompetitiven Prozess heraus entwickelte sich das Misstrauen gegenüber anderen Gesellschaften, sprich die Xenophobie als biologisch programmierte und nur z. T. sozialisatorisch erlernte Denkneigung. „Die Ubiquität […] von Vorurteilen verweist […] aus evolutionärer Perspektive darauf, dass diese […] einen funktionalen Nutzen gehabt haben muss“, weshalb die menschliche Tendenz, Fremden mit Aversion zu begegnen, durchaus adaptiv erscheint. Diese Tendenz wird durch religiöse Glaubenssysteme gar verstärkt.
1 EINLEITUNG: Einführung in die evolutionäre Literaturwissenschaft als interdisziplinäre Methode zur Analyse alter Erzählstoffe unter Berücksichtigung moderner psychologischer Konzepte.
2 POETIK DER SOZIALITÄT IM ‹ROLANDSLIED›: Untersuchung christlicher Identitätsbildung und der Abgrenzung gegenüber Heiden mittels evolutionärer Konzepte wie Ressourcenschutz und Verwandtenselektion.
3 SEXUELLE SELEKTION UND STATUS IM ‹NIBELUNGENLIED›: Analyse des Wettbewerbs um Paarungsvorteile und der Rolle von Status als identitätsstiftendem Konzept innerhalb der höfischen Gesellschaft.
4 EXKURS: EVOLUTIONÄRE ÄSTHETIK IM ‹STRASSBURGER ALEXANDER›: Anwendung der biologischen Ästhetik auf Landschaftsdarstellungen, die in der Natur des Menschen verankerte Präferenzen für bestimmte Umgebungen bedienen.
5 PROBLEME DER GENETIK UND GENEALOGIE IM ‹OTNIT› UND ‹WOLF DIETRICH›: Diskussion der Themen Inzest und Vaterschaftsunsicherheit als narratives Störmoment, welches die genealogische Stabilität des Adels bedroht.
6 SYNTHESE: ERGEBNISSE DER FALLSTUDIEN UND FAZIT: Zusammenfassung der Erkenntnisse, dass Heldenepen effektiv evolutionäre Semantiken nutzen, um komplexe menschliche Affekte und gesellschaftliche Spannungsverhältnisse abzubilden.
Evolutionäre Literaturwissenschaft, Evolutionspsychologie, Heldenepik, Genetik, Genealogie, Partnerwahl, Statusstreben, Kin Selection, Xenophobie, Inzest, Ästhetik, Sozialverhalten, Überleben, Fortpflanzung, Mittelalter.
Die Masterarbeit wendet evolutionspsychologische und biologische Perspektiven auf die mittelalterliche Heldenepik an, um zu zeigen, dass auch diese klassischen Texte tief in der menschlichen Natur verwurzelte Verhaltensmuster und Konzepte verhandeln.
Die Themen umfassen die Poetologie der Sozialität, sexuelle Selektion, evolutionäre Ästhetik, genetische Fragestellungen, genealogische Strukturen und Verhaltensweisen wie Statusstreben und Gruppendynamik.
Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, dass literarische Inhalte und Figurenverhalten in der Heldenepik nicht zufällig, sondern durch evolutionäre Gegebenheiten motiviert sind und dass eine interdisziplinäre Analyse zu neuen Erkenntnissen über diese Gattungen führt.
Die Arbeit nutzt ein interdisziplinäres, multimethodales Vorgehen, das literaturwissenschaftliche Hermeneutik mit aktuellen Erkenntnissen der Evolutionspsychologie und -biologie verknüpft, um Erzählstrukturen neu zu deuten.
Der Hauptteil analysiert das ‹Rolandslied›, das ‹Nibelungenlied›, den ‹Strassburger Alexander› sowie ‹Otnit› und ‹Wolf Dietrich› anhand von spezifischen evolutionsbiologischen Konzepten wie Ingroup/Outgroup-Konflikten, Statuswettbewerb, Partnerwahl-Signalen und familiären Störfällen.
Zu den Kernbegriffen gehören Evolution, Heldenepik, Genetik, Status, Partnerwahl, Inzest, Ästhetik, Familienbeziehungen und menschliches Sozialverhalten.
Die Untersuchung zeigt, dass Frauen in den Texten oft als wählerische Akteurinnen agieren, die den reproduktiven Wert der Männer beurteilen, während sie gleichzeitig oft als Hintergrundfiguren funktionalisiert oder in patriarchalische Strukturen gezwungen werden.
Inzest bedroht die genealogische Stabilität der adeligen Herrschaftsstrukturen und ist zudem aus evolutionsbiologischer Sicht schädlich für den Fortpflanzungserfolg, wodurch er in den Texten als massives ethisches und faktisches Konfliktpotenzial thematisiert wird.
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