Magisterarbeit, 2003
101 Seiten, Note: N.N.
Einleitung
I. Eine Interpretation
I.1 Die ‚Kunst’
Zusammenfassung I.1
I.2 Die ‚Dichtung’
Zusammenfassung I.2
II. Vertiefung der gewonnenen Aspekte
II.1 Einleitung
II.2 Das Datum
I.3 Die Künstlichkeit der ‚Kunst’
I.4 Das Eigenste und das ‚Andere’
II.5 Körperlichkeit und Personalität
II.6 Sinn als ‚Richtung’
II.7 Das Phänomenale der Bilder und die Herrschaft des ‚Gedichts’
Die vorliegende Arbeit interpretiert Paul Celans Büchner-Preis-Rede „Der Meridian“ im Hinblick auf den zentralen Zusammenhang von radikaler Individualität und Freiheit. Die Forschungsfrage untersucht, wie Celan durch eine Auseinandersetzung mit dem Werk Georg Büchners eine Poetik entwickelt, die das Gedicht als Ausdruck eines endlichen, kreatürlichen Individuums begreift, das sich der technologischen und ästhetischen Entfremdung widersetzt.
I.1 Die ‚Kunst’
Ein mit dem Georg-Büchner-Preis Geehrter ist gehalten, Leben und Werk des Namenspatrons in seine Dankrede miteinzubeziehen. Celan folgt dieser Tradition und stellt bereits unmittelbar nach der Anrede an die „[...] Damen und Herren“ eine Verbindung her zum sogenannten ‚Kunstgespräch’ aus Dantons Tod:
„Die Kunst, das ist, Sie erinnern sich, ein marionettenhaftes, jambisch-fünffüßiges und – diese Eigenschaft ist auch, durch den Hinweis auf Pygmalion und sein Geschöpf, mythologisch belegt – kinderloses Wesen.
In dieser Gestalt bildet sie den Gegenstand einer Unterhaltung, die in einem Zimmer, also nicht in der Conciergerie stattfindet, einer Unterhaltung, die, das spüren wir, endlos fortgesetzt werden könnte, wenn nichts dazwischenkäme.
Es kommt etwas dazwischen.“
Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung der Interpretation von Paul Celans „Meridian“ ein, mit dem Fokus auf die Verknüpfung von radikaler Individualität und Freiheit.
I. Eine Interpretation: Dieser Teil analysiert Celans Auseinandersetzung mit Büchners Werk, um die Begriffe ‚Kunst’ und ‚Dichtung’ im Kontext seiner Poetik zu klären.
I.1 Die ‚Kunst’: Das Kapitel untersucht die Attribute der ‚Kunst’ (Marionettenhaftigkeit, Kinderlosigkeit) und deren Distanz zur konkreten, geschichtlichen Wirklichkeit.
Zusammenfassung I.1: Hier werden die Ergebnisse zur ‚Kunst’ gebündelt und der Formwille als zentrales, jedoch problematisches Merkmal herausgearbeitet.
I.2 Die ‚Dichtung’: Es wird untersucht, wie Celan die „Ich-Ferne“ überwindet und die Dichtung als Möglichkeit einer individuellen Sprachwerdung etabliert.
Zusammenfassung I.2: Eine abschließende Betrachtung der ‚Dichtung’, die Forderungen nach Geschichtlichkeit und Individualität zusammenführt.
II. Vertiefung der gewonnenen Aspekte: Dieser Teil vertieft die Ergebnisse mittels Materialien aus der Tübinger Ausgabe und einer phänomenologischen Perspektivierung.
II.1 Einleitung: Eine methodische Hinführung zur Auswertung der Entwürfe und Materialien zum ‚Meridian’.
II.2 Das Datum: Die Analyse des „20. Jänners“ als Chiffre für existenzielle Bedrohung und geschichtliches Eingedenken.
I.3 Die Künstlichkeit der ‚Kunst’: Eine Untersuchung des automatisierten, synthetischen Kunstverständnisses im Kontrast zum authentischen, kreatürlichen Sprechen.
I.4 Das Eigenste und das ‚Andere’: Das Herzstück der Arbeit, das die Solidarität und das Verständnis des Anderen als Voraussetzung für das Gedicht definiert.
II.5 Körperlichkeit und Personalität: Die Behandlung der Sprache als körperlich verankerte Äußerung eines Individuums im Raum.
II.6 Sinn als ‚Richtung’: Eine Neudefinition des Sinnbegriffs weg von semantischer Festlegung hin zu orientierender, lebendiger Bewegung.
II.7 Das Phänomenale der Bilder und die Herrschaft des ‚Gedichts’: Eine abschließende Reflexion über die „radikale Individuation“ und die antimetaphorische Bildlichkeit im Gedicht.
Paul Celan, Der Meridian, Georg Büchner, Radikale Individualität, Freiheit, Dichtung, Kunst, Geschichtlichkeit, Körperlichkeit, Phänomenologie, Gegenwort, Kreatürlichkeit, Utopie, Atemwende, Das Andere
Die Magisterarbeit untersucht Paul Celans Büchner-Preis-Rede „Der Meridian“ und interpretiert seine Poetik als Antwort auf die Frage nach radikaler Individualität und Freiheit.
Die zentralen Themen sind die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der ‚Kunst’, die Rolle der Geschichtlichkeit und Körperlichkeit sowie die Frage nach dem sozialen Potenzial dichterischer Sprache.
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie Celan das Gedicht als Raum freisetzt, in dem ein Individuum trotz der Bedrohung durch gesellschaftliche Normierung zu einer eigenen, „allereigensten“ Sprache findet.
Die Autor arbeitet primär mit einer textnahen Lektüre und einer systematischen Analyse der von Celan verwendeten Büchner-Zitate sowie mit einer Einbettung in phänomenologische Konzepte (u.a. Husserl).
Der Hauptteil gliedert sich in eine Interpretation der Begriffe ‚Kunst’ und ‚Dichtung’ sowie eine vertiefende Untersuchung der Motive, ergänzt durch Materialien aus dem Entstehungsprozess der Rede.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie „radikale Individuation“, „kreatürliche Sprache“, „Gegenwort“ und „Utopie“ charakterisieren.
Der Autor identifiziert den „20. Jänner“ als eine Metapher für äußerste geschichtliche Bedrohung, die in direktem Zusammenhang mit der Erfahrung des Holocaust und der Notwendigkeit des Eingedenkens steht.
Lucile fungiert als „Gegenwort“-Instanz; ihr Ausruf ist ein Akt der Freiheit, da er sich außerhalb konventioneller Rhetorik stellt und die Person hinter dem theatralischen Sterben der Revolutionäre sichtbar macht.
Während die ‚Kunst’ oft als marionettenhaftes, automatisiertes System erscheint, das Identität auslöscht, ist die ‚Dichtung’ für Celan ein individueller, „allereigenster“ Akt, der Solidarität und eine Begegnung mit dem Anderen ermöglicht.
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